Bild: flickr.com/helga/ (CC BY-ND 2.0)

Fühlen

Oft fühle ich mich erfolglos und allein. Was kann ich tun?

09.03.2016, 12:48 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:28

In unserer Serie "Über-Ich" beantwortet die Psychologin Kathrin Hoffmann eure Fragen.

Katja schreibt:

Ich bin schon oft umgezogen, meine Eltern wohnen nicht mehr dort, wo ich zur Schule gegangen bin. Die überall verstreuten Freunde vermisse ich sehr. Ich habe mich zeitweise sehr bemüht, neue zu finden und die Freundschaften intensiv gepflegt, dadurch habe ich mein Studium schleifen lassen.

Jetzt sind fast alle bereits weggezogen, arbeiten teilweise schon seit Jahren oder haben Kinder. Deswegen haben sie nicht mehr so viel Zeit für Freunde und beschäftigen sich mit ganz anderen Themen als ich – das macht mich traurig. Es fällt mir schwer, meine verbliebenen Kontakte zu genießen und meine Zukunft zu planen.

Oft fühle ich mich alt, erfolglos und allein, auch wenn ich weiß, dass ich weder allein bin, noch nichts erreicht hätte, noch zu alt bin, um noch eine eigene Familie zu gründen.

Die Psychologin Kathrin Hoffmann antwortet:

Liebe Katja,

beim Lesen deiner Anfrage wird eine starke Melancholie spürbar. Du beschreibst eine "Entwurzelung" von deinem Heimatort und deinen alten Freunden. Und nachdem du es mit viel Engagement geschafft hast, dir neue Freundschaften aufzubauen, merkst du, wie auch diese Freundschaften sich verändert haben, was dich verständlicherweise traurig macht.

Trauer ist eine natürliche emotionale Reaktion auf einen Verlust. Es ist gut und wichtig diese Trauer zuzulassen und ganz bewusst "Trauerarbeit" zu leisten. Erlaube dir den Schmerz und nimm dir Zeit, um diesen Verlust zu betrauern.

Wer waren deine liebsten Freunde?

Dazu kannst du dir zum Beispiel alte Fotoalben anschauen oder Musik hören, die dich an früher erinnert. Lass alle Gefühle, die dabei hochkommen zu. Vielleicht musst du weinen und im nächsten Moment lachen, wenn du an Erlebnisse von damals denkst.

  • Wer waren deine liebsten Freunde?
  • Was habt ihr gemeinsam erlebt?
  • Was waren lustige oder traurige Momente?
  • Wofür bist du diesen Menschen besonders dankbar?

Diese bewusste Auseinandersetzung hilft dir, innerlich loszulassen, zu akzeptieren, dass Menschen und Umstände sich verändern und wieder frei zu werden für dein gegenwärtiges Leben und alles was noch vor dir liegt.

Hilfe!

Jeder hat mal Angst und Stress. Jeder fühlt sich mal hilflos, machtlos, überfordert. Wenn Freunde, Eltern oder Geschwister nicht weiterhelfen können, wollen oder sollen – dann melde dich bei uns. Die Psychologin Kathrin Hoffmann beantwortet in der Serie Über-Ich für bento ausgewählte Fragen, die wir anschließend veröffentlichen. Dabei ändern wir selbstverständlich alle Namen von Betroffenen.

Wenn du das Gefühl hast, dir genug Raum für die Trauer gegeben zu haben, ist es wichtig, dass du deinen inneren Fokus wieder auf das richtest, was dein Leben im Moment ausmacht:

  • Welche Menschen stehen dir gerade nahe?
  • Was schätzt du an ihnen?
  • Was macht dein Leben darüber hinaus lebenswert?
  • Worauf bist du stolz?
  • Womit beschäftigst du dich gerne?

Wenn im Freundeskreis immer mehr Familien gegründet werden, kommt es zu einem gewissen Druck "nachzuziehen". Auch neigen wir alle dazu, uns mit anderen zu vergleichen. Was haben die erreicht? Wie leben die im Vergleich zu mir?

Mach dir klar, dass es bei diesen Vergleichen kein "besser" oder "schlechter" gibt. Welche persönlichen Wünsche und Ziele hast du für die nächste Zeit? Was davon ist dir besonders wichtig? Was wäre ein erster Schritt zur Umsetzung? Wann willst du damit beginnen?

Wann willst du beginnen?

Überlege dir auch, mit wem du dich gern mal wieder treffen würdest. Was könntet ihr gemeinsam tun? Schöne Momente der Verbundenheit können entstehen, wenn du deinen verbliebenden Freunden sagst, wie froh du bist, sie zu haben und wie sehr du sie schätzt. Wem würdest du das besonders gerne mal sagen?

Alles Gute für dich!

Deine Kathrin Hoffmann