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27.06.2018, 14:57 · Aktualisiert: 28.06.2018, 12:20

Eigentlich war mir Fußball egal...

Es ist der 3. Juli 2010, in Südafrika läuft das Viertelfinale der Fußball-WM, Deutschland schlägt Argentinien mit 4:0. 13.000 Kilometer entfernt steigt mein Abiball – und ich habe mich weinend in der Toilette eingeschlossen.

Meine beiden Heimatländer waren gegeneinander angetreten. Argentinien, woher mein Vater stammt – und Deutschland, die Heimat meiner Mutter und das Land, in dem ich geboren wurde.

Ich spiele keinen Fußball, ich schaue keinen Fußball, ich interessiere mich nicht für Fußball. Ich habe nur ein einziges Bundesliga-Spiel in meinem Leben gesehen. Nur einmal alle vier Jahre hat Fußball plötzlich eine furchtbar emotionale Wirkung auf mich, wenn Deutschland gegen Argentinien spielt. Weil immer dann mein Umfeld von mir erwartet, dass ich mich entscheide: Bin ich Argentinierin oder bin ich Deutsche?

WM 2006 – Deutschland/Argentinien im Viertelfinale

Die erste Fußball-WM, an die ich mich erinnere, ist die WM 2006. Deutschland war Gastgeber, ich 15 Jahre alt und besuchte gerade die 8. Klasse.

Ich merkte ziemlich schnell, dass die WM eine große Sache war, zumal sie im eigenen Land stattfand. Alles war in Schwarz-Rot-Gold geschmückt, die Medien voller WM-Geschichten, jede Bar und jedes Restaurant mit einem WM-Fernseher ausgestattet. Sowohl Deutschland als auch Argentinien hatten sich qualifiziert. Meine Familie kaufte zwei Seitenscheibenfahnen, eine deutsche, eine argentinische, logisch. Auch mich packte die Euphorie, ich freute mich auf die Spiele.

Bis die Fragen kamen: "Welche Mannschaft feuerst du an, Caro?", "Du bist aber schon für Deutschland, oder, du bist schließlich hier geboren?", "Fühlst du dich mehr als Deutsche oder als Argentinierin?"

Als sich abzeichnete, dass Deutschland im Viertelfinale gegen Argentinien spielen würde, wurde der Ton rauer. "Wir machen euch fertig, Caro!", "Ohne die Hand Gottes könnt ihr doch nichts.", "Hat dein Papa schon richtig Schiss?"

Jetzt hatte ich Fragen: Wer ist "wir"? Und wer ist "ihr"? Warum gehörte ich plötzlich nicht mehr dazu? Warum entschieden plötzlich andere, wo ich hingehörte? Meine Mitschüler, meine Lehrer, meine Freunde, die Freunde meiner Eltern, sogar meine Familie erklärten mich zur potenziellen Gegenspielerin.

Und auch von der eigenen Familie erhielt ich plötzlich Gegenwind: Aus Argentinien kamen genau die gleichen Nachrichten, nur dass ich in diesem Szenario die Deutsche war.

Ich hätte auf all das gelassen reagieren können. Drüberstehen. Ist doch nur ein Spiel. 22 Typen, ein Ball, zwei Tore. Wen interessiert das? Stattdessen kaufte ich mir eine Argentinienfahne und erklärte meinem gesamten Umfeld den Krieg.

Bei der Weltmeisterschaft spielen Nationen gegeneinander, die Französinnen und Franzosen feuern "Les Bleus" an, die Argentinierinnen und Argentinier die "Albiceleste", die Deutschen jubeln, wenn "Die Mannschaft" ein Tor schießt. Es geht um Nationalität.

Für mich ging es auch um Identität.

Mesut Özil musste sich für den deutschen Pass entscheiden, um in der deutschen Nationalmannschaft spielen zu können. Seinen türkischen gab er dafür auf, die doppelte Staatsbürgerschaft gab es da noch nicht. Es hieß: Entweder, oder.

Bei mir war es in gewisser Weise ähnlich: Die Menschen wollten, dass ich Position beziehe. Und ich wusste noch nicht, dass ich ihnen diesen Gefallen nicht tun muss.

Das Viertelfinale schaute ich bei einem Mitschüler mit Freunden an. Mein Look: hellbau-weiß. In der 49. Minute köpft Ayala ein Tor, weil Klose die Riquelme-Ecke unzureichend markiert hat. Sagt Kicker.de. Ich kannte gerade einmal fünf Spieler auf dem Platz beim Namen und weiß nur noch, wie irgendwann der Kommentator verzweifelt fluchte: "Kein Durchkommen durch die argentinische Abwehr!" Ich plapperte den Satz großkotzig in allen Tonlagen nach, um meine Freunde zu ärgern. Ich verstand den Ernst der Lage nicht. Noch nicht. Die Emotionen, die Fußball in Menschen wecken kann. Bis Klose in der 80. Minute das 1:1 köpfte.

Alle sprangen von ihren Stühlen auf, rannten auf mich zu, wedelten mit ihren Fahnen in meinem Gesicht, schrien mich an und lachten mich aus. Der ganze Raum war gegen mich.

Bis zur 90. Minute fiel kein weiteres Tor, auch nicht in der Nachspielzeit, auch nicht in der Verlängerung. Ich wurde trotzig, ich wollte, dass Argentinien gewinnt. Ich wurde von Minute zu Minute nervöser, bis es schließlich sogar zum Elfmeterschießen kam.

Dieser Sport war mir egal, wieso nicht dieses Spiel?

Ich reagierte genau, wie es von mir erwartet wurde. Dabei war es mir nicht wichtig, ob Deutschland oder Argentinien später im Finale steht.

Torhüter Jens Lehmann hält beim Elfmeterschießen im Viertelfinale 2006.

Torhüter Jens Lehmann hält beim Elfmeterschießen im Viertelfinale 2006. (Bild: dpa/Oliver Berg)

Als Lehmann beim Elfmeterschießen den Ball von Ayala abwehrte und alle um mich herum anfingen zu toben, hielt ich es nicht mehr aus. Ich stand auf und ging. Einfach so, unter den hämischen Rufen der anderen. Ich war die einzige auf den Straßen, begleitet von den Jubelrufen, die aus den Häusern nach draußen schallten, als die Deutschen einen Elfmeter nach dem anderen verwandelten – und Lehmann den zweiten Elfmeter hielt. Argentinien war raus, Deutschland im Halbfinale.

WM 2010 – Deutschland/Argentinien im Viertelfinale. Schon wieder.

Mein Vater, der in Argentinien lebt, kam nach Deutschland, um bei meinem Schulabschluss dabei zu sein. Dieses Jahr hatten wir für das Auto die Außenspiegelüberzüge in Schwarz-Rot-Gold gekauft. Eigentlich wollten wir auch welche in Argentinien-Farben, doch es gab keine.

Meine Familie schaute das Spiel zu Hause vor dem Fernseher, ich half beim Aufbau des Abiballs. Hinter der Bühne hatten wir einen kleinen Fernseher aufgestellt, auf dem wir das 1:0 für Deutschland in der dritten Minute sahen. Und das 2:0, dann das 3:0 und in der 89. Minute das 4:0. Noch nie hatte die "Albiceleste" so hoch gegen eine deutsche Nationalmannschaft im Fußball verloren.

Was jetzt kam, kannte ich schon. Das Lachen, die Rufe, den Hohn. "Don’t cry for me Argentina" schmetterten meine Freunde.

Dieses Mal wollte ich drüberstehen. Ich betonte, dass beide Mannschaften meine Mannschaften seien – damit die anderen endlich Ruhe gaben. Damit sie aufhörten, von mir einzufordern, dass ich mich für eine Seite, für eine Identität entschied. Ich fühlte mich weder als Deutsche noch als Argentinierin. Ich war einfach Caro. Niemand verstand, dass mir dieses Turnier eigentlich egal war.

Was alle wollten, war eine Gegenspielerin. Und da waren sie wieder: die Tränen.

Auf der Toilette versuchte ich, meine aufgelöste Wimperntusche zu retten, wartete bis meine Augen nicht mehr gerötet waren und trat hinaus, um meine Familie und vor allem meinen Vater zu begrüßen.

2010 auf dem Abiball: Argentinien hat gerade 4:0 gegen Deutschland verloren.

2010 auf dem Abiball: Argentinien hat gerade 4:0 gegen Deutschland verloren. (Bild: Privat)

WM 2014 – Deutschland/Argentinien im Finale

Da war er, der Supergau. Schlimmer ging es nicht. Ich war von der Gegenspielerin zur Endgegnerin mutiert.

Doch diesmal war ich schlauer. Ich blieb einfach daheim. Ich erinnere mich an dieses Spiel nicht, ich weiß nur, dass ich auf dem Sofa saß, ein Argentinientrikot trug und Deutschland gewann. Dass ich Vize-Weltmeisterin und Weltmeisterin gleichzeitig wurde, egal was die anderen sagten. Dann klingelte mein Handy und die ersten hämischen Nachrichten leuchteten auf meinem Display.

Vier Jahre später, Deutschland scheidet in der Vorrunde aus. Ich bin froh, dass mir das Ganze in diesem Jahr erspart bleibt.


Gerechtigkeit

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