1. Startseite
  2. Fühlen
  3. Generation Beziehungsunfähig: Nur ein Ausrede oder ein wirkliches Problem?

Bild: Michelle B. / cc by-nd

Fühlen

Wir sind alle beziehungsunfähig

16.03.2016, 08:42 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:28

Aber manchmal können wir gar nichts dafür.

Ihr versteht euch super, könnt zusammen lachen, netflixen und reden. Plötzlich ist das vorbei. Du fragst nach, es heißt nur: "Sorry, ich bin halt beziehungsunfähig." Zurück bleiben ein gebrochenes Herz und ein Kopf voller Fragen. Was habe ich falsch gemacht?

Die Antwort ist meist einfach: wahrscheinlich nichts. Beziehungsunfähigkeit ist nämlich oft nur eine Ausrede. Und die sollte niemand einfach hinnehmen und erst recht nicht selbst benutzen.

So sieht Liebe aus, die funktioniert – Frühlingsgefühle in Bildern:

1/6

Der Berliner Autor Michael Nast hat dem Thema ein ganzes Buch gewidmet, "Generation Beziehungsunfähig“. Darin beschreibt er, warum wir uns so verhalten, wie Tinder die Partnersuche beeinflusst und wie egoistisch wir geworden sind.

Mal darüber nachdenken – oder es besser gleich sein lassen.

Mal darüber nachdenken – oder es besser gleich sein lassen. (Bild: Pixabay)

Laut Nast benehmen wir uns nämlich auch in der Liebe wie Kunden. Ein gutes Beispiel dafür seien Dating-Apps, die wie Online-Shops strukturiert sind. "Dort geben wir bei der Partnerwahl den gleichen Impulsen nach, wie beim Einkaufen", sagt Nast. Das kultiviere Unverbindlichkeit, in der wir uns bequem einrichten würden.

Auf diese Unverbindlichkeit kleben wir dann einfach das Label "beziehungsunfähig" und machen heiter weiter. Wir vergessen, dass Menschen keine Produkte sind, die bald in einer besseren Version erhältlich sind.

Was steckt wirklich dahinter?

Beziehungsunfähigkeit kann zum Beispiel eine Ausrede dafür sein, jemanden nicht gut genug zu finden. Nach dem Motto: "Zeit verbringen mit der Person: Ja. Mit der Person eine Liebesbeziehung anfangen: Nein".

Es kann auch eine Ausrede dafür sein, dass man im Geheimen noch an dem oder der Ex hängt. Ohne das vor sich selbst oder der Welt zuzugeben: Es ist dann nicht genug Energie für eine neue Liebe vorhanden.

Gut oder schlecht?

Gut oder schlecht? (Bild: Pixabay)

Manchmal muss die Ausrede "Ich bin beziehungsunfähig" allerdings auch herhalten, wenn das Interesse über Sex nicht hinausgeht.

Der eine will nur Sex, der andere Frühstück im Bett und Sonntagsspaziergänge. "Kann man sich mit jemandem keine Zukunft vorstellen, ist es ein einfacher Weg, die Schuld auf sich zu nehmen", sagt Nast. Diese Ausrede ist jedoch besonders fies, weil man den anderen bewusst täuscht.

Warum nicht sagen, was Sache ist?

Manche Menschen sind konfliktscheu – es fällt ihnen schwer, sich mit anderen auseinanderzusetzen. Und je mehr Emotionen im Spiel sind, desto unangenehmer kann es werden. Die Beziehungsunfähigkeits-Karte zu ziehen ist der einfachere Ausweg.

Wieder andere haben kein Rückgrat und sind eher egoistisch.

Beziehungsunfähigkeit als Ausrede zu nennen ist in jedem Fall bequem: "Dinge zu etikettieren ist immer beruhigend. Dann weiß man, dass man nicht allein ist. Die Gefahr liegt allerdings darin, dass man sich darauf ausruht", sagt Nast.

Eins werden – und doch zu zweit bleiben.

Eins werden – und doch zu zweit bleiben. (Bild: Pixabay)

Ist das nicht krank?

Es gibt sie aber auch, Menschen die wirklich beziehungsunfähig sind.

"30 bis 40 Prozent der Menschen haben tatsächlich Probleme mit Beziehungen", sagt Psychotherapeutin und Autorin Stefanie Stahl ("Vom Jein zum Ja! Bindungsangst verstehen und lösen").

Eine Bindungsstörung ist also eine ernste psychische Störung, die mit einer Therapie behandelt werden muss. „Sie umfasst ja nicht nur Liebesbeziehungen, sondern alle Beziehungen zu Menschen“, sagt Michael Nast.

Fotostrecke: Auf der Suche nach Nachhaltigkeit fotografierte der australische Fotograf George Downing seine Tinder-Dates

1/8

Die Wurzeln einer solchen Bindungsstörung liegen laut Stefanie Stahl meist in der Kindheit: „Dahinter steckt oft das tiefe Gefühl, dass man so, wie man wirklich ist, nicht geliebt werden kann. Und die Angst, Erwartungen erfüllen zu müssen."

Das passiert, wenn Eltern ihre Liebe zum Beispiel immer an Erwartungen geknüpft haben.

Diese Menschen denken, sie könnten in Beziehungen nicht authentisch sein und trauen sich nicht, sie selbst zu sein. Dann beschleicht sie das Gefühl, sich selbst zu verlieren. Die Folgen: Freiheitsdrang, Ausbruch und Rückzug.

Was tun, wenn man in jemanden verliebt ist, der beziehungsunfähig ist?

Ein guter Weg: mutig sein und das Problem ansprechen. "Erst wenn man sich der Prägung bewusst wird, kann man sie ändern", erklärt Stahl. Der Blick in ein Ratgeberbuch oder ein Besuch beim Therapeuten könne auch helfen.

Was ist, wenn die Person aber gar nichts ändern will?

"Egal, ob es eine Ausrede oder eine ernste Störung ist: Das Ergebnis ist dasselbe“, sagt Stahl. Die Beziehung wird wahrscheinlich nicht funktionieren.

Auf keinen Fall solle man versuchen, den anderen von sich zu überzeugen. Das killt nur den Selbstwert und rettet die Beziehung fast nie.

War das Liebe, oder... ja, was eigentlich?

War das Liebe, oder... ja, was eigentlich? (Bild: Zephyrance Lou / cc by-nd)

Mut zur Ehrlichkeit

Also: Machen wir Schluss mit der Ausrede "Beziehungsunfähigkeit". Wenn wir immer den vermeintlich leichteren Ausweg nehmen und auf die nächstbessere Möglichkeit warten, verlernen wir echte Nähe und Intimität.

Das führe in eine absolute Unverbindlichkeit: Niemand könne sich mehr auf den anderen verlassen. "Wir müssen unsere extreme Ich-Bezogenheit überwinden“, sagt Nast. Das passiere zum Beispiel, wenn man sich wirklich verliebt.

Bis es soweit ist, ist es natürlich völlig okay, keine richtige Beziehung haben zu wollen. Das sollte dann aber ehrlich und transparent gemacht werden. Jemandem zu sagen "Ich will keine Beziehung" und trotzdem weiter dessen Nähe zu suchen, ist unfair.

Und jetzt du: Wie beziehungsfähig bist du?

Abonniere unsere besten Stories und erhalte sie jede Woche per E-Mail:

Jede Woche unsere
besten Stories per Mail