Fühlen

Wie ich einen Flüchtling aus dem Rhein rettete

05.07.2016, 10:41 · Aktualisiert: 06.07.2016, 11:51

Unser Autor hat einem Flüchtling vermutlich das Leben gerettet.

"Heute habe ich eine neue Folge 'Hamzi ´ne Frage?' gedreht. Dieses Mal gibt es aber kein Video, sondern ich möchte eine kurze Geschichte erzählen: Sie handelt von einem syrischen Flüchtling, der sich heute während meines Drehs das Leben nehmen wollte!"

Das postete ich am Dienstagabend bei Facebook. Alle sollten erfahren, was passiert ist, wie ich mich fühlte und vor allem, wie sich viele Flüchtlinge in Deutschland fühlen.

An diesem Dienstag war ich gemeinsam mit meinem Kamerateam unterwegs für einen Dreh. Ich wollte eine neue Zuschauerfrage beantworten, das mache ich seit einigen Monaten für eine lokale WDR-Sendung in Düsseldorf. Dieses Mal aber war alles anders.

Eigentlich recherchierte ich die Hintergründe zu einer Steintreppe mit kleiner Rampe, die auf einer Düsseldorfer Wiese am Rhein liegt. Was ich dort fand, war die Steintreppe mit kleiner Rampe – und einen syrischen Flüchtling.

(Bild: WDR)

Er rannte auf uns zu, so als ob er bereits auf uns wartete. Er blieb vor mir stehen, guckte mich an, dann redete er unvermittelt drauf los: Er erzählte vom Bürgerkrieg, von seiner Familie in Syrien, von seinen fehlenden Papieren, dass er hier arbeiten wolle. Er heiße Hossein, sei 29 Jahre alt und stamme aus Aleppo. Er sei auch Journalist und müsse sich dringend mitteilen, müsse mit uns reden. Er schien gebildet. Er wirkte extrem verzweifelt, weinte immer wieder, während er mit uns sprach.

Hossein sprach Englisch, sogar gut verständliches Deutsch. Ich unterhielt mich bewusst nicht auf Arabisch mit ihm. Wenn ich ihm jetzt zeige, dass auch meine Muttersprache Arabisch ist, würden wir sicherlich gar nicht mehr zum Drehen kommen. Diesen Gedanken sollte ich später bereuen.

Ich will arbeiten! Ich will meinen Pass zurück!
Hossein

Hossein kam drei- bis viermal zur Steintreppe und ging wieder. Fast wie ein bockiges Kind empfand ich ihn, das man zu Recht weist, das aber weiter versucht, seinen Willen zu kriegen. "Ich will arbeiten! Ich will meinen Pass zurück", schluchzte er.

Wir versuchten ihm klarzumachen, dass wir ihm nicht helfen können und er sich an die Ausländerbehörde oder die Stadt wenden müsse. Hossein schien das aber nicht zu verstehen: "Doch! Doch! Please!"

15 Minuten später. Wir waren mitten im Dreh, ich sprach gerade meinen Text in die Kamera, da hörte ich vom Rheinufer Schreie, dann "Help, help". Drei Frauen eilten zum Ufer.

(Bild: WDR)

Wir brachen den Dreh ab, machten die Kamera aus. Ich rannte den Frauen hinterher. Da war er: Hossein, der Flüchtling aus Syrien, hatte sich in den Rhein gestürzt. Unfassbar.

Die Frauen warfen ihm eine Hundeleine zu, doch Hossein war schon zu weit im Wasser, vielleicht zehn Meter – ich weiß es nicht mehr. Er schrie auf Englisch, er wolle nicht mehr leben.

In der Fotostrecke: Wer erleben Menschen ihre Flucht nach Deutschland?

1/15

Was sollte ich tun?

Ins Wasser springen? Er war zu weit drin, die Strömung im Rhein ist sehr stark; ich hätte mich selbst auch in Lebensgefahr gebracht. Ich bat eine der Frauen, die Polizei zu rufen. Dann kniete ich mich hin und rief auf Arabisch: "Komm raus, wir helfen dir, es ist halb so schlimm, alles wird gut…." Was man eben sagt, um einen Menschen in Not zur Vernunft zu bringen. Es half. Hossein kämpfte sich zurück ans Ufer. Gott sei Dank!

(Bild: WDR)

Ich weiß nicht, ob Hossein sich wirklich umbringen wollte oder ob er auf diese drastische Weise um Hilfe gerufen hat. Fest steht: Vielen Flüchtlingen in Deutschland geht es schlecht.

Laut einer Studie der Bundespsychotherapeutenkammer leidet die Hälfte aller erwachsenen Flüchtlinge in Deutschland an einer psychischen Erkrankung wie posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS), Depressionen oder Angststörungen. Nicht selten sind diese Menschen zudem auch suizid-gefährdet.

40 Prozent aller erwachsenen traumatisierten Flüchtlinge hatten oder haben Suizidpläne oder haben sogar schon versucht, sich das Leben zu nehmen, so die Studie. Rund ein Drittel der Flüchtlingskinder und –jugendlichen mit PBTS hatte sogar schon Suizidgedanken. (Studie als PDF)

Diese Zahlen schockieren mich. Wir können doch nicht zusehen, wie diese Menschen leiden. Sie brauchen Hilfe, professionelle Hilfe.

Diese Verzweiflung, dieses Leid im Gesicht eines Menschen, diesen Schrei nach Hilfe werde ich nie vergessen.

Mich macht es sprachlos, dass Teile unserer Gesellschaft in Deutschland keine Flüchtlinge aufnehmen wollen. Ist das, was man diesen Menschen im Krieg angetan hat, nicht Strafe genug? Die Flüchtlinge sind Flüchtlinge, weil sie fliehen mussten! In Syrien herrscht Krieg. Was würde jeder Einzelne von uns tun, wenn das eigene Leben und das der Familie und Freunde in Gefahr ist? Würden wir nicht alle dahin fliehen wollen, wo es sicher ist?

Ich habe Hossein nicht gebraucht, um menschlich zu denken. Aber er hat meine Sicht auf die Flüchtlingsdebatte nachhaltig geschärft. Diese Verzweiflung, dieses Leid im Gesicht eines Menschen, diesen Schrei nach Hilfe werde ich nie vergessen.

Hossein wurde in den vergangenen Wochen in einer Klinik psychologisch betreut. Ihm gehe es den Umständen entsprechend besser; mehr dürfe man mir am Telefon nicht sagen, so eine Klinik-Mitarbeiterin. Das hat mich beruhigt.

Ich bin froh, dass Hossein lebt.

Und gleichzeitig immer noch unglaublich traurig über das, was passierte.

Mehr zum Thema


Food

Uber soll Essenslieferdienst in München und Berlin starten

05.07.2016, 08:48

Uber verfolgt jetzt eine neue Strategie: Nach Kritik und zahlreichen Verboten des Taxi-Services versucht es das Unternehmen mit einem Essenslieferdienst namens "UberEats". Das legen zumindest aktuelle Stellenausschreibungen des Unternehmens und die Aussagen der Sprecher nahe: Es sei "keine Überraschung, dass wir uns auch Berlin als mögliche UberEats-Stadt ansehen." (gruenderszene.de)