Bild: Carolin Martz

Fühlen

James hat schon früh Haare verloren – und dann eine Transplantation gemacht

09.09.2017, 15:25

Immer, wenn James früher ein Foto von sich sah, erschrak er. Wer ist dieser Mann, der so alt aussieht?

James ist heute 26. Er findet, er habe früher älter ausgesehen. Denn wo jetzt volles schwarzes Haar wächst, waren vor mehr als einem Jahr noch Geheimratsecken.

An einem Dienstag im Spätsommer sitzt James in einem Kaffee in Hamburg, seiner Heimatstadt, und erzählt von der OP, die sein Leben verändert hat. Von den Spritzen in den Hinterkopf, von den Selbstzweifeln.

Alles begann vor sechs Jahren. James war gerade mal 20 und hatte seine Ausbildung zum Friseur beendet.

Ihm fällt zum ersten Mal auf, dass sein Haar immer lichter wird.

Ich konnte auf einmal nicht mehr jede Frisur tragen.

Er ist nicht wirklich überrascht. "Starker Haarausfall liegt bei uns in der Familie."

Seit er denken kann, habe sein Vater Geheimratsecken und schütteres Haar. Auch seinem Bruder gehe es mit 30 ähnlich.

Die Veranlagung in seiner Familie macht James Angst. Schon als 20-Jähriger probiert er, das lichter werdende Haar zu kaschieren: Mit viel Haarspray bringt er seine Haare in Form, versucht, die kahlen Stellen zu überdecken.

Schon ein Windstoß kann ihm die Laune verderben. Immer öfter hat er das Gefühl, man könne ihm bis auf die Kopfhaut schauen.

"Ungestylt aus dem Haus zu gehen war für mich nicht mehr vorstellbar."
James

Viele Männer leiden unter Haarausfall. Experten gehen davon aus, dass in Europa mehr als 80 Prozent der Männer im Laufe ihres Lebens von Haarausfall betroffen sind. Nur eben nicht so früh wie James.

James fühlt sich unwohl, die kahlen Stellen an seinem Kopf kratzen an seinem Selbstbewusstsein. Gerade für ihn als Friseur, wo die Haare immer Thema sind, man sich ständig im Spiegel sieht. Und Haare, die gehören ja auch irgendwie zum Gesicht, zum ersten Eindruck. In einer Zeit, in der es immer einfacher wird, sich selbst zu optimieren, empfindet James seine Haare immer mehr als Makel.

Haarausfall

Der menschliche Kopf zählt zwischen 90.000 bis 150.000 Haaren. Dass davon täglich 70 bis 100 Haare ausfallen, ist normal. Die Haare bilden sich nach. Anders bei Haarausfall: Die Haare wachsen nur noch seltener, kürzer und letztlich gar nicht mehr nach – wie bei James. 

Wann der Haarausfall fortgeschritten ist, bewerten Experten anhand der Hamilton-Norwood-Skala: Erst, wenn zwischen Geheimratsecken und einem kahlen Hinterkopf nur noch ein schmaler Streifen Haare wächst, spricht man von fortgeschrittenem Haarausfall.

Er überlegt, eine Glatze zu tragen, entscheidet sich aber dagegen. "Ich habe gedacht, die steht mir einfach nicht", erzählt er.

Stattdessen sucht er in den nächsten Jahren fieberhaft nach anderen Optionen, mit seinen Haaren wieder Frieden zu schließen. Von Produkten, die das Haarwachstum anregen, hält James nicht viel. "Die bringen mir ja nicht die Haare zurück, die ich schon verloren habe", sagt er.

Er denkt über Tabletten gegen Haarausfall nach. "Aber Ich hatte in Foren gelesen, dass einige Männer heftige Nebenwirkungen hatten, ihre Libido zum Beispiel total im Keller war." Das ist es ihm nicht wert.

"Okay James, das ist jetzt so, leb damit!", sagt er sich immer wieder. So richtig gelingen will ihm das nicht.

Ich war permanent gestresst, habe jede Minute darauf geachtet, dass meine Haare einigermaßen okay aussehen
James

Immer mehr beeinflusst das Thema auch seine Arbeit. Im Alltag trägt er nur noch Mütze.

Mit 24 stößt er im Internet schließlich auf etwas, von dem er sich viel verspricht: eine Haartransplantation. Dabei werden Haarfollikel einzeln aus dem Hinterkopf entnommen und in die Kopfhaut an den kahlen Stellen eingepflanzt. Diese modernste Form der Haartransplantation nennen Experten FUE-Methode (Follicular Unit Extraction).

"In Deutschland kostet diese Transplantation 6.000 bis 10.000 Euro", sagt James. Das sei für ihn finanziell nicht zu stemmen gewesen. Die OP in der Türkei durchführen zu lassen ist günstiger, 1950 Euro plus Flug. James wendet sich an eine Klinik in Istanbul.

James ist nicht alleine mit solchen Überlegungen. Allein 2013 reisten rund 360.000 Menschen für eine medizinische Behandlung in die Türkei, dreimal so viele wie noch im Jahr 2008. (SPIEGEL)

Dabei ist der Eingriff nicht ohne Risiken. "Viele Unternehmen in der Türkei arbeiten nicht nach deutschen Normen", sagt Reza Azar, Ärztlicher Leiter am Zentrum für Moderne Haartransplantation in Berlin. Der Spezialist warnt vor illegalen Anbietern, unzureichend geschultem Personal, falschen Prozedere.

(Bild: Carolin Martz)

Bei einem unsachgemäß durchgeführten Eingriff könnten umliegende Haarwurzeln nachhaltig so geschädigt werden, dass die Haare dort ausfallen. Shock Loss, nennt man das Phänomen.

Auch könnten sichtbare Narben zurückbleiben, wenn die Follikel maschinell entnommen werden oder das Ergebnis unnatürlich wirken, sofern die Haare falsch positioniert werden.

Dazu kämen generelle Risiken. "Vorübergehende Taubheitsgefühle, Infektionen der Kopfhaut und Schmerzen sind möglich", sagt Azar.

James ist sich der Risiken bewusst. So sehr er sich eine Veränderung wünscht, so sehr beschleichen ihn Zweifel – Horrorszenarien geistern durch seinen Kopf: Was, wenn es Komplikationen gibt? Was, wenn die Behandlung bei mir nicht funktioniert?

Er entscheidet sich gegen den Eingriff.

Im Internet liest James weiter Erfahrungsberichte und Blogs. Die Idee einer Haartransplantation lässt ihn nach wie vor nicht los.

Ich mochte meinen Körper. Nur meine Haare haben mein Selbstbewusstsein permanent gedrückt.
James

Ein Foto von ihm und Freunden habe ihm schließlich vor Augen geführt, wie weit seine Unzufriedenheit bereits reicht. "Ich empfand mich als alt, hässlich, war plötzlich neidisch auf meine Freunde", sagt er. Attraktiv oder nicht – für James nur noch eine Frage der Haardichte. Seine wenigen Haare, vor allem aber die eigene Verzweiflung darüber, wird James zu viel.

Mit 25 wendet er sich deshalb zum zweiten Mal an die Klinik in Istanbul. Und diesmal steht sein Entschluss fest.

Er wird es durchziehen.

Seine Familie reagiert verhalten. "Meine Mutter dachte, ich spinne. Sie wollte mich davon abbringen", erzählt James.

Auch viele seiner Freunde können die Entscheidung nicht nachvollziehen, halten den Eingriff für übertrieben. "Ich wusste aber, ich mache das Ganze nur für mich, im Endeffekt konnte mir da niemand reinreden", sagt er. Bei anderen Freunden stößt James aber auch auf Verständnis.

Vor allem eine Freundin steht von Anfang an hinter der OP und fliegt schließlich mit in die Türkei. "Die Tage vor der OP war ich so nervös, dass ich geraucht habe, obwohl ich das eigentlich nicht sollte", sagt er. Am Tag vorher machen die beiden noch Sightseeing in Istanbul.

Zur Ablenkung, James’ Gedanken kreisen zwischen Vorfreude und Angst.

Als er die Spritzen in den Hinterkopf und die Stirn bekommt, gibt es einen kurzen Moment, in dem er wirklich zweifelt. Ihm wird Kochsalzlösung unter seine Kopfhaut gespritzt, damit sie sich von der Schädeldecke abhebt. Die Spritzen stechen, die Flüssigkeit drückt sich ins Gewebe. "Da dachte mir kurz: James, was zur Hölle machst du hier?"

Sieben Stunden später befinden sich 3.000 Grafts aus James' Hinterkopf dort, wo vorher kahle Haut war. "So richtig realisieren konnte ich das erst, als ich wieder in Deutschland war", sagt James. Die nächsten Tage trägt er große Verbände, sein Gesicht ist geschwollen.

So verlief die Transplantation und die Heilung bei James:

1/12

Zurück in der Heimat verläuft der Heilungsprozess bei James ohne Komplikationen. Danach muss er warten. "Es ist normal, dass die Haare nach drei Wochen erstmal wieder ausfallen", sagt James. Entspannen kann er sich trotzdem nicht.

Er hofft und wartet.

Nach zwei Monaten dann erste Stoppel. Mitten auf seinem kahlen Ansatz wachsen tatsächlich wieder Haare. "Ich war heilfroh, als sich der Erfolg so langsam gezeigt hat", sagt er.

So sieht James heute aus.

So sieht James heute aus. (Bild: Carolin Martz)

"Bei Behandlungsfehlern kann der auch ausbleiben und nur 20 Prozent der Haare wirklich anwachsen", sagt Haartransplantations-Experte Azar. Da nur körpereigene Haarfollikel transplantiert werden, liege die Anwachsrate in der Regel aber bei 80 bis 100 Prozent.

So auch bei James.

Dass die Haarlinie nicht seine echte ist, ist für Laien schwer erkennbar. Die kahlen Stellen sind Vergangenheit.

Bereut hat James seine Entscheidung nicht. "Ich traue mich wieder auf Fotos und schneide nicht überall meinen Haaransatz ab", sagt der 26-Jährige. Auch die Mütze ist er los.

"Sich einfach wieder in der eigenen Haut wohlfühlen wie man ist, das ist das schönste Ergebnis."


Gerechtigkeit

"Warum ist die AfD so erfolgreich und gefährlich?"

09.09.2017, 15:09 · Aktualisiert: 09.09.2017, 15:10

Gibt man bei Google "Warum ist die AfD so...?" ein, liefert die Suchmaschine Vorschläge, wie man den Satz zu Ende führen könnte. Die ersten vier Fragen, die sich automatisch vervollständigen, sind: