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Fühlen

Von 36 bis 42 – Warum fallen Kleidergrößen so unterschiedlich aus?

03.06.2017, 16:40 · Aktualisiert: 03.06.2017, 18:02

Neulich dachte ich, ich könnte es noch einmal versuchen: Klamotten bei H&M kaufen, genauer gesagt, eine Kapuzenjacke bei H&M kaufen. Ich marschierte also in den Laden, rüber zum Ständer mit den Hoodies. Eigentlich trage ich irgendwas zwischen S und M, 36 und 38.

Aus Erfahrung weiß ich aber, dass das bei H&M nicht klappt. Also hängte ich mir Jacken in M, L und XL über den Arm, das Ganze in zwei Farben – beladen mit sechs Bügeln stapfte ich zur Umkleidekabine.

Am Ende passte keine.

Auf dem Nachhauseweg erinnerte ich mich an meine Lieblingsjacke aus der Schulzeit. Sie war braun. Sie war von H&M.

Und sie war Größe 42.

Damals war ich in der neunten oder zehnten Klasse, jedenfalls war ich schlanker als heute. Und noch mehr darauf bedacht, was andere über mich und meinen Körper denken. Ich erinnere mich, dass ich penibel darauf achtete, dass das Schild mit der Nummer 42 verdeckt ist, wenn ich meine Jacke über die Stuhllehne oder in der Umkleide an den Haken hängte. Freundinnen von mir schnitten die Schilder sogar ab, damit ja niemand sieht, "wie dick" sie sind. Wie dick sie in der Welt dieses einen Modelabels sind. Manche machen das bis heute.

H&M wird immer wieder wegen seiner Größeneinteilung kritisiert, zuletzt zum Beispiel von einer britischen Studentin: Lowri Byrne, 22, trägt eigentlich Konfektionsgröße 12 (in Deutschland wäre das eine 38). Als sie kürzlich bei H&M ein Kleid kaufen wollte, passte sie aber nicht mal in Größe 16. Auf der Facebookseite von H&M schrieb Lowri: 

Bitte bringt eure Kleidergrößen in Ordnung, denn das ist einfach nur lächerlich!

In dem Kleid der Größe 16 habe sie kaum atmen können, aber noch eine Nummer größer sei nicht verfügbar gewesen, schreibt Lowri weiter. Das sei nicht nur ärgerlich, weil sie das Kleid haben wollte. Viele Frauen würden sich die Größe, in der sie ein Kleidungsstück kaufen, zu Herzen nehmen

Als Lowri fragte, ob es das Kleid auch in Größe 18 gebe, habe der Verkäufer geantwortet: "Ach ja, das musst du ein paar Nummern größer nehmen." Lowris Reaktion bei Facebook: "Wenn ich es 3-4 Nummern größer nehmen muss, sollte euch das zeigen, dass ihr eure Größeneinteilung wirklich ändern müsst!"

Please sort your sizes out because this is absolutely ridiculous! I'm a size 12 and small busted and today in a H&M...

Posted by Lowri Byrne on Thursday, May 25, 2017


Hunderte Nutzer teilten und kommentierten den Post, nicht nur in Großbritannien. Eine Frau schrieb: "Ich trage Größe 10 und muss bei H&M 16/18 kaufen. Aber Ladies, damit ihr Bescheid wisst... bei Tesco ist es umgekehrt und ich gleite locker in Jeans der Größe 8."

Dass man sich nicht auf Größenangaben verlassen kann, dass eine 36 einmal passt, und einmal viel zu klein ist (oder auch zu groß), ist tatsächlich nicht nur ein Problem von H&M. In meinem Schrank hängen zwei Röcke von Esprit. Beide sind aus Wildleder, beide sitzen in der Taille, beide sind vorne geknöpft. Einer ist Größe 36, einer Größe 38.

Warum ist das so? Warum sind Kleidergrößen zum Teil so unterschiedlich?

In einem Statement zu Lowris Post sagte H&M: "Die Größen, die in Großbritannien angeboten werden, sind die gleichen wie in allen 66 Märkten, in denen wir arbeiten, sowie online. Da es keinen weltweit verpflichtenden Größenstandard gibt, sind Größen je nach Marke und Markt unterschiedlich." (BBC)

Aber zumindest innerhalb eines Landes und erst recht eines Labels sollten Konfektionsgrößen doch in etwa gleich sein. Oder?

Für Frauen in Deutschland gebe es relativ verlässliche Größentabellen, sagt Simone Morlock, Bekleidungsingenieurin und Forschungsteam-Leiterin bei den Hohenstein Instituten"Man weiß relativ gut, wie die durchschnittliche Frau hier aussieht." Die Hohenstein Institute vermessen seit 1957 regelmäßig die Körper von Tausenden Männern, Frauen und Kindern in ganz Deutschland. Auf Grundlage dieser Messungen wird dann eine Größentabelle erstellt. (Hier findest du die aktuelle Tabelle.)

Die meisten Hersteller in Deutschland würden mit dieser Tabelle arbeiten, sagt Morlock, aber: "Das ist keine Muss-Norm, sondern eine Kann-Norm. Jeder variiert die ein bisschen."

Wie unterschiedlich Figuren aussehen können, zeigt Silvana Denker mit ihrem Fotoprojekt:

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Der Bekleidungsingenieurin zufolge gibt es drei Gründe für die Größenunterschiede:

  1. Die Hersteller würden sich in der Regel an eine bestimmte Zielgruppe richten und ihre "Normalgröße" entsprechend anpassen. Junge Frauen hätten zum Beispiel meist eher eine ausgeprägte Hüfte und eine schmale Taille; bei älteren Frauen sei der Unterschied nicht mehr so groß, sagt Morlock.
  2. Die meisten Marken hätten außerdem eine modische Aussage, einen bestimmten Stil. Entsprechend seien die Klamotten zum Beispiel eher weiter oder enger geschnitten.
  3. Hinzu kommt die zunehmende Internationalisierung des Modemarkts: Unternehmen aus den USA oder Skandinavien würden sich zuerst einmal an Kunden in ihrem Land richten und mit einer anderen Größentabelle arbeiten, wenn sie überhaupt eine haben, sagt Morlock. H&M zum Beispiel kommt aus Schweden – und in Skandinavien seien Frauen eben dünner und größer.

Und es gibt noch ein Problem: In der Größentabelle stehen nur Maße, aber keine Körperformen – und die sind sehr unterschiedlich. Die eine Frau ist größer, die andere kleiner. Die eine hat einen großen Po, die andere einen kleinen.

Wir haben unterschiedliche Figuren, auch wenn wir gleiche Maße haben.
Simone Morlock

Das mache es für die Hersteller schwierig, Kleidung zu entwerfen, die passt, sagt die Expertin. Dass eine Frau einmal in Größe 38 passt und einmal nicht, sei also ganz normal.

Das Individuelle der Mode wird man nie ganz standardisieren können. Und die Frage ist auch, ob man das will.
Simone Morlock

Und trotzdem: Dass ein- und derselbe Körper bei manchen Labels als Größe 36 abgestempelt wird und bei anderen als 42, erscheint doch ziemlich absurd. Aber vielleicht muss es genau diese Größenvielfalt geben, damit am Ende alle Kleidung finden, in der sie sich wohlfühlen? 

Simone Morlock jedenfalls empfiehlt, ein bisschen Zeit zu investieren, um eine Marke zu finden, die wirklich gut zum eigenen Körper passt. Auch dann müsse man aber damit rechnen, nicht immer die gleiche Größe zu haben – schließlich habe auch das Material einen enormen Einfluss auf die Passform.

Für mich heißt das wohl: einfach nicht mehr bei H&M einkaufen.


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