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  3. Gewalt im Porno: Welchen Einfluss hat die Darstellung von Sex auf unsere Gesellschaft?

Bild: Schnick Schnack Schnuck

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Diese Filmcrew will Pornos an Schulen bringen

16.03.2016, 18:23 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:28

Jugendliche verdienen besseren Aufklärungsunterricht.

Oft, hart, lange. Männlich, dominant. Face Rape. Viele Pornos folgen diesem Muster, das Maike Brochhaus, 30, und ihr Partner Sören Störung, 35, durchbrechen wollen. Mit ihrem selbsternannten Öko-Fairtrade-Bio-Porno "Schnick Schnack Schnuck" eröffneten sie zuletzt das Pornfilm Festival in Berlin.

Mit bento haben sie darüber gesprochen, was Porno mit der Gesellschaft macht.

Maike, Sören, direkt mitten ins Thema: Trägt herkömmlicher Porno zu sexualisierter Gewalt und Rape Culture bei?

Maike: Das ist so ein bisschen wie mit Ballerspielen und Amokläufern: Kein Porno bringt eine stabile Persönlichkeit dazu, sexuell gewalttätig zu werden. Es kann aber begünstigend wirken, wenn jemand sowieso schon eine Neigung zu Gewalt hat oder instabil ist. Dann glaube ich schon, dass bestimmte Bilder in der Pornografie sexuelle Gewalt befördern können.

Es gibt auch wirklich eine Art Rape Culture innerhalb der Pornografie, im BDSM-Bereich, dabei wird Vergewaltigung in einem sexuellen Spiel nachgestellt. Das ist natürlich etwas völlig anderes, als wenn du wirklich eine Vergewaltigung abfilmst und als Pornografie ins Netz stellst.

Fotostrecke: So sieht es am Set aus

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Wie kann jemand so etwas "nur spielen"?

Sören: Zum einen gibt es Leute, wie die von Kink.com, die Vorzeige-BDSM-Filmer. Die machen super krasse Sachen, sitzen aber hinterher immer zusammen, sprechen darüber, dass alles nur gespielt ist. Denen glaube ich das auch. Daneben gibt es eine große Grauzone, bei der die Darstellerinnen oft nicht genau wissen, was sie am Set erwartet, die Typen und Regisseure wollen natürlich, dass es richtig knallt. Die Frauen machen notgedrungen mit, weil sie ja schließlich gebucht wurden und die Kohle brauchen, hinterher rechtfertigen sie das mit: "Ich steh halt drauf". Ich glaube, man kann schon oft von Vergewaltigungen sprechen.

Maike: Genauso gibt es aber auch die selbstbewussten Pornodarstellerinnen, die Bock auf härtere Sachen haben, das gerne machen und emanzipiert sind. Wir sieben bei unseren Darstellern von vornherein die aus, die es nur für das Geld machen würden: Bei uns verdienen sie nämlich nur, wenn der Film Geld abwirft, zunächst arbeiten alle für umsonst. Wir thematisieren auch vorher bei der Besprechung des Drehbuches persönliche Grenzen. Dabei ist es jederzeit okay, Nein zu sagen.

Selbst wenn die Bedingungen stimmen: Brauchen wir solche gewaltsamen Sexszenen überhaupt?

Maike: Ich halte es für falsch, die Darstellung von BDSM oder Pornografie zu verbieten, weil man sie für potentiell gefährlich hält. Das ist letztlich die gleiche Debatte wie bei den Ego-Shootern. Ich kann mir außer ein paar kleineren Machtspielen zwar keine krassen BDSM-Szenen in meinen Filmen vorstellen, weil ich daran persönlich nicht so interessiert bin und glaube, dass das nicht in die Art Film passt, die wir machen. Es gibt aber eben Menschen, die BDSM sehr wohl anmacht. Sie sollten sich Filme ansehen können, die unter vernünftigen Bedingungen entstanden sind. Ob jemand solche Szenen sehen will oder nicht, sollte ihm überlassen bleiben.

Angenommen gewaltsame Pornos können labile Personen tatsächlich negativ beeinflussen, inwiefern habt ihr mit euren Pornos einen positiven Einfluss?

Maike: Wenn wir einem Sexualstraftäter, der zum Zeitpunkt seiner Tat voll sozialisiert ist, jetzt mit irgendwelchen alternativen, feministischen Frauenrechtspornos kommen, bringt das wahrscheinlich nicht mehr so viel. Es ist aber etwas anderes, wenn so jemand schon in der Schule über Pornografie aufgeklärt wurde und zu unterscheiden weiß zwischen sexuellem Spiel, das vielleicht auch mal ein bisschen härter sein kann, und sexueller Realität.

Wann sollten wir denn anfangen, Pornos zu gucken?

Maike: Eigentlich sollte man schon im Sexualaufklärungsunterricht in der Schule über Pornografie reden und den Jugendlichen die nötige Medienkompetenz vermitteln, um Sex im Porno und in der Realität voneinander zu trennen.

Sören: Wir haben deswegen auch ein Problem mit der FSK. Irgendwann hat irgendwer gesagt, Pornografie ist FSK 18, um Jugendliche zu schützen. Das war sicherlich ein integrer Gedanke, weil Pornografie damals grundsätzlich sexistisch war. Aber nun kommen wir aus der FSK-Nummer nicht mehr raus. Dabei ist der Sex in unseren Filmen komplett gewaltfrei, junge Menschen sollten das eigentlich sehen. Deswegen sollte man kein noch größeres Regelwerk aufstellen und etwas verbieten, sondern eher die Konsumenten und die Produzenten ändern.

Wie wollt ihr das als Filmemacher konkret machen?

Maike: Wir spielen mit Geschlechterstereotypen. Es ist nicht immer der heterosexuelle, dominante Mann und die devote, passive Frau. Wir haben versucht, starke Frauencharaktere zu erschaffen, die auf humorvolle Weise dominant sind. Und bei "Schnick Schnack Schnuck" haben wir uns sogar gefragt, ob wir die Männer nicht vielleicht zu weich dargestellt haben.

Es gibt keine langen Penetrationsszenen, kein Dampfhammervögeln und auch der Penis ist nicht immer erigiert, was ja auch auf die Männer Druck ausüben kann. Es gibt keinen Zwang, als Zuschauer lernt man die Charaktere kennen, sie sind selbstbestimmt und haben ehrlich Bock auf das, was sie machen. Zusätzlich thematisieren wir sogar, dass Porno kein echter Sex ist, dass er immer ein bisschen anders aussieht und wirkt, als der Sex zu Hause.

Sören: Es wird immer Idioten geben, gestörte Männer, die zu wenig Liebe abgekriegt haben und ihren Hass auf Frauen projizieren, sie finden es in Ordnung, Frauen zu missbrauchen und ein Arschloch zu sein. Dagegen brauchen wir eine Gesellschaft, die diese Typen ächtet und nicht nur belächelt. Aber so eine Veränderung dauert lange und mit 18 ist es leider auch schon fast zu spät, damit anzufangen. Dabei ist es ganz einfach: Wer ficken will, muss freundlich sein!

Maike Brochhaus

Maike Brochhaus (Bild: Alena Schmick)

Wer ist ​Maike Brochhaus?

Maike Brochhaus ist Pornoregisseurin, Lehramtsreferendarin und beschäftigte sich auch wissenschaftlich mit Pornografie in der Kunst. Schnick Schnack Schnuck ist ihr zweiter Film. Bereits 2013 erschien Maikes dokumentarisches Erstlingswerk Häppchenweise. Das Drehbuch für ihren zweiten Film hat sie zusammen mit Freund Sören Störung geschrieben. Sie führte Regie und Sören ist Darsteller, kümmerte sich um Filmschnitt und Musik. Anfang des Jahres sind die beiden Eltern geworden und wollen ihre Tochter selbstverständlich zu einer selbstbestimmten und medienkompetenten Frau erziehen.

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