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Fühlen

Alle basteln ihre Geschenke nur noch selbst. Was soll das?

12.06.2017, 12:01 · Aktualisiert: 12.06.2017, 13:21

Es ist Lenas Geburtstag und wir sitzen auf ihrem Bett. Das ist selbstgebaut, aus Euro-Paletten. "Oh, das ist aber eine tolle Idee! Und so einfach", höre ich eine Kommilitonin sagen, während sie ihre Zigarette dreht. Sie bewahrt ihren Tabak in einem bunten Beutel auf, selbstgenäht aus Stoffresten mit Punkten und Eulen drauf. Wie süß Kippen seien können, wenn man nur ein bisschen kreativ ist.

Zum Geburtstag bekommt Lena: ein Stickset mit Kaktus-Motiv, Pesto mit Basilikum aus dem Garten einer Freundin, eine Flasche "Thermo-Mix-kann-alles"-Schnaps und eine Einhorn-Torte, die ein Konditor nicht hätte besser machen können. 

Fast alle Geschenke sind von den Schenkenden eigens kreiert. "Mit ganz viel Liebe", steht sogar auf einem drauf. Ich schlucke. Bedeutet das jetzt, dass alles, in dem nicht das eigene Handwerk steckt, weniger wert ist?

Basteln und backen jetzt alle nur noch – weil das ja auf Instagram viel schöner aussieht? 

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Ich beobachte das in meinem Freundeskreis gerade vermehrt. Ikea-Möbel werden nicht mehr nur selbst zusammengeschraubt, sondern im Anschluss auch individualisiert oder zweckentfremdet. "Ich habe mir einen Tisch gekauft und daraus ein riesiges Spielbrett gebaut", sagte mir neulich ein Bekannter. 

In den Einkaufsstraßen der großen Städte gibt es immer mehr Geschäfte, die uns dazu verhelfen wollen, am Ende sagen zu können: "Hab ich selbst gemacht! Meine Idee! Alles von mir!"

Meine Idee!

Dort gibt es Etiketten und Einmachgläser, Bänder, Töpfe und Topffarben, es gibt Zeitschriften, die sich nur dem Basteln widmen. Das Magazin "flow" ist beispielsweise seit einiger Zeit erfolgreich darin, Selbstmach-Anleitungen zu verkaufen. In jedem Heft befinden sich Extras wie heraustrennbares Geschenkpapier, Glitzerstaub oder Postkarten zum Ausmalen. 

Blogs versprechen uns, dass es total einfach ist, sich selbst einen Schreibtischstuhl zu bauen, ein schickes Bücherregal oder gleich eine ganze Küchenzeile. 

Und in den Supermärkten steht seit Kurzem eine Küchenrolle im Verkaufsregal, Edition: DIY, Do It Yourself. In dem Paket gibt es Basteltipps von Enie van de Meijklokjes.

Ich fühle mich schlecht. Ich will Lena bloß ein Buch schenken, eingepackt von der Verkäuferin. 

Warum sind wir auf einmal so davon besessen, alles selbst zu machen? Sind wir wirklich kreativer geworden, wie es all die Magazine und Blogs versprechen, oder nur selbstverliebter? Geht es uns darum, dem Geburtstagskind eine Freude zu machen – oder geht es uns ums Lob für die Eigenkreation?

Es gibt Studien, die sich mit genau diesen Fragen beschäftigen. Eine fragt, inwiefern sich das Selbstmachen von Nahrung auf den Geschmack und Konsum auswirkt. Simone Dohle von der Uni Köln ließ Studenten dazu Milchshakes probieren. 

Die erste Gruppe bereitete diesen selbst zu, die zweite Gruppe bekam einen fertig gemixten Shake vorgesetzt. Obwohl die Getränke aus den gleichen Zutaten zubereitet wurden, kam Dohle zum Ergebnis, dass die Gruppe, die den Milchshake selbst mixte, mehr davon trank – und ihn leckerer fand als die Gruppe, die nichts zubereitet hatte. 

Dasselbe stellten die Wissenschaftler Dan Ariely, Daniel Mochon und Michael Norton in ihrer Studie fest, sie beschreiben darin den "Ikea-Effekt". Die Experten ließen Studenten Ikea-Boxen zusammenbauen und Origami-Tiere falten. Im Anschluss sollten die Studenten sagen, wie viel sie bereit wären, für ihre selbstgemachten Dinge zu bezahlen. 

Zum Vergleich zeigten die Wissenschaftler einer anderen Gruppe bereits gefertigte Boxen und Origami-Tiere.  Auch hier wurde nach einem Betrag gefragt, den die Leute dafür ausgeben würden. Herausgekommen ist: Die DIY-Studenten würden weitaus mehr Geld ausgeben. 

Was wir selbst gestalten, das mögen wir lieber. Sogar so viel lieber, dass wir mehr dafür bezahlen würden als für die Arbeit eines Profis.

"Wir leben in einer Zeit, in der Kreativität zu einem zentralen kulturellen und ökonomischen Wert geworden ist – und DIY ermöglicht ein gewisses Maß an ästhetischem Selbstausdruck", sagt Dirk Hohnsträter, Leiter der Forschungsstelle Konsumkultur an der Uni Hildesheim. "Zum anderen stellen handgemachte Dinge einen reizvollen Kontrast zur digitalen Welt dar."

So würden  DIY-Projekte Spuren ihrer Entstehung zeigen. Sie hätten möglicherweise Macken und seien Unikate. "Das macht Selbstkreiertes als Korrektiv zur industriellen Massenproduktion interessant", sagt Hohnsträter.

Und weil wir Selbstgemachtes besser finden und mehr Wert darin sehen, geben wir es offenbar eben auch gern an unsere Freunde weiter. 

Wir mögen Selbstgemachtes wirklich lieber – und geben es auch gern weiter

Trotzdem, auf dieser Geburtstagsparty hatte ich nur ein Buch dabei – gekauft in einer Buchhandlung. Als Lena es auspackte, freute sie sich sehr. Genauso, wie bei all den selbstgemachten Geschenken. Beim Schenken gilt am Ende hoffentlich auch weiterhin: Die Geste zählt.


Gerechtigkeit

Dutzende Verhaftungen: Militär in Südkorea betreibt "Hexenjagd" auf Schwule

12.06.2017, 08:47

In Südkorea sind in den vergangenen Wochen dutzende Soldaten verurteilt worden – weil sie schwul sind. Das Militär habe eine regelrechte "Hexenjagd" auf die Soldaten betrieben, berichtet die Menschenrechtsorganisation Amnesty International

Ein verurteilter Soldat berichtete dem Sender CNN anonym, Ermittler hätten ihn gedemütigt und unter Druck gesetzt, Freunde aus der Community zu verraten.

Homosexualität ist in Südkorea nicht verboten – in der Armee hingegen schon.