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Fühlen

Warum meine Schwester meine einzig wahre Seelenverwandte ist

09.04.2016, 14:27 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:29

Freundschaft ist dagegen nichts.

Es begann mit Tomaten. Ich, neun Jahre alt und sehr offen für Unsinn, zog eine nach der anderen aus der Gemüseschüssel und legte sie sorgfältig um den Körper meiner Schwester. Sie war noch ein Baby, lag verdutzt in ihrer Wippe.

Dann rannte ich von der Küche ins Wohnzimmer, schrie vor Lachen, tanzte über den Teppich. Das Baby mit den Tomaten blieb stumm. Aber es betrachtete mich eindringlich, verfolgte mich mit seinem Blick, lächelte.

Seitdem, und das ist bald zwei Jahrzehnte her, ist meine acht Jahre jüngere Schwester meine Seelenverwandte.

1998: Baby und Tomaten, warum auch nicht!

1998: Baby und Tomaten, warum auch nicht! (Bild: Nike Laurenz / bento)

Sie toleriert meine Neckereien und Späße, weil sie den gleichen Humor hat. Wir verstehen uns nonverbal, schätzen andere Menschen ähnlich ein, wir analysieren die Verhältnisse trotz unseres Altersunterschiedes gleich: Findet sie etwas ungerecht, finde ich das auch. Ist sie von etwas genervt, bin ich es mit. Fürchte ich mich, hat auch sie Angst.

Wir haben über Jahre Wand an Wand geschlafen, waren immer zur gleichen Zeit krank, haben uns dann gesund gepflegt. Wir haben dieselben Eltern.

Beste Freundschaften können zerbrechen, wir hingegen würden auf den anderen niemals etwas kommen lassen.

"Geschwisterbeziehungen sind einmalig, weil es keine andere Form der Beziehung gibt, in der dieselbe Biologie und Soziologie geteilt wird", sagt Michael Schulte-Markwort, Kinder- und Jugendpsychiater an der Uniklinik Hamburg-Eppendorf.

Seine Beobachtung: "Geschwister können sich wie sonst niemand ineinander hineinfühlen. Sind sie vom gleichen Geschlecht, verstärkt sich das noch einmal."

2001: Passt du in den Puppenwagen, Schwester?

2001: Passt du in den Puppenwagen, Schwester? (Bild: Nike Laurenz / bento)

Stärke. Meine Schwester und ich verliehen sie uns im Laufe der Jahre wieder und wieder. Als sie mit der ersten Fünf nach Hause kam, tief enttäuscht. Als ich in eine andere Stadt zog, kurz vor einem wichtigen Bewerbungsgespräch. Als ich niemandem, nicht einmal Freundinnen, verraten wollte, dass ich jemanden kennengelernt hatte im Auslandssemester.

Als neulich die Schwester einer Freundin von uns starb, fragten wir uns fassungslos: Wie würden wir eine Katastrophe wie diese verkraften?

Wir stellten fest: Wir können uns das nicht vorstellen – wie es sein muss, wenn eine heile Familienwelt kaputt geht. Und vielleicht ist unser Verhältnis nur so gut, weil wir noch nie etwas Furchtbares erlebten.

2002: Ich fahr dich in der Tonne rum, gefällt uns!

2002: Ich fahr dich in der Tonne rum, gefällt uns! (Bild: Nike Laurenz / bento)

Der Beistand meiner Schwester besteht seit jeher in der Herausforderung, mit mir zusammen aufgeregt zu sein, traurig, glücklich, melancholisch. Mein Beistand besteht vor allem in dem Versuch, sie zu beschützen.

Liebeskummer: "Lass uns hässlich aussehen, im Schlafanzug Fernsehen", sagt sie dann. Wenn ich die Heimat für ein Studium verlassen muss: "Vergiss nie, wir lieben Miley Cyrus, auch wenn du dort draußen nicht dazu stehen kannst." Und mein Glückwunsch-Gruß bei der Zusage zu ihrem Praktikum: "Ohne Witz, ich hab das gefühlt."

Meine Schwester bereichert mich, indem sie ist.

Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu meinen Eltern. Sie haben uns zu Wurzeln und Flügeln verholfen und zwar so, dass wir beim Fliegen und Landen nie allein waren.

Doch das Verhältnis zu meiner Schwester ist anders: unangestrengter vielleicht, intensiver, es hat etwas Exklusives.

2001: Ich helf dir auf die Beine, für immer.

2001: Ich helf dir auf die Beine, für immer. (Bild: Nike Laurenz / bento)

"Geschwister haben immer bessere Beziehungen zueinander", sagt Michael Schulte-Markwort. "Das liegt daran, dass Eltern viel verständnisvoller mit ihren Kindern umgehen als früher. Sie gehen auf sie ein, reagieren auf sie." Dadurch würden sich auch die Beziehungen der Geschwister untereinander positiv verändern.

Konkurrenzsituationen entstünden seltener, weil Eltern ihren Kindern mit mehr Feingefühl näher bringen, dass sie Zuwendung und Materielles teilen müssen – das sei vor ein paar Jahrzehnten noch anders gewesen. "Heute steckt man mehr Zeit in Erziehung."

Konflikte würden so auch viel schneller gelöst: "Weil sich Eltern bewusst einschalten und schlichten – anstatt, wie früher, einfach davon auszugehen, dass Gezanke unter Geschwistern nun mal leider dazugehört."

Streit. Den gibt es. Meistens dann, wenn das Leben Fragen stellt.

2004: Wer hat hier gekrümelt?

2004: Wer hat hier gekrümelt? (Bild: Nike Laurenz / bento)

Frage: Wer holt Wasser aus dem Keller? Antwort: "Ich nicht, ich bin die letzten neun Male schon aufgestanden." Frage: Wer hat hier so mit Chips gekrümelt? Antwort: "Also, ich habe meinen Teil der Krümel weg gemacht, das kann nur sie gewesen sein!" Frage: Wer zum Teufel hat mein schwarzes Oberteil? Antwort: "Ups."

Wir wissen: Geschwisterbeziehungen können auch scheitern. Wir bekommen das mit bei anderen, da distanzieren sich Brüder voneinander, Schwestern sind auf ewig miteinander verfeindet.

Bei uns jedoch hält Wut nur selten länger an: Früher eilten Mutter oder Vater herbei zur Einleitung deeskalierender Maßnahmen. Heute klären wir die Sache selbst, weil eine von beiden nach zehn Minuten Anpampen plötzlich gackert.

Statt uns in den Rücken zu fallen, amüsieren wir uns gemeinsam über die Eltern, haha, der kann dies nicht, die kann das nicht. Guck mal bitte, wie langsam Vater die Tasten der Tastatur drückt! Und was bitte soll das sein, das Mutter da als Tischdekoration bezeichnet? Verstehen wir nicht, finden wir urkomisch, prust!

Ein liebesvolles Amüsieren ist das, sagt Michael Schulte-Markwort: "Ein Amüsieren, das Zusammenhalt signalisiert."

2014: Wir lieben uns – und Miley Cyrus.

2014: Wir lieben uns – und Miley Cyrus. (Bild: Nike Laurenz / bento)

Seit ich von meiner Familie getrennt lebe, hat sich unsere Beziehung verändert. Wir necken uns weniger, dafür fehlt der gemeinsame Alltag in der gemeinsamen Welt. Wir wissen nicht immer direkt, wie es dem anderen geht – sie macht Abi, ich bin im Beruf, wir sind beide gestresst.

"Wenn man älter wird, geht es darum, sich immer wieder darauf zu besinnen, sich nicht aus den Augen zu verlieren. Man muss sich gegenseitig ermuntern, darauf zu achten", sagt Michael Schulte-Markwort. "Manchen fällt das leider zu spät ein im Leben."

Meine Schwester und ich telefonieren nicht oft, dafür senden wir uns Sprachnachrichten: "Lebst du noch? Wo bist du gerade? Jetzt erzähl doch mal!"

Die Antwort kommt nicht immer direkt. Es kann ein paar Tage dauern. Aber dann geht es los: Man, bin ich hibbelig. Oh Gott, ich schreib morgen Mathe. Hast du eigentlich noch das blaue Kleid mit weißen Punkten, kannst du mir das schicken, das wäre grandios. Ach, ich vermisse dich.

Wir reden dann lange so, manchmal für mehrere Stunden. Am Ende empfinde ich Sehnsucht und will nach Hause. Denn da, und es ist sehr lange her, war doch was. Was mit Tomaten.


Haha

Dinge, die Du kennst, wenn Du an der TU Braunschweig studierst

09.04.2016, 13:21 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:29

Die TU Braunschweig ist die älteste Technische Universität Deutschlands, sie liegt in der forschungsstärksten Region der Europäischen Union und in der zweitgrößten Stadt Niedersachsens. Relativ viel Prestige also. Als Studierender hast du aber meist mit viel alltäglicheren Eigenarten deiner Hochschule zu tun: