Fühlen

Rettungsschwimmer von Lesbos: "Wir retten Babys, vielleicht drei Monate alt"

25.11.2015, 11:04 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:23

(Bild: Fabian Köhler)

Mit Ferngläsern und Nachtsichtgeräten überwachen sie die Küste, ziehen mit ihren Jet Skis Menschen aus dem Meer, leisten am Strand erste medizinische Versorgung. Und manchmal weinen sie gemeinsam am Grab. Auf der griechischen Insel Lesbos retten Freiwillige täglich das Leben von Flüchtlingen.

Wir haben mit den ehrenamtlichen Rettungsschwimmern gesprochen.

(Bild: Fabian Köhler)

Alexander

Alexander, 19, arbeitet in Griechenland als Rettungsschwimmer

Ich frage mich, was passiert, wenn es in unserem Land einmal Krieg gibt. Ich kann nur hoffen, dass uns dann auch jemand hilft. Diese Leute sind Menschen wie wir. Der einzige Unterschied: Bei ihnen gibt es Krieg und bei uns nicht. Das ist der Grund, warum ich hier bin.

Es geht nicht nur darum, sie aus dem Wasser zu holen, sondern auch um die Zeit danach. Jede Woche wird es kälter hier. Ich danke Gott, war das Wetter in den vergangenen Tagen so gut. Wir hatten keine großen Wellen. Hoffentlich bleibt es so.

Ich will helfen, das Leben dieser Menschen ein klein bisschen besser zu machen. Manchmal retten wir Babys, vielleicht drei Monate alt. Die sind so klein, ich weiß manchmal nicht einmal, wie ich sie anfassen soll. Aber dieses Gefühl, was du hast, wen du jemanden rettest, das kann niemand beschreiben.

(Bild: Fabian Köhler)

Joel

Joel, 36, kommt ursprünglich aus Uruguay, arbeitet als Rettungsschwimmer in Barcelona

Ich bin Krankenpfleger und Rettungsschwimmer. Ich bin also wie gemacht für den Job hier. Als mich mein Boss fragte, ob ich bereit wäre, ehrenamtlich nach Lesbos zu gehen, habe ich sofort ja gesagt.

Du siehst die sinkenden Boote, hörst das Weinen und die Schreie.
Joel

Ich bin jetzt seit zwei Tagen auf der Insel. Und auch wenn das Wetter momentan ruhig ist, gibt es immer wieder schwierige Situationen. Wir hatten diese Yacht mit 300 Leuten heute Morgen. So viele panische und verängstigte Menschen vom Boot herunter zu bekommen, ist immer eine Herausforderung.

Was man im Fernsehen über Lesbos sehen kann, ist nichts im Vergleich dazu, was wir hier erleben. Du siehst die sinkenden Boote, hörst das Weinen und die Schreie. Wenn wir die Menschen am Strand oder mit unseren Jet Skis in Empfang nehmen, ist es erst einmal am Wichtigsten, die Leute zu beruhigen. Mit Sensationslust hat das alles nichts zu tun.

(Bild: Fabian Köhler)

Maria

Maria, 29, arbeitet in Griechenland als Fitnesstrainerin

Als ich die Bilder von Lesbos im Fernsehen sah, wollte ich unbedingt helfen. Und das kann ich am besten, in dem ich Menschen vor dem Ertrinken rette. In meinem normalen Leben bin ich Fitnesstrainerin und Rettungsschwimmerin. Vor zehn Tagen hat meine Rettungsschwimmer-Gruppe beschlossen, nach Lesbos zu gehen.

Zurzeit haben wir zum Glück gutes Wetter. Kein einziger Flüchtling ist in den vergangenen Tagen gestorben. Aber trotzdem haben die Leute unglaubliche Angst. Ich versuche, sie ihnen zu nehmen. Wenn ich im Wasser langsam zu ihnen komme, ihnen aus dem Boot an Land helfe und sie dann beginnen zu lächeln, sie weinen und mich umarmen, das ist einfach ein unglaubliches Gefühl.

Sotiris

Sotiris, 25, studierte vor seinem Einsatz in Hamburg

Ich arbeite für die Vereinigung griechischer Rettungsschwimmer; aber hier sind wir alle ehrenamtlich. Keiner von uns bekommt Geld. Unser Motto ist: Lass niemanden auf See sterben. Und wir tun unser Bestes, um dieses Versprechen zu halten.

Wir stehen um 6 Uhr auf und patrouillieren an der Küste, bis die Sonne untergeht. Wir stimmen uns ab mit der Küstenwache und den Fischern. Außerdem sind wir 24 Stunden erreichbar. Wenn es irgendwo an der Küste einen Notfall gibt, sind wir da, um Leben zu retten.

Mein bester Freund stammt aus Syrien. Ich fühle mich diesen Menschen emotional sehr verbunden. Für mich war es eine moralische Verpflichtung, hierher zu kommen. Meiner Meinung nach sind wir nicht Asiaten und Europäer, Türken, Griechen und Syrer. Wir alle sind Menschen, und jeder hat dieselben Rechte. Ich will einfach nur, dass der Krieg ein Ende hat.

(Bild: Fabian Köhler)

Iago

Iago, 35, coacht im spanischen Galicien Rettungsschwimmer

Ich kam vor 15 Tagen mit unserer Organisation "ProActiva Open Arm“ auf Lesbos an. Seitdem stehe ich um 6 Uhr morgens auf, schmeiße meine Klamotten auf den Truck und mache mich an die Arbeit. Wir helfen den Leuten aus den Booten, retten sie aus dem Wasser, versuchen sie wiederzubeleben. Wir haben schon Hunderte Menschenleben gerettet, aber bei einigen haben wir es leider nicht geschafft.

Im Endeffekt sind wir auch nur wie die kleinen Steine am Strand. Was wir brauchen, ist ein echter politischer Wandel. Das ist auch ein Grund, warum wir hierher gekommen sind. Wir glauben, dass wir die Regierungen und die EU mit unserer Arbeit unter Druck setzen können, sodass sie endlich ihren Job vernünftig machen und einen Lösung für die Menschen dort draußen finden.

(Bild: Fabian Köhler)

Lucia

Lucia, 29, Schwimmlehrerin aus Barcelona

Ich arbeite seit sechs Jahren als Rettungsschwimmerin. Im Sommer koordiniere ich die Einsätze am Strand, und im Winter bringe ich Kindern und Erwachsenen das Schwimmen bei.

Als ich vor vier Tagen hier ankam, hatte ich zuerst noch keinen Kontakt zu den Flüchtlingen. Aber allein schon der Anblick all dieser Schwimmwesten und Schlauchboote am Strand macht dich traurig. Als ich zum ersten Mal einen Flüchtling rettete, fing mein Herz wild an zu schlagen. Aber mit jedem Tag werde ich ruhiger – und stärker.

(Bild: Fabian Köhler)

Javi

Javi, 22, arbeitet als Rettungsschwimmer auf Ibiza

Diese Menschen brauchen Hilfe, und ich will helfen.
Javi

Es ist schlimm, was die Leute aus Syrien durchmachen. Vor einigen Jahren hatten wir in Spanien die gleiche Situation. Meinen Großeltern ging es während des Spanischen Bürgerkriegs genauso wie den Menschen in Syrien. Diese Menschen brauchen Hilfe, und ich will helfen.

(Bild: Fabian Köhler)

Dimitri

Dimitri, 26, aus Athen

Ich konnte es nicht ertragen, einfach nur zuzusehen, wie diese Menschen sterben, nur weil es keine Hilfe für sie gibt. Also bin ich Anfang November hergekommen und versuche nun, so vielen Menschen wie möglich zu helfen. Die Erfahrung, die ich hier sammle, kann ich als Rettungschwimmer-Coach außerdem an meine Schüler weitergeben.

Ich denke, es ist absolut notwendig, dass auch Freiwillige diesen Job machen. Die griechische Küstenwache hat gar nicht so viel Personal, um all die Menschen zu retten. Und sie arbeiten gut mit uns zusammen. Wir telefonieren regelmäßig, unterstützen einander bei Einsätzen. Wir wissen, dass es beiden Seiten nur darum geht, Menschen zu helfen.