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Fühlen

Furry-Szene: "Als Mensch habe ich mich nie richtig wohl gefühlt"

04.06.2016, 17:33 · Aktualisiert: 14.11.2016, 18:42

Junge Menschen erzählen, warum sie lieber Tier sein wollen.

Sie verkleiden sich als Katzen, Pferde und Löwen, aber auch als Fabelwesen – die Anhänger der Furry-Bewegung fühlen sich von Geschöpfen angezogen, die menschliche und tierische Merkmale vereinen. Sie basteln stundenlang am perfekten Kostüm und ahmen die Tiere bis ins kleinste Detail nach. Wo sind die Grenzen? Wie reagiert die Familie auf so einen Lebensstil? Wie gehen Furries mit Kritik um?

Wir haben mit zwei Furry-Fans darüber gesprochen, was sie an anthropomorphen Darstellungen fasziniert:

Sitka / Levin (29), Schleswig-Holstein

„Mit 14 kam ich das erste Mal mit der Szene in Kontakt. Ich zog vom Land in ein Internat in der Großstadt. Als Mensch habe ich mich in meiner Haut nie richtig wohl gefühlt, wie so viele. Also begann ich zu suchen, nach mir, nach meinem Platz in der Gesellschaft.
Die Figur "Levin" wurde für SecondLife visualisiert.

Die Figur "Levin" wurde für SecondLife visualisiert. (Bild: Erik Preu)

Anthropomorphe Wesen faszinieren mich schon seit der Kindheit. Die Mischung aus tierischen und menschlichen Eigenschaften, das hat schon was. Im Internet kam ich dann schnell mit Gleichgesinnten in Kontakt. Zuerst suchte ich nach Werwolfbildern – das war wohl meinem Interesse an Mythologie geschuldet.

Kleines Glossar der Furry-Worte

Eurofurence 2015: mit 2500 Besuchern die größte Convention Europas in Berlin

Furry: Fan anthropomorpher Darstellungen

Fursona: Charakter oder Alter Ego des Furry

Suit: Verkleidung

Partsuit: Verkleidung, die nur Teile des Körpers bedeckt

Ich entdeckte schnell die ersten Foren der Furry-Szene. Foren sind eine Welt für sich, es gibt Regeln, Dogmen, Hierarchien. In den Furry-Foren läuft es genauso ab, wie in den Gruppen über Autos, Musik, über irgendwelche anderen Hobbies. Wir diskutieren, wir chatten, wir verabreden uns. Man zeigt Bilder seiner Charaktere oder seiner Suits, man verabredet sich zu Stammtischen, sucht Partner für Rollenspiele. Oder schreibt gemeinsam an Geschichten rund um seinen Charakter.

Ich begann Kontakte zu knüpfen, Freundschaften zu schließen. Zu der Zeit steckte die Fanszene in Deutschland noch in den Kinderschuhen: Es gab ein paar Foren, aber selbst die größte europäische Convention, die Eurofurence in Berlin, bestand damals nur aus wenigen Besuchern.


Die Geschichte der Furry-Bewegung

Schon die Griechen kannten ein Wort für das Phänomen der etwas anderen Liebe: Anthropomorphismus. Das Wort bezeichnet das Vermenschlichen von Tieren, Fabelwesen, Pflanzen, Gegenständen, sogar von Göttern.

In den 70er bis 80er Jahren bildete sich in den USA eine Subkultur von Anhängern anthropomorpher Tierdarstellungen: Die Bewegung Furry-Fandom war geboren, abgeleitet vom englischen Wort für "pelzartig".

1989 gab es dann die Confurence 0, die erste reine Furry-Convention. Ort: Costa Mesa, Kalifornien, Teilnehmerzahl: ein paar Dutzend.

Und in Europa? Mitte der 90er trafen sich nicht einmal 20 Teilnehmer zur ersten Convention in Deutschland: auf einem Bauernhof in Schleswig-Holstein.

Die auffälligste Darstellung des Furries bleibt zweifelsohne der Fursuit: ein aus Kunstfell bestehendes Kostüm des eigenen anthropomorphen Charakters.

Auch Disney-Filme wimmeln von anthropomorphen Figuren – Mickey Maus und Bugs Bunny sind dafür nur zwei Beispiele. Der im März angelaufene Film "Zoomania" spielt in einer von anthropomorphen Tieren bevölkerten Welt und schoss an die Spitze der Kinocharts.

Irgendwann war ich dann richtig drin, ohne es bemerkt zu haben. Das war der Punkt, an dem ich zum ersten Mal gefühlt habe, wie sehr ich mich mit meinem Fursona identifiziere, wie sehr ich in ihm aufblühe. Ich war angekommen.

Heute habe ich zwei Charaktere: Einen Tigerwolf mit dem Namen "Sitka" und einen Hengst der Pferderasse "Shire" namens "Levin". Beide sind anthropomorph und gehören untrennbar zu mir, so wie ich zu ihnen. Sitka ist bei mir, seitdem ich 14 bin. Der Shirehengst Levin kam vor drei Jahren, um meinem großen Respekt für Pferde Ausdruck zu verleihen. Ich liebe diese Tiere einfach. Sitka verkörpert, wer ich aktuell bin, Levin ist viel mehr der, der ich gerne wäre.
So sieht der Tigerwolf "Sitka" aus.

So sieht der Tigerwolf "Sitka" aus. (Bild: Erik Preu)

Sitka symbolisiert die Gegensätze von Hund und Katze und gleichzeitig die beiden Leben, die ich selbst führen muss. Einmal den Typen, der mit seinen "normalen" Freunden nach der Ausbildung abhängt und Bier trinkt und dann den Furry, der sich für Dinge interessiert, die für alle anderen "out" sind – beispielsweise Mythologie oder Rollenspiele. Der nicht nur auf Frauen steht, sondern auch auf Männer.

Wenn ich in den Spiegel schaue, dann sehe ich nicht das, was meine Kollegen sehen, sondern den Tigerwolf auf der anderen Seite.
Meine Eltern hatten zuerst Angst um mich, sie dachten, ich sei an eine Sekte geraten. Für mich klingt das übertrieben, aber sie wussten das Furry-Fandom ja überhaupt nicht einzuordnen. Mittlerweile finden sie es okay und wenn ich ihnen erzähle, wie sich das Fandom positiv auf mein Selbstbewusstsein auswirkt, sogar richtig toll.

Die anfängliche Skepsis ist bei den meisten in meinem Umfeld schnell verflogen – ich gehe aber mittlerweile auch viel offener damit um, als früher. Das tut mir gut."

Das sind die Furries:

1/12

Mayuu (22), Hamburg

"Es ist gerade einmal zwei Jahre her, da nahm mich meine Schwester auf eine Convention in München mit. Es war ein Cosplay-Treffen, aber dort waren auch drei, vier Furries. Leute in Suits hatte ich vorher noch nie gesehen, nur durch meine Schwester von ihnen gehört.
Mayuu (l.) mit ihrem Freund Kitain im Hamburger Park Planten un Blomen.

Mayuu (l.) mit ihrem Freund Kitain im Hamburger Park Planten un Blomen. (Bild: Kevin Goonewardena)

Mayuu war schon in meiner Kindheit mein Spitzname, ich gab den Namen dann auch meinem Charakter, dem Fursona. Wenn ich mein Teilkostüm, den Partsuit trage, bin ich selbstbewusster, ich traue mir mehr zu. Ich finde zum Beispiel, dass es sich für eine erwachsene Frau nicht gehört, wie ein Kind rumzutollen, das mache ich normal nicht. In meinem Partsuit macht mir das nichts aus.

Mein Fursona ist halb Säbelzahntiger, halb Drache. Ich ahme die Wesen möglichst genau nach, mit Bewegungen, mit Lauten. Dabei verliere ich jedoch nicht alle Hemmungen, ich esse nicht vom Boden oder so einen Quatsch.


Untergruppen der Furry-Bewegung

Fursuiter: Furry, der Ganz- oder Partsuit seines Fursona trägt

Art-Fur: Lebt das Fandasein vor allem durch Visualisierung seines Charakters aus (Zeichnungen, Graphiken, Videos etc.)

Rollenspiel-Fur: Online oder im wirklichen Leben real. Ahmt Verhaltensweisen des Fursona möglichst detailgetreu nach

Morphs: Anthropomorphe nicht-lebende Wesen, wie Autos, Flugzeuge etc.

Bronies: Liebhaber der "My Little Pony"-Spielfiguren. Zugehörigkeit zur Szene ist aber strittig

Cyborgs: Futuristische Darstellungen, teils mechanische Körperteile

Cosplay: Animee-, Manga-, Computer- oder Filmfiguren werden durch Verkleidung dargestellt

Meinen Partsuit stelle ich selber her, für mich kam nie was anderes in Frage. Allerdings sieht das jeder Furry anders. Mein Freund Kitain hat seinen Ganzkörpersuit beispielsweise bestellt.

Mit ihm und ein paar Freunden betreibe ich "Kycima Creations", unter diesem Namen stellen wir fertige Suits oder Teile von Suits auf Bestellung her. Manche Kunden haben ganz konkrete Vorstellungen, die wir dann umsetzen. Andere beschreiben uns ihren Charakter und wir entwickeln eine dazu passende Visualisierung.
Ich habe wenige negative Reaktionen auf die Bewegung bekommen. Ich habe meiner Mom von Anfang an immer wieder Bilder gezeigt. Von unseren Fursonas zum Beispiel oder den Treffen. Demnächst werde ich sie mal mitnehmen. Meine Mom wird das abkönnen, die ist cool. Sie ist Gründerin eines Olivia-Jones-Fanclubs, ich denke das hilft."

Links:

furryfandom.info
furry.de
wikifur.com
furcon.eu
Facebook-Gruppe "Deutsche Furries"
Facebook-Gruppe "Furry Art Community"

Ausgewählte Furry-Events in Deutschland

CastleCon: 17.-19.06, Horb (Neckar)
East 6: 13.07 – 17.07, Dessau
Cologne Furdance: 30.07, Köln
Eurofurence 22: 17.08 – 21.08, Berlin

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Fühlen

Fasten: So erleben junge Muslime den Ramadan

04.06.2016, 17:32

Jeden Tag rund 18 Stunden nichts essen und nichts trinken: Der Fastenmonat für Muslime weltweit beginnt am Montag. Im Ramadan verzichten Muslime nicht nur auf Nahrung – für sie ist es ein spiritueller Monat. Wir haben junge Muslime gefragt, wieso sie fasten und was es mit ihnen macht.