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Fühlen

Muss ein Mann beim Date bezahlen – oder ist das sexistischer Blödsinn?

24.06.2017, 09:51 · Aktualisiert: 24.06.2017, 13:53

Ich bin Feministin, auch wenn ich mir gern mal in die Jacke helfen lass.

Frauen beschweren sich oft über altmodische Rollenbilder – und das zurecht: in der Karriere, bei der Kindererziehung, wenn es um Serien oder Filme geht.

Doch ich habe das Gefühl: Manchmal, zum Beispiel wenn es um die Liebe geht oder um Dating, dann ist vielen Frauen das Umworben-Werben, ja, die Ritterlichkeit von Männern noch immer wichtig. Sie genießen es, wenn ein Mann ihnen die Tür aufhält – andere finden, dass ein Mann gern in den Mantel helfen sollte.

Vor einer Weile regte sich die ganze Welt auf – über Rüpel-Präsident Trump, der beim Aussteigen aus dem Auto nicht auf Gattin Melania gewartet hatte, bevor er losmarschierte. Unhöflich, hieß es da. Oder: So geht er also mit Frauen um!

Gleich darauf kursierten alte Videos von Barack Obama, George W. Bush und Bill Clinton, die beim selben Anlass alle auf ihre Frauen gewartet hatten.

Ladies first, ist das die neue alte Regel der Höflichkeit? Sollten Männer in gewissen Situationen mit konkreten Handlungen oder Äußerungen zeigen, dass die Frau eine Königin ist oder irgendeine zerbrechliche Gestalt, der man helfen sollte? Oder sollten sie das grundsätzlich lassen?

Und? Alleine laufen oder ständig nur festklammern?

Und? Alleine laufen oder ständig nur festklammern? (Bild: Unsplash)

Sollten Männer Frauen vor dem Aufzug den Vortritt lassen? Sollten sie ihnen den Stuhl zurechtrücken, bevor sie sich hinsetzen? Oder ist das antifeministischer, sexistischer und unmoderner Mist?

Mit diesen Frage haben sich auch Forscher in einer Studie der Northeastern University in Boston beschäftigt.

Für die Studie wurden 54 Menschen in Zweiergruppen beim Spielen eines Quizzes und einer anschließenden Unterhaltung gefilmt. In jeder Gruppe spielten ein Mann und eine Frau miteinander.

Die Forscher beobachteten die nonverbale Kommunikation der Paare: Wie oft lächelt er sie an? Macht er den Anschein, als wolle er gewinnen – lässt er ihr den Vortritt? Freut er sich für sie, wenn sie eine Quizfrage richtig beantwortet?

Anschließend beantworteten die Teilnehmer Fragen zu ihrer eigenen Persönlichkeit und der ihres Gruppenpartners. Jeder sollte einschätzen, ob und inwiefern er sich selbst feministisch oder sexistisch findet.

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Die Männer wurden dann noch gebeten, ob sie bestimmten Aussagen zustimmen. Zum Beispiel: "Frauen sind schnell beleidigt" – um feindlichen Sexismus zu erfassen, also wenn ein Mann sich offen über Frauen stellt.

Oder: "Eine Frau soll von ihrem Mann auf Händen getragen werden" – um wohlwollenden Sexismus zu erfassen, also wenn ein Mann zwar der Ansicht ist, die Frau sei schwächere Geschlecht, dies aber nicht offen aussprechen würde.

Das Ergebnis: Als wohlwollend sexistisch eingestufte Männer waren in Interaktion mit Frauen freundlicher und lächelten öfter, als die als feindlich sexistisch eingestuften.

Sollten Männer Frauen vor dem Aufzug den Vortritt lassen?

Erstere waren außerdem geduldiger, wenn die Frau eine Frage beantwortete und benutzten häufiger emotionale Worte. Sie glaubten, dass Frauen beschützender und zuvorkommender behandelt werden sollten, aber sahen sie nicht als genauso fähig an, dieselben Ziele zu erreichen wie Männer.

Die Studie besagt also, dass sich auch hinter einem freundlichen Lächeln ein Sexist verbergen kann.

Sollte ich bei Dates also darauf bestehen, mein Essen selbst zu bezahlen, um den wohlwollenden Sexisten in Spendierhosen zum Feminismus umzuerziehen? Sollte ich vor einem Mann die Tür öffnen, um ihm zu zeigen, wie gut ich das kann?

Gleichberechtigt – oder?

Gleichberechtigt – oder? (Bild: Unsplash)

Ich selbst bin überzeugt davon, dass Männer und Frauen politisch, ökonomisch und sozial gleichberechtigt behandelt werden sollen. Ich bin Feministin.

Doch ich muss gestehen, dass ich es sehr mag, bei einem Date abgeholt, zum Essen eingeladen und umworben zu werden. Ich möchte, dass mein Freund die schweren Sachen trägt.

Ich möchte, dass mein Freund die schweren Sachen trägt

Ein Bekannter erzählte mir neulich, dass er im Biomarkt eine Frau an der Kasse vorlassen wollte, mit einem freundlichen "Ladies first", woraufhin die Frau fauchte, er sei sexistisch (an der Kasse aber trotzdem vorging).

Als er einer schwanger aussehenden Frau den Sitzplatz im Bus anbot, war sie beleidigt, dass er sie anscheinend übergewichtig fand. Den Platz nahm sie trotzdem. Der Bekannte war nicht nur verwirrt, er war auch sauer. Wer auf nett gemeinte Gesten so reagiere, der habe keinen Gentleman wie ihn verdient, sagte er.

Widersprechen sich Feminismus und Ritterlichkeit also – oder nicht?

Um diese Frage zu beantworten, könnte es hilfreich sein, sich anzuschauen, warum viele allergisch auf das Wort Feminismus reagieren. Einige denken dabei an aggressive, unangenehm selbstbewusste Frauen mit unrasierten Achseln, an BHs in Flammen oder Wutreden auf Männer.

Das, worum es beim Feminismus aber wirklich geht, ist Gleichberechtigung. Frauen und Männer sind gleichwertig und sollen auch so behandelt werden. Gleichwertig, aber nicht gleich.

Deswegen besteht auch überhaupt kein Widerspruch darin, eine überzeugte Feministin zu sein, und sich trotzdem gern zum Essen ausführen zu lassen.

Ein kluger Mann, der selbst Feminist ist, würde nicht mal auf die Idee kommen, zu denken, dass eine Frau die Tür nicht selbst aufmachen und ihr Essen nicht selbst bezahlen kann. Er weiß sehr wohl, dass sie ihn dazu nicht braucht.


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