Bild: Lana Petersen

Fühlen

Ich habe keine Lust auf Sex. Einfach so.

04.06.2016, 17:08 · Aktualisiert: 05.10.2016, 15:57

Eine Beziehung ohne Sex ist am Ende? Das denken viele, ist aber Unsinn, sagt unser Sex-Kolumnistin.

Mehr als zwei Monate habe ich hier über Sex geschrieben, wie es ist als dicke Person Sex zu haben, zum Beispiel. Über Sex mit Freund_innen und über Sextoys. Sexpositivität ist mir wichtig, genauso wie Begehren zu enttabuisieren und zum Slutty Lifestyle zu stehen. Mindestens genauso wichtig ist es für mich aber, über keinen Sex zu sprechen.

Ich bin umgeben von Leuten, für die Sexualität eine sehr große Rolle im Leben spielt. Wir sprechen miteinander offen über Begehren und unterschiedliche Praktiken wie BDSM oder sogar Sexarbeit, wir gehen gemeinsam auf Sexpartys, basteln Sextoys, schauen uns queere Pornos im Kino an und beraten uns gegenseitig in unseren meist polygamen Beziehungen.

Über unsere Sex-Kolumnistin Gul

Gul ist Mittzwanzigerin, Großstädterin und gender/queer. Das heißt: Gul steht auf Frauen, Lesben, Femmes, Bois, Butches, Femmebois, Agenders und andere Personen, die spielerisch mit ihrem Gender umgehen.

Das schätze ich sehr. Denn mir machen Sex und Gespräche darüber viel Spaß. Manchmal bekomme ich allerdings ein unbehagliches Gefühl, wenn Personen oder ganze Räume richtig hypersexualisiert werden. Wenn zum Beispiel eine neue Person die Stammbar betritt und von anderen durch unangenehmes Starren oder Flüstern zum Frischfleisch deklariert oder alles total anzüglich wird: Gespräche, Tänze, Berührungen.

Viele Leute behaupten, eine romantische Beziehung sei am Ende, wenn die Beteiligten nicht miteinander schlafen. Irgendwas müsse nicht stimmen. Das halte ich für Unsinn. Dafür kann es hundert Gründe geben.

Ich fürchte, nackt nur noch als Frau gesehen zu werden.

Wenn ich keine Lust habe, dann liegt es manchmal daran, dass ich mich in meinem Körper gerade nicht wohl fühle. Das hat nichts mit meinen Lovern zu tun. Ich identifiziere mich als genderqueere Person, das heißt, ich fühle mich weder dem klassisch männlichen noch dem klassisch weiblichen Geschlecht zugehörig. Und manchmal sehe ich mich einfach nicht gern nackt.

Durch meine Kleidung baue ich mir einen eigenen Genderausdruck auf und breche mit klassischer Femininität. Ich habe durch Kleidung mehr Kontrolle über mein Aussehen. Und wenn ich mich ausziehe, habe ich manchmal das Gefühl, dass meine großen Brüste und meine Vulva alles zunichte machen. Ich fürchte, dann nur noch als Frau gesehen zu werden. Der Gedanke daran trocknet mich schon total aus.

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Vielleicht fühle ich mich auch als queere, dicke, haarige Person of Color auch nicht immer sicher in meiner Sexualität, weil mir Gesellschaft und Medien ständig einreden, ich sei hässlich, unattraktiv und nicht liebenswürdig. Ich kämpfe dagegen an und weiß auch, dass diese Stigmatisierungen giftig und falsch sind. An manchen Tagen gelingt es mir nicht, diese Dämonen aus meinem Kopf zu jagen.

Oder ich habe eine beschissene, depressive Episode und schaffe es nicht mal, meine Duschroutinen einzuhalten, vernünftig zu essen und klar zu denken. Wie soll ich dann noch Sex koordinieren?

Und manchmal habe ich auch keine Lust. Einfach so.

Mir gefällt der Gedanke auch nicht, dass meine Lover die Lust auf Sex immer voraussetzen. Wenn ich auf meinen Dates kuschle oder küsse, heißt es noch lange nicht, dass ich auch Sex will – auch wenn ich das durchaus sehr oft möchte.

Ich fühle mich oft sehr unter Druck gesetzt, permanent begehrenswert oder an Sex interessiert sein zu müssen. Auch von meinen sexpositiven Freund_innen, die sonst immer so verständnisvoll sind. Wenn jemand keine Lust auf Sex hat, sollte niemand ihm Gefühle von Scham oder Schule vermitteln; das ist weder radikal noch süß.

Es doch sehr simpel: Natürlich ist Sex schön und wichtig, aber es dreht sich nicht alles darum.

Was bedeutet der Hinweis "Meinung"?

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Note 1,0

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