Bild: Jérémie Lortic

Fühlen

Wie ein französisch-syrisches Paar mit dem Terror umgeht: "Die Liebe wird gewinnen"

19.11.2015, 12:14 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:23

Nach den Anschlägen posteten Hamid Sulaiman und seine Frau ein Foto von sich auf Facebook, auf dem sie sich küssen. Mehr als zwei Millionen Menschen haben das Bild gesehen. Wir haben mit Hamid darüber gesprochen.

Für den Künstler Hamid Sulaiman waren die Anschläge in Paris trauriger Alltag. Unzählige Male saß der Syrer in Damaskus in Bars fest, weil draußen wieder Bomben hochgingen. "Ich bin vor den Terroristen geflohen, und nun holen sie mich in meiner neuen Heimat ein."

Das will er so nicht hinnehmen. "Wir brauchen Liebe und keinen Krieg", sagt er. Jeder könne dazu beitragen. Mit seiner Frau, einer französischen Schauspielerin, inszenierte er deshalb am Sonntag nach den Anschlägen ein Foto: Das Paar küsst sich am Place de la République und hält ein Plakat in die Kamera. Auf dem steht:

"Als syrisch-französisches Paar zahlen wir jeden Tag den Preis für Terrorismus, Fanatismus, Rassismus, Grenzen, Waffen etc. FUCK OFF. Die Liebe wird immer gewinnen."

Mehr als zwei Millionen Menschen haben das Foto inzwischen auf Facebook gesehen. Viele haben das Motiv nachgestellt.

Ist das denn nicht naiv, zu glauben, dass man dem IS mit Liebe beikommen könnte?

Hamid: Was sonst soll denn die Antwort sein? Militäreinsätze, die nur noch mehr Extremisten hervorbringen? Dass militärische Gegenwehr nicht funktioniert, haben wir nach dem 11. September gesehen. Und es ist auch nicht naiv. Ein Mensch, der liebt, steckt einen anderen an und der steckt wieder einen anderen an. Am Ende gewinnt immer das Gute: In Deutschland zum Beispiel habt ihr den Zweiten Weltkrieg entfacht und Juden umgebracht. Heute nehmt ihr Millionen Flüchtlinge auf. Ihr könnt stolz sein! Die Liebe hat gewonnen.

Als sie vor kurzem abends zusammensaßen und scherzten, wie wohl ihr Kind einmal aussehen würde, googelte seine Frau Aurélie nach Bildern französischer Babys. Als sie nach syrischen suchen wollte, stoppte Hamid sie. "Alles was wir gefunden hätten, wären Fotos von Kinderleichen gewesen", sagt er. Es ist Teil ihres Alltags, dass sie sich Sorgen machen um Hamids Familie in Syrien, dass sie um seine Freunde trauern, die im Mittelmeer ertrinken oder in syrischen Gefängnissen zu Tode gefoltert werden.

Wie reagieren eure Mitmenschen auf euch als syrisch-französisches Paar?

Hamid: Als wir geheiratet haben, hieß es, wir würden das nur der Papiere wegen machen. Dabei hatte ich zu dem Zeitpunkt längst eine Aufenthaltsgenehmigung.

Hamid kam 2011 nach Paris. Französische Künstler-Kollegen hatten ihm Hilfe angeboten. Ein Theater stellte ihm für die ersten Monate ein Apartment zur Verfügung. So lernte er Aurélie kennen.

Freitagabend saßen die beiden in einem Kino im Anschlags-Viertel und schauten einen Film; er handelte von einem Terroranschlag im Paris der Achtziger Jahre.

(Bild: Getty Images / Thierry Chesnot)

Was ist passiert als ihr aus dem Kino raus seid?

Hamid: Aurélie ist natürlich ein bisschen ausgeflippt. Ich habe uns zwei Stadtfahrräder geholt und ihr gesagt, nicht hinzusehen, sollte sie jemanden mit einer Waffe entdecken. Zuvor hatte sie oft gesagt, ich und nicht sie hätte den Krieg erlebt. Plötzlich war sie selbst mitten drin.

Die ersten, die anriefen, waren Hamids Freunde aus Syrien. "Ich rufe die nie an, wenn es in Syrien knallt", sagt er und muss lachen. "Da hätte ich auch ganz schön was zu tun."

Wirst du als Syrer in Frankreich jetzt mehr Probleme haben als vor den Anschlägen?

Hamid: Wir werden alle mehr Probleme haben. Aber das ist kein Grund den Kopf in den Sand zu stecken.

Als Künstler glauben Hamid und Aurélie an die Menschlichkeit, die sei in den Medien nicht anständig repräsentiert. "Wir sollten nicht einfach nur zusehen, wie die Politiker nun Bomben auf Syrien werfen lassen", sagt Hamid. Aurélie setzte kürzlich ein Zeichen mit einem Theaterstück, das sie mit syrischen Flüchtlingen inszenierte. Das Publikum habe gelacht, nicht geweint. Das gefällt ihnen. Genauso, dass die Pariser jetzt ausgehen, und zwar noch mehr als vorher.