Fühlen

Was würdest du aus deiner brennenden Wohnung retten?

30.07.2017, 14:18 · Aktualisiert: 30.07.2017, 15:29

Dinge, die uns viel bedeuten

Auf den ersten Blick sind es einfach nur Gegenstände. Nicht einmal besonders wertvolle. Ein Notizbuch zum Beispiel, oder ein Album. 

Doch für manche können sie viel mehr als das sein: Dinge, die wir als erstes retten würden, wenn unser Haus brennen oder Wasser in die Wohnung laufen würde.

Wir verbinden damit eine persönliche Geschichte. Vielleicht, weil die Dinge uns an einen lieben Menschen erinnern, oder auch an ein Gefühl, das wir festhalten wollen.

In der Redaktion haben wir uns gefragt: Was würden wir wählen, wenn wir aus unserem gesamten Besitz nur ein Teil retten könnten?

Basti: Schuhkarton

(Bild: bento / Basti Maas)

Meine Mutter hat mir den Karton zum Abi geschenkt, darin waren alte Bilder, die ich als Kind im Kindergarten und in der Grundschule gemalt habe. Sie hat auch ein Foto von mir mit meiner Schultüte daraufgeklebt.

Das fand ich so süß, dass ich einfach weiter gesammelt habe. Weil ich aber keine Bilder mehr male, habe ich angefangen, andere Erinnerungen aus meinem Leben aufzuheben.

Jetzt sind all meine Flug- und Konzerttickets, Eintrittskarten, und andere Erinnerungen von Reisen und Feiern drin. Falls ich mal Alzheimer bekomme, will ich mich damit daran erinnern können, was ich alles erlebt habe.

Ich will mich an mein Leben erinnern
Basti

Immer, wenn ich mit Freunden eine tolle Party gemacht, mit meiner Freundin einen Film im Kino geguckt habe oder verreist bin, habe ich mir ein kleines Memento aufgehoben. 

Ganz weit oben: Das "Dr. Dr. Sunshine"-Namensschild, als der ich auf dem Karneval verkleidet war. Am Tag danach hat Klaas von Circus Halli-Galli ein Foto von mir im Kostüm getwittert.

Miriam: Silberne Kette

Zu meiner Firmung vor zehn Jahren schenkte mir mein Bruder eine Kette, die er von seinem Erasmus-Semester in Spanien mitgebracht hatte. Seitdem trage ich die Kette fast jeden Tag. 

Besonders in Momenten, in denen ich mich selbstbewusst fühlen will: Ich hatte sie bei meiner Abiturprüfung an, trug sie, als ich von zu Hause auszog, und als ich meinen ersten richtigen Job begann. 

Entsprechend groß war das Drama, als ich die Kette zweimal hintereinander verlor. Mein Bruder hat sie mir aber beide Male in Spanien nachgekauft. Danke dafür, großer Bruder!

Franzi: Portemonnaie

Das hab ich bei meiner ersten großen Reise in Indonesien gekauft. Das Innenfutter hat sich nach ein paar Monaten komplett aufgelöst, die Kartenfächer funktionieren nicht, ich kann alles immer nur in ein großes Fach stopfen und verliere ständig die Hälfte – aber ich kann es nicht aufgeben.

Obwohl mir Freunde schon neue Geldbeutel geschenkt haben. Aber an denen hängen keine Erinnerungen.

Gesa: Handsignierte Potter-Ausgabe

(Bild: bento / Gesa Mayr)

Ich kann es nicht leiden, wenn Menschen schlecht mit Büchern umgehen. Wenn sie sie aufgeklappt liegen lassen, bricht das den Buchrücken und mir das Herz.

Ich habe mich deswegen schon mal fürchterlich mit meiner Mutter gestritten, als es ihr einfiel, in meine Ausgabe von "Die Welle" ein Eselsohr zu knicken.

Einer Freundin aus dem Studium habe ich bis heute nicht richtig verziehen, dass sie mir "Die Teerose" von Jennifer Donnelly mit einem Kaffeefleck auf dem Einband zurückgab.

Aber ich kann auch keine Bücher wegschmeißen. 

In meinem Regal steht eine deutsche Erstausgabe von "Harry Potter und der Stein der Weisen". Sie ist signiert und sie bedeutet mir sehr viel.

Weil ich den Bücherfimmel habe, klar, aber auch, weil sie mich daran erinnert, wie sehr mich diese Geschichte geprägt hat. Mich, meine Geschwister und meine Familie. 

Wir haben diese Bücher gelesen, vorgelesen, wieder gelesen. Irgendwann gab es die Bände als Hörbuch und das war die Zeit, in der Rufus Beck in unserem bordeau-roten Volvo V70 nur von der Stauschau unterbrochen werden durfte.

Wir haben diese Bücher gelesen, vorgelesen, wieder gelesen.
Gesa

Im Sommer 1998 kauften wir Tickets für eine Autorenlesung. Da saßen wir also, in der Bonner Innenstadt in einer Buchhandlung namens "Bouvier", und warteten auf die Frau, die dafür gesorgt hatte, dass bei uns zuhause ständig Sätze fielen wie: "Dann bist du schneller raus, als du Quidditch sagen kannst." Diese Erinnerung würde ich wirklich sehr ungern verlieren.

Marie: Drachen-Ohrring

Den Ohrring habe ich von meiner Mutter geschenkt bekommen, sie trug ihn ebenfalls in ihrer Jugend. Irgendwann war ich damit auf einem Punk-Konzert. Es war die ganze Zeit aufgeheizte Stimmung – und die Polizei kam.

Aber die Punks verbarrikadierten den Laden. Irgendwann schrie einer: "Die Bullen stehen mit einem Rammbock vor der Tür!" Kurz darauf: Stille. Wir hörten nur das dumpfe Schlagen des Rammbocks. Ein-, zweimal. Kurz darauf brach Panik aus. Wir flohen über den Hof. Und ich verlor meinen Ohrring. 

Als ich das bemerkte, dachte ich nur "Fuck" – und mein Herz fühlte sich mit einem Schlag schwerer an. Während wir im Nachbarhaus stundenlang warteten, dass die Polizei das Gebäude nebenan stürmte, beschloss ich, ihn zu suchen

Nach kurzer Zeit fand ich ihn wieder, ein paar Etagen tiefer im Treppenhaus. Der Haken war ein wenig verbogen, aber das ließ sich schnell beheben.

Das "Museum of Broken Relationships" zeigt Gegenstände, die an gescheiterte Beziehungen und zerbrochene Träume erinnern:

1/12

Julia: Tagebücher

Seit ich 12 oder 13 war, schreibe ich Tagebuch. Nicht täglich, manchmal nur alle paar Monate, aber oft genug, um damit ein gutes Dutzend Bücher zu füllen. 

Das Schreiben hilft mir, meine Gedanken zu ordnen und Erinnerungen, beispielsweise auf Reisen, festzuhalten. Ich schreibe dann lieber, als Fotos zu machen

Aber die Bücher sollen nicht nur für mich sein. Vor Kurzem hat meine Mutter mir aus ihrem alten Tagebuch vorgelesen und ich fand es unglaublich schön zu hören, was sie in meinem Alter bewegt hat.

Ich stelle mir immer vor, wie meine eigenen Kinder mal meine Gedanken lesen werden, wenn es mich nicht mehr gibt. 

Nike: Fotoalbum

Nach jeder Reise sitze ich für mehrere Stunden auf meinem Sofa, inmitten von Fotos, Klebe-Ecken und Filzstiften. Die Erfahrungen, die ich unterwegs gemacht habe, verarbeite ich so.

Ich bin in diesen Stunden nicht ansprechbar, ich bin versunken im Einkleben der Fotos. Es sind nur ein paar Bilder von Landschaften dabei, vielmehr stelle ich die Fotos zusammen, auf denen Menschen zu sehen sind – auch ich selbst. 

Wir beim Eis essen, wir in schweren Wanderschuhen bei einer Vulkanbesteigung, mein Bauch mit Mückenstichen übersät, Freunde, die im Flugzeug Grimassen machen. 

Meine Fotos erzählen, wie wir uns verändert haben
Nike

Diese Menschenbilder lassen mich zurückdenken an die vielen Situationen, die eine Reise unvergesslich machen. 

Vor Kurzem war ich in Israel, habe Jerusalem und Ramallah besucht und dort viel über den Israel-Palästina-Konflikt gelernt. 

Ich habe auch Leute getroffen, die in diesen Städten leben, ich habe andere Reisende kennengelernt. Meine Fotos werden auch in 20 Jahren noch erzählen, wie wir in all diesen Momenten aussahen, wie es uns ergangen ist, wie wir uns verändert haben.

Und ihr? Habt ihr auch Dinge, die euch so viel bedeuten, dass ihr sie retten würdet?  Dann macht mit! Wir sammeln die Beiträge und veröffentlichen sie – natürlich anonym – bei bento!  


Today

Alles, was du heute über die Wahl in Venezuela wissen musst

30.07.2017, 13:05

Menschen mit selbstgebastelten Schutzschildern aus Holz und Plastik schleudern Steine oder Molotowcocktails auf ihre Gegner. Über ihre Münder und Nasen haben sie Tücher gebunden, tragen Helme auf dem Kopf oder Gasmasken im Gesicht. In den Straßen brennt Feuer

Diese Bilder gehören in Venezuela mittlerweile zum Alltag.