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Fühlen

Eltern sind das Größte auf der Welt. Jetzt werden sie alt.

27.03.2016, 09:57 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:29

Wie es sich anfühlt, wenn Mama und Papa unsicherer, ängstlicher und öfter nachdenklich sind.

Meine Eltern lernten sich in einer Disco kennen. In den Siebzigerjahren, als John Travolta mit "Saturday Night Fever" seinen großen Erfolg feierte. Da waren beide Anfang zwanzig. Mein Papa trug Cordhose, Cordjackett und hatte langes Haar. Heute schütteln er und Mama ungläubig mit dem Kopf, wenn sie davon erzählen.

Das dunkle Haar ist mittlerweile grau, kurz und ein bisschen lichter geworden. In einer Disco tanzen sie schon lange nicht mehr. Am liebsten schraubt Papa in seiner Werkstatt, mäht den Rasen und kuschelt sich abends in seinen Sessel.

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Für Mama und Papa dauert es nicht mehr lang bis zur Rente. Sie lieben es, auf unserem Hof herumzuwerkeln, mindestens einmal im Jahr wandern sie in Südtirol. Am Wochenende unternehmen sie etwas mit ihren Freunden. Am Abend schauen sie fern und trinken ab und zu ein Gläschen Rotwein. Meinen Eltern geht es gut. Sie sind liebevoll, gütig und große Vorbilder für mich.

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Ich habe immer zu meinen Eltern aufgeblickt, das tue ich noch. Nur fühlt es sich heute anders an. Als Kind dachte ich, es gibt nichts, was meine Eltern nicht können. Papa erklärte mir für ein Referat, wie eine Batterie funktioniert. Mama half mir einmal heimlich bei einem Bild für den Kunstunterricht, weil ich es auch nach mehreren Versuchen einfach nicht hinbekam, und dann heimste ich für das Bild sogar eine 1 ein.

Papa baute mir ein zweigeschossiges Gartenhäuschen und eine Schaukel. Wenn für mich einmal die Welt unterzugehen schien oder ich großen Kummer hatte, massierte Mama mir die Füße und sagte: "Alles wird gut."

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Heute erkläre ich meinen Eltern, wie sie ihr iPhone updaten müssen oder helfe Papa schon mal beim Schreiben einer Rede für eine Versammlung. Im gemeinsamen Italien-Urlaub soll ich beim Kellner das Essen bestellen. "Unser Englischunterricht an der Schule ist schon so lange her, und du sprichst doch auch Italienisch", sagt Mama.

Irgendwann kommt dieser Moment, an dem man merkt: Ich muss euch nicht mehr fragen, wie das Leben funktioniert. Jetzt bin oft ich diejenige, die euch Rat und Hilfe gibt. Es ist ein schöner, aber auch trauriger Moment: Meine Eltern werden alt.

Irgendwann kommt dieser Moment, an dem man merkt: Ich muss euch nicht mehr fragen, wie das Leben funktioniert.

Ich meine nicht "alt" im Sinne von krank. Klar haben sie mehr Wehwehchen als früher. Mein Papa hat Tinitus, meine Mama oft Schmerzen im Knie. Mit "alt" meine ich: Sie sind unsicherer und ängstlicher als früher, ab und zu vielleicht ein wenig unbeholfen und öfter mal nachdenklich.

Als ich erst in den Kindergarten, dann in die Schule kam, war das bestimmt schon genauso. Mache ich alles richtig in der Erziehung? Können wir ein neues Auto kaufen, oder sollen wir das Geld lieber sparen? Doch als Sechsjährige habe ich die Unsicherheit meiner Eltern nicht erkannt, in der Pubertät war ich zu sehr mit mir selbst beschäftigt.

Zur Weihnachtszeit erzählte mir meine Mama, dass sie mit Freundinnen auf dem Weihnachtsmarkt verabredet sei, drei Orte weiter. Wenn es aber schneien sollte, würde sie sich das noch einmal überlegen. "Bei Eis und Schnee, und dann sehe ich im Dunkeln doch nicht mehr so gut", sagte sie. Und mein Papa fährt jetzt manchmal gerne den Polo von Mama und nicht seinen BMW. Vor allem wenn es ins Parkhaus geht, ist der schon praktischer.

Wenn Mama und Papa in den Urlaub fahren, fängt Mama schon eine Woche vorher mit dem Packen an – damit sie auch nichts vergisst. Und an der Fensterbank in der Küche klebt ein Meer an Post-It-Nachrichten. Joghurt kaufen, Bankgeschäfte regeln, Dienstag Oma zum Arzt bringen. Sowieso muss alles geplant sein. Wann soll Papa losfahren, damit er dich pünktlich am Bahnhof abholt? Was willst du essen, wenn du am Wochenende kommst? Ich fahr dann Mittwoch schon einkaufen.

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Gerne schwelgen die beiden in Erinnerungen. Zum Beispiel, wie sie vor meiner Geburt den alten Bauernhof meiner Großeltern komplett renoviert und teils neu aufgebaut haben. "Weißt du noch, wie viele Anhänger mit Heu wir vom alten Dachboden geholt haben?" "Weißt du noch, wie wir beinahe die Katze eingemauert hätten?" "Weißt du, ob der Maurer noch lebt?"

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Manchmal mache ich mich über meine Eltern lustig – liebevoll natürlich. Oft lachen sie mit mir, oft merke ich aber, wie es sie beschäftigt.

Und mich auch. Meine Eltern geben mir Halt – heute wie früher. Als mich meine erste große Liebe verließ, konnte ich stundenlang in ihren Armen liegen und mich ausheulen. Wenn ich nicht wusste, wie ich mich bei Studium und Beruf entscheiden sollte, berieten wir beim Abendbrot darüber. Danach sah ich viel klarer.

Das ist meist immer noch so, nur heute hat die Stimme meiner Eltern auch oft weniger Gewicht. Ich habe ganz andere Erfahrungen gemacht als sie. Habe studiert, war häufiger im Ausland, bin mehrmals umgezogen. Ich schätze vieles ganz anders ein.

Natürlich frage ich mich, ob ich meine Eltern später werde pflegen müssen. Die Zeit, bis ein Treppenlift eingebaut werden muss, scheint zwar noch weit weg. Aber erst kürzlich ließen sich meine Eltern die Dusche ebenerdig umbauen – vorsorglich.

Ich will immer für meine Eltern da sein, genauso wie sie es für mich sind. Ein Heim kommt nicht in Frage – denke ich jetzt. Aber was bedeutet das dann? Müsste ich von einer Großstadt zurück ins Dorf ziehen? Finde ich dort einen Job? Geht mein Partner mit mir mit? Ich schiebe diese Gedanken immer weit weg. Diese Hürde kann ich sowieso erst nehmen, wenn ich sie direkt vor mir sehe.

Früher hatten meine Eltern Angst um mich, wenn ich über die viel befahrene Straße gehen musste, um zur Bushaltestelle zu kommen, oder als ich zum ersten Mal nur mit Freunden in den Urlaub fuhr. Heute habe ich Angst und Sorge um sie. Werden sie auch nicht müde auf der langen Fahrt in die Berge? Sind sie glücklich?

Was ist Alter, ist es körperlich oder mental?

Genauso wie ich mir Gedanken ums Altern mache, machen es sich meine Eltern wohl umso mehr. Mama erzählt mir davon: "Früher war man jung, der größte Teil deines Lebens lag vor dir. Du warst irgendwie flexibler, unbekümmerter, belastbarer. Jetzt liegt der größte Teil deines Lebens hinter dir. Die Strecke nach vorn ist kürzer als die nach hinten.

Was kommt jetzt noch für dich? Alter? Was ist das bei dir genau? Du verstehst dein MacBook nicht mehr wirklich. Deine Knochen erzählen hin und wieder von 58 Jahren täglicher Benutzung. Dein Blutdruck ist nicht mehr das, was er einmal war. Was ist Alter, ist es körperlich oder mental? Bist du nicht mehr en vogue? Ist es der Zeitpunkt, ab dem sich die meisten deiner Gedanken um dich selber drehen? Wie sieht dich dein Kind jetzt im Vergleich zu früher?"

Egal ob 38 oder 58, für mich sind meine Eltern das Größte. Und das werden sie immer sein.