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Fühlen

Jost hat eine Lawine überlebt: Wie es sich anfühlt, fast zu sterben

20.04.2017, 09:50 · Aktualisiert: 20.04.2017, 10:27

Jost Kobusch erzählt, was Schmerz für ihn bedeutet.

Der erste Schmerz, der Jost Kobusch einfällt, ist der im Kopf. Innerer Schmerz, der lähmt, sagt er. „Das ist so, wie wenn elektrischer Strom durch deinen Körper fließt, das tut weh.“

Jost Kobusch, 24, weiß ziemlich genau, wie sich Schmerzen anfühlen. Er ist Extrembergsteiger. Im März vergangenen Jahres gelang es ihm, die 8091 Meter hohe Annapurna ohne Sauerstoff und Sherpas zu besteigen. Das hat noch kein Deutscher vor ihm im Alter von 23 Jahren geschafft.

Schmerz ist für ihn Reiz und Herausforderung zugleich. Herausforderung, den Schmerz zu kontrollieren und über Grenzen hinauszuwachsen. Das macht süchtig.

Am Berg hat Jost schon viele Dinge erlebt, die wehtun. Er ist fast in eine Gletscherspalte gerutscht, hat einen Seilriss und einen Lawinenabgang überlebt. Den hat er sogar gefilmt. Bis heute haben sich das knapp zweieinhalbminütige Video auf YouTube mehr als 23 Millionen Menschen angeschaut.

Trotzdem will der 24-Jährige, der aus der Nähe von Bielefeld stammt, heute in Chemnitz lebt und hier Sports Engineering studiert, weitermachen. Das Gefühl, auf dem Gipfel zu stehen, treibt ihn immer wieder in die Lebensgefahr.

Ich oben allein



Das Buch von Jost Kobusch ist im Riva-Verlag erschienen, hat 224 Seiten und kostet 19,99 Euro. Hier bestellen (Affiliate-Link: Wenn du über den Link bestellst, bekommen wir eine Provision)

Sag mal: Wie fühlt es sich an, fast zu sterben?

"Meine intensivste Nahtod-Erfahrung habe ich gemacht, als ich im April 2015 die Lawine im Everest Basecamp gefilmt habe. Im ersten Moment empfand ich sogar eine gewisse Freude, als ich hörte, dass es ein Erdbeben geben sollte.

Ich hatte so etwas noch nie richtig erlebt. Der Moment ist erst gekippt, als ich die Menschen um mich herum gesehen habe, die weggerannt sind. Auf einmal funktionierst du nur noch im Autopilot.

Ich konnte nicht einschätzen, wie schnell die Lawine auf uns zukommt. Als die Druckwelle meine Freunde und mich getroffen hat, war es, als würde dir in dem Moment die Luft aus der Luge gesaugt. Als wenn du gewürgt wirst.

Ich habe diese Ohnmacht gespürt, bald sterben zu müssen. Das klingt paradox, aber es war eine Art innerer Frieden. So war die Erfahrung zwar sehr intensiv, aber nicht in erster Linie schmerzerfüllt. Seit diesem Tag ist alles, was ich noch erleben darf, ein Bonus für mich."

Seit diesem Tag ist alles, was ich noch erleben darf, ein Bonus für mich.
Jost

Für jemanden, der so oft beinahe gestorben ist: Was sind eigentlich noch Schmerzen für dich?

"Beim Bergsteigen ist es vor allem Schmerz für mich, wenn ich merke, dass ich in eine brenzlige Situation komme. Der Moment, wenn ich registriere: Jost, gerade hast du einen richtig dummen Fehler gemacht.

Anfang 2013 versuchte ich den Pik Lenin zu besteigen, einen 7134 Meter hohen Berg in Zentralasien. In der Nacht lag ich in meinem Zelt und spürte, wie nicht nur mein Schlafsack wegwehte, sondern auch mein Zelt vom starken Wind aus der Verankerung gerissen wurde.


So sieht es aus, wenn Jost am Berg unterwegs ist:

Jost Kobusch
Jost Kobusch
Jost Kobusch
Jost Kobusch
Jost Kobusch
Jost Kobusch
Black Yak
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Ich rutschte - nur noch in Unterwäsche, mein Zelt haltend - auf eine Gletscherspalte zu. Klar, es war eiskalt und ich hatte Schmerzen an den Gliedmaßen. Stärker war aber der seelische Schmerz.

Dieses tiefe Bereuen, einen Fehler gemacht zu haben und jetzt womöglich sterben zu müssen. Das Empfinden von tiefer Angst hat richtig weh getan."

Ich rutschte - nur noch in Unterwäsche, mein Zelt haltend - auf eine Gletscherspalte zu.
Jost

Wie gehst du mit dem seelischen Schmerz um?

"Solchen Schmerz zu teilen, ist schwierig. Ich für mich rede selten mit anderen Bergsteigern darüber und habe das stattdessen ein Stück weit in meinem Buch verarbeitet. Dadurch, dass ich alles noch einmal aufgeschrieben habe, konnte ich einen anderen Blick für Dinge entwickeln und sie auf andere Art und Weise verarbeiten.

Trotzdem ist da natürlich das Gefühl des Vermissens, wenn ich unterwegs bin. Vor allem wenn ich an die Menschen denke, die mir wirklich nahestehen. Ich klebe immer Fotos von ihnen in mein Zelt. Ich habe fünf Geschwister. Drillinge und Zwillinge, alles Schwestern. Bei uns Zuhause ist also immer Action. Die Ruhe im Berg ist ein krasser Kontrast dazu.

Man sieht dadurch auch, was man alles bewältigen kann.
Jost

Gerade, wenn ich alleine klettere, denke ich viel über meine Beziehung zu diesen Menschen nach. Ich versuche via Live Tracking und Nachrichten über Satellit mit ihnen in Kontakt zu bleiben und ein Lebenszeichen zu senden."

Und der körperliche Schmerz, wie lässt er sich ertragen?

"Auf Expeditionen lenke ich mich am besten durch Bewegung ab. Enorme Distanzen unterteile ich mir in kleine Zwischenstationen, den nächsten Eisblock zum Beispiel. Manchmal ist das wirklich hart, aber als Bergsteiger braucht man auch eine gewisse Affinität zum Leiden.

Für mich liegt der Reiz auch darin, sich extremen Bedingungen wie Kälte oder einer Nacht im nassen Schlafsack zu stellen. Man sieht dadurch auch, was man selbst alles bewältigen kann.

Die ganze Energie, die du dafür verwendest, vor Schmerz wegzulaufen, kannst du viel besser nutzen.
Jost

Wichtig ist, dass man Schmerz akzeptiert und ihn auch zulässt. Schmerz ist etwas Normales, genau wie Angst. Dadurch, dass man Schmerz begegnet und sich ihm stellt, verliert er das Besondere. Die ganze Energie, die du dafür verwendest, vor Schmerz wegzulaufen, kannst du viel besser nutzen."


Gerechtigkeit

Wie sich diese Moderatorin gegen sexistische Sprüche eines Promis wehrt

20.04.2017, 08:54 · Aktualisiert: 20.04.2017, 14:10

Worum geht es?

Um den Extremsportler Felix Baumgartner, die österreichische TV-Moderatorin Corinna Milborn – und Werbung einer Unterwäschefirma. Die wurde nämlich in Österreich heftig diskutiert. Auf dem Bild liegen sechs junge Frauen nur mit knappen Höschen bekleidet auf dem Bauch. So bewirbt Unterwäschehersteller Palmers seine "Osterhöschen". 

Vielen gefiel das gar nicht, das sei herabwürdigend und geschmacklos. Andere fanden die Werbung eher harmlos, so wie Baumgartner. Er ist neben seinem Sprung aus dem Weltall auch schon längst für seine sexistischen Sprüche bekannt.