Fühlen

"Mit einem Nadelstich verlor ich alles": Eine junge Frau erzählt von ihrer Heroinsucht

31.01.2016, 15:21 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:26

Innere Leere und prickelnde Wärme: Auf Reddit erzählt iamtheranking gerade von einem Leben zwischen totaler Verzweiflung und absolutem Glücksrausch. Sie selbst sagt, sie sei 24 und seit 11 Monaten clean.

Als Heroinsüchtige beklaute sie ihre Mutter, wenn sie kein Geld hatte, rammte sich eine Nadel nach der anderen in den Arm.

Brutal ehrlich beschreibt sie, wie sich das Leben heute – nach 15 Entzügen, vielen Therapien und unzähligen Rückfällen – anfühlt. Mittlerweile befinde sie sich in einem Therapieeinrichtung, wohne dort gemeinsam mit anderen ehemals Abhängigen, schreibt sie.

Auf Reddit erzählt sie über ihre Sucht:

Warum hast du damit angefangen?

Auf dem College habe ich bloß Alkohol getrunken und Weed geraucht. Eines Tages brachte ein Kumpel Oxy [gemeint ist Oxycodon, ein Mittel, das bei stärkeren Schmerzen eingesetzt wird] mit. Ich war einfach nur ein bisschen neugierig, wir schnieften es gemeinsam.

Von dieser Sekunde an war mir alles egal. Ich wollte nur noch das. Und als das sehr bald zu teuer wurde, wirkte Heroin wie die etwas günstigere Alternative sehr einladend.

(Bild: Frank Lindecke / cc by-nd)

Hast du traumatische Erfahrungen gemacht, hattest du eine schlechte Kindheit?

Ich hatte eine wunderbare Kindheit. Ich glaube, der Hauptgrund für das Interesse an Selbstmedikamention und Drogen war meine Angst. Es ist schwierig zu erklären, aber ich hatte als Heranwachsende ständig das Gefühl, dass ich nicht richtig zu anderen passe, dass ich nirgends hingehöre.

Ich dachte, dass jeder Mensch auf dieser Welt das Geheimnis kennt – das Geheimnis, wie man ein erfüllendes Leben lebt. Und dass ich die Einzige war, die von diesem Geheimnis noch nie etwas gehört hatte.

Die Drogen füllten die Leere, die ich empfand. Egal, ob du das erste Mal Drogen nimmst oder schon eine richtig Süchtige bist: Im Herzen weißt du immer, wie furchtbar Heroin und Spritzen-Nadeln sind. Aber die Suche nach der Lösung deiner Probleme ist so groß, dir wird das alles egal.

Es gibt ein Buch, in dem ich mich wiedergefunden habe: "Tweak" von Nic Sheff. Er beschreibt dort als ehemaliger Crystal-Meth-Abhängiger, dass er bemerkte, dass alle für etwas lebten, nur er nicht. Genauso ging es mir auch.

(Bild: 802 / cc-by)

Wie fühlt man sich, wenn man sich gerade Heroin gespritzt hat?

Wenn es gerade drin ist, dann überkommt dich ein warmes, prickelndes Gefühl. Das ist die Welle der absoluten Euphorie. Ich fühlte mich extrem gut. Nichts auf der Welt hätte dieses Gefühl stören können. Mit Heroin in dir kannst du innerhalb von zehn Sekunden alle positiven Gefühle durchleben.

Wie hast du als Süchtige im Alltag funktioniert?

Es ist total gängig, in der Anfangszeit der Sucht weiter zu funktionieren. Ich habe das selbst erlebt. Ich bin weiter zur Schule gegangen, habe an Wochenenden gearbeitet, war dabei immer ein wenig high. Aber dieser Zustand bleibt nicht lange so: Die Sucht ist ein Prozess, in dessen Verlauf man immer mehr von der Droge braucht. Dein Leben fällt ganz langsam auseinander.

Aufhören kannst du aber erst, wenn du dir die Sucht selbst eingestehst. Es bringt absolut nichts, wenn Leute in deinem Umfeld dich die ganze Zeit fertig machen und dir sagen, dass du es sein lassen sollst.

Wie kann ich erkennen, ob jemand auf Heroin ist?

Die Pupillen sind winzig. Man bewegt den Kopf ständig, man nickt. Viele, die auf Heroin sind, kämpfen die ganze Zeit gegen das Einschlafen.

(Bild: Thomas Bresson / cc-by)

Wie fühlt es sich an, am absoluten Tiefpunkt im Leben zu sein?

Ich glaube, es gab mehrere Tiefpunkte in meinem Leben. Der schlimmste war wohl, als ich völlig durchgedreht bin, weil ich einem Dealer noch Geld schuldete. Ich verhökerte den Hochzeitsring meiner Mutter. Und ich verhökerte jedes einzelne weitere Schmuckteil, das sie besaß: Schmuck von meiner Großmutter, Jahrzehnte alt.

Hinweis zu Reddit

Reddit ist eine spannende Plattform, auf der sich immer wieder Insider mit wertvollen Einblicken zu Wort melden. Es liegt aber durchaus in der Natur der Sache, dass nicht alles, was auf Reddit geäußert wird, auch von uns gegengecheckt werden kann. Folglich sollte man den Aussagen auf Reddit immer auch mit einer gesunden Skepsis begegnen.

Ich weiß noch genau, wie ich zum Leihhaus gefahren bin – und meine einzige Sorge nur die war, endlich wieder Kohle zu haben.

Als ich das Geld für den Schmuck bekam, drehte ich auf halbem Weg zum Dealer um. Ich gab alles für Drogen aus, irgendwelche Drogen. Der nächste Tag war dann die absolute Hölle: Ich musste meinen Eltern sagen, was ich getan hatte, ihnen in die Augen sehen. Das werde ich nie vergessen.

Was hast du durch die Sucht gelernt?

Ich bin seit elfeinhalb Monaten clean. Ich habe mir ein Netzwerk aus ernsten und besonnenen Leuten aufgebaut, bin in eine neue Stadt gezogen. Was ich gelernt habe: Ein Nadelstich reicht, um dir alles zu nehmen. Ich hatte ein normales Leben, ein paar Freunde, einen Job, alles war okay. Mit dem einen Nadelstich in meinen Arm verlor ich das alles.

Ich erinnere mich an eine Nacht, ich war total betrunken. Ein Freund schrieb mir, dass er sich zu 100 Prozent sicher sei, dass ich sterben würde, wenn ich so weiter mache.

Als ich das las, machte irgendwas Klick. Ich merkte, wie wahr das war: Ich würde sterben.

Am nächsten Morgen begab ich mich in Behandlung.

Hier ist der gesamte Thread.