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Fühlen

"Ich mag dich vielleicht": Warum es neue Freundschaften schwer haben

19.01.2016, 18:53 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:25

Du kennst mich nicht, ich kenn dich nicht

Mit 16, da haben wir gemeinsam dieselben zehn Songs in Dauerschleife gehört. Unsere Klamotten vor der Party getauscht und Sex gehabt, mit den falschen Leuten. Wir haben Nachmittage in Schwimmbädern verbracht, ganze Sommer lang. Ich und meine besten Freundinnen wussten alles voneinander.

Sie waren dabei, als ich mich mit einer fragwürdigen Performance von "The Greatest Love Of All“ in der Karaokebar ums Eck blamierte und meinen ersten Freund kennenlernte. Diese Freundinnen haben mir keine WhatsApp-Nachrichten geschickt, sondern mir vor Ort am Mädchenklo die feuchten Hände gehalten. Sie waren live dabei, als ich ihm eine Chance gab.

(Bild: flickr.com / abbilder / CC BY 2.0)

Heute sind wir erwachsen. Spaziergänge um 3 Uhr morgens sind unregelmäßigen Skype-Gesprächen gewichen. Unsere Leben finden an anderen Orten statt. Wir schaffen es, in Kontakt zu bleiben - und doch ist es nicht dasselbe wie nebeneinander einzuschlafen.

Wenn man berufstätig ist und bis zu zehn Stunden am Tag auswärts verbringt, wird es komplizierter, Freundschaften zu schließen. Sich auf neue Menschen einzulassen, nimmt sehr viel Zeit in Anspruch. Nachdem man die lästigen Verpflichtungen des Alltags erledigt hat, darf man entscheiden: Nochmal raus ins Café oder lieber Füße auf das Sofa. Ein schlechtes Gewissen bereitet vor allem letzteres.

Wenn ich interessante Frauen meines Alters kennenlerne, muss ich mich oft monatelang durch einen wirren Haufen von nacherzählten Beziehungsdramen und alltäglichen Belanglosigkeiten wühlen, bevor ich von der anderen offiziell für “gut“ befunden werde. Es scheitert nicht an der Sympathie, sondern an fehlender Zeit zusammen. Momenten, die zusammenschweißen.

Niemand hat Schuld.

(Bild: flickr.com / x1klima / CC BY-ND 2.0)

Der Pool an Freundschaften scheint gefestigt. Den hat man sich angelegt, in den für die persönliche Entwicklung relevanten Jahren und lässt nur noch diejenigen rein, die sich ihren Platz mit Beharrlichkeit und Vertrauen verdienen.

Um neuen Beziehungen eine Chance zu geben, muss man alte zwangsläufig hinten anstellen.

All das ist nichts Unnatürliches, erklärt Horst Heidbrink, er forscht an der Fernuniversität Hagen zu Freundschaften. Gerade im Jugendalter sind Freundschaften soziales Kapital, die das Ansehen in der Gruppe stärken. Nicht selten können Freundschaften einen romantischen Charakter entwickeln und so auf spätere Liebesbeziehungen vorbereiten. Der Faktor der Exklusivität spielt dabei eine wesentliche Rolle.

Eine erwachsene Vorstellung von Freundschaft geht hingegen davon aus, dass Beziehungen nicht exklusiv sind. Dass es neben der einen auch noch andere vollwertige Freundschaften geben darf. Die Autonomie des jeweils anderen steht ab einem gewissen Alter im Vordergrund. Das erschwert die Bindung zusätzlich.

(Bild: flickr.com / Jörg Schubert / CC BY 2.0)

Freundschaften anzubahnen, fühlt sich manchmal an wie ein Date, das man am liebsten nach fünf Minuten abbrechen würde. Die Gesprächsthemen bestehen aus Beschwerden über Praktika, branchenabhängige Berufschancen, gerade eingereichte Masterarbeiten und empfehlenswerte Immobilienmakler. Hallo, Langeweile. Die Zeit der unverbindlichen Sleepovers mit dem neuesten Harry Potter Buch im Rucksack ist zu einer vagen Erinnerung geworden.

Es wäre seltsam, eine 26-jährige Frau zu mir nach Hause zum Übernachten einzuladen. Mit ihr im selben Bett zu schlafen. Würde sie einen Pyjama mitnehmen? Was spricht man so, beim Zähneputzen? Kurz habe ich darüber nachgedacht. So etwas funktioniert nur mit Freundinnen, die mich seit Ewigkeiten kennen.

Da ist man so rein- und nie wieder rausgewachsen.

Heute hat man Bammel vor einem ausgedehnten Kaffee. Eine weitere Verpflichtung im überquellenden Terminkalender. Spätestens nach 19 Uhr möchte jeder seine Ruhe. Der komplette Rückzug in die eigenen vier Wände scheint die logische Konsequenz auf eine Reihe von Überforderungen zu sein.

(Bild: flickr.com / Abbilder / CC BY-ND 2.0)

Es gilt, Ruhe zu bewahren, sich zu sammeln, noch einmal kurz die anstehenden Punkte für die morgige Präsentation durchzugehen und antworten kann man dann morgen früh immer noch, oder? Kann man nicht. Zumindest nicht auf Dauer.

Die große Anzahl von Freundschaften, die man früher hatte, reduziere sich mit zunehmendem Alter fast automatisch, sagt Forscher Heidbrink. Statt eine Menge Freunde zu haben, setze man auf wenige verlässliche.

Die Antwort liegt auf der Hand. Enge Freundschaften werden nicht gestern Abend geschlossen.

Nur macht es diese Erkenntnis nicht unbedingt besser. Keiner hat mehr Zeit für nächtelange Gespräche oder spontane Wochenendtrips nach Barcelona. Auch ich nicht. Stattdessen gibt es Brunch mit den Schwiegereltern, Kuscheln mit dem Liebsten, offene To-Do-Listen. Twitter. Immer schön professionell bleiben, wer weiß, wo man sich wieder sieht.

Es wird aussortiert. Was bringst du mir, was bring ich dir? Läuft es mäßig, schaut man beim nächsten zufälligen Treffen beschämt auf sein Smartphone und setzt sich im Seminar lieber fünf Reihen weiter nach hinten. Während man in der Schulzeit durch institutionelle Zwänge dazu angehalten war, sich so etwas wie Freundschaften in der unmittelbaren Nähe aufzubauen, darf man jetzt über ein belangloses Gespräch am Kopiergerät dankbar sein. “Weißt du, wie man auf Farbe umstellt?"

Früher hat man alles geteilt, von gebrochenen Versprechen bis schlecht geschmierten Pausenbroten. Heute fragt man sich: Steht sie zu mir, wenn es darauf ankommt?

Durch die nicht vorhandene Verpflichtung, sich miteinander auseinanderzusetzen, entgeht man dem Kern der Sache: einer zwischenmenschlichen Annäherung. Eine Mischung aus Vergangenheitsenttäuschung und jugendlicher Sehnsucht macht den Prozess vor allem austauschbar und anstrengend.

(Bild: flickr.com / Laurent Gauthier / (CC BY 2.0)

Dass deine Schulfreundinnen schon lange keine Rolle mehr in deinem Leben spielen, merkst du daran, dass sie dich alle acht Monate anrufen und weder über deinen aktuellen Beziehungsstatus noch Jobwechsel informiert sind. Während du von einem Magazin schwärmst, von dem deine damalige Sitznachbarin ihrem Blick nach zu urteilen noch nie etwas gehört hat, erzählt sie dir von einer neuen betriebswirtschaftlichen Case Study, die auch mit vollster Konzentration nicht von deinem Kurzzeitgedächtnis verarbeitet werden möchte.

Wo soll man da noch anknüpfen? Wo wieder anfangen?

Neben den beruflichen Anstrengungen und IELTS-Sprachnachweisen scheint vielen genau das abhanden gekommen zu sein, was am Leben Spaß macht: gute Freundinnen. Aufgewärmte Nudeln mit Fertigsaucen. Zelten auf Festivals.

Natürlich wird man nie wieder acht Tage in Folge zusammen im Strandbad Beachvolleyball spielen, um seinen jugendlich-flachen Bauch krebserregenden Sonnenstrahlen auszusetzen, dabei ein Eis teilen und die Jungs aus der Klasse nach selbst entworfenen Schemata bewerten – man hat schließlich Katzen zu füttern, Projektaufträge zu bearbeiten und vielleicht schon Kinder abzuholen.

Und doch vermisse ich diese Unbefangenheit, mit der man sich begegnete. Ganz unvoreingenommen.

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