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Fühlen

Dieses Projekt will jungen Menschen mit Suizidgedanken helfen – per Mail

03.08.2017, 11:48 · Aktualisiert: 03.08.2017, 14:37

Wenn sich Menschen das Leben nehmen, ist es für ihre Angehörigen und Freunde oft ein kaum zu verkraftender Schock. Und trotzdem passiert es immer wieder. In Deutschland nehmen sich jährlich rund 10.000  Menschen das Leben, davon 550 Jugendliche. Suizid ist in der Altersgruppe der Unter-25-Jährigen die zweithäufigste Todesursache. 

Dabei gibt es Angebote, die speziell jungen Menschen durch die Krise helfen können - Menschen wie Caroline.

Caroline hat Suizidgedanken. Beim Projekt [U25] hat sich die 18-Jährige nun professionelle Hilfe gesucht. Gleichaltrige Peer-Berater wie Marie stehen ihr dort als Ansprechpartner zur Verfügung. Per Email und völlig anonym. 

Für Bento haben Caroline* und Marie* ihre Erfahrungen unabhängig von einander in Emails beschrieben. 

Das Projekt [U25]

Das Projekt [U25]  wurde 2001 vom Verein Arbeitskreis Leben Freiburg gegründet. Seit 2012 – nachdem die Nachfrage immer größer wurde – wird es durch den Deutschen Caritasverband koordiniert. Jakob Henschel ist Diplom-Psychologe und leitet das Hilfsangebot seit fünf Jahren. 

 Heute ist das Beratungsangebot deutschlandweit an zehn Standorten vertreten, weitere Anlaufstellen befinden sich in der Schweiz und Österreich. „Insgesamt 190 Peer-Berater sind für uns im Einsatz. Sie werden über vier Monate durch unsere hauptamtlichen Teamleitungen ausgebildet und bei der Beratungsarbeit eng begleitet“, sagt Jakob Henschel.

Caroline

Caroline* ist 18 Jahre alt und lebt mit ihrer Familie in einer Großstadt. Seit etwa zwei Wochen sucht sie Hilfe bei [U25].

Ich komme mit mir selbst nicht zurecht. Ich ritze mich. Auf die Verletzungen hat mich bisher noch niemand angesprochen. Vielleicht liegt es an meinen Pullis, die die Narben verdecken.  

Das mit dem Selbstverletzen hat angefangen, als ich meine erste schlechte Note hatte. Ich war ziemlich wütend auf mich. "Ich hätte es besser machen können", habe ich gedacht. Den Gedanken, dass ich nicht mehr leben möchte, hatte ich vor drei, vier Jahren zum ersten Mal. Ich habe mich damals einer Freundin anvertraut. Das hat geholfen – aber jetzt ist dieser Wunsch, nicht mehr am Leben zu sein, wiedergekehrt. Das liegt auch am Leistungsdruck in der Schule und den Erwartungen – vor allem meinen eigenen.


Suizid - Hilfe in scheinbar ausweglosen Lebenslagen

Kreisen deine Gedanken darum, dir das Leben zu nehmen? Rede mit anderen Menschen darüber. Per Chat, Telefon, E-Mail oder im persönlichen Gespräch. Hier findest du - auch anonyme - Hilfsangebote in scheinbar ausweglosen Lebenslagen.

Marie

Marie studiert Psychologie und ist seit vier Jahren Peer-Beraterin. Bisher hat sie 13 Jugendliche begleitet. Manchen geht es heute besser, andere haben sich nie mehr gemeldet. 

Die Pubertät ist eben ein schwieriges Alter. Alles verändert sich, die Zukunft muss geplant werden. Mache ich Abitur und studiere? Oder doch lieber eine Ausbildung? 

Viele Jugendliche sind mit diesen Entscheidungen, die schon so früh getroffen werden müssen, überfordert. Zusätzlich erfahren sie häufig einen enormen Leistungsdruck. Dass einigen alles zu viel wird, kann ich absolut nachvollziehen. 

Viele wollen nicht sterben. Sie möchten nur unter keinen Umständen mehr so weiterleben, wie bisher.


Auch ich steckte einmal in einer Krise. Ich hatte gleich mehrere Freunde im Bekanntenkreis, die suizidgefährdet waren. Damals war ich mit der Situation total überfordert und wusste nicht, wie ich mich verhalten soll. 

Darf ich sie auf ihre Krise ansprechen oder nicht? Ich dachte damals, dass ich sie mit meinen Fragen auf falsche Gedanken bringen könnte. Heute weiß ich, dass das schlichtweg falsch ist. Man bringt Menschen nicht auf die Idee, einen Suizid zu begehen, wenn man sie danach fragt. 

Im Gegenteil – viele von ihnen sind froh darüber, auf ihre Krise angesprochen zu werden. Denn dann gibt man ihnen das Gefühl, dass sie offen über ihre Probleme reden können, ohne verurteilt zu werden.

Stinas Vater hat Suizid begangen. Wie sie damit umgeht, erzählt sie in unserem Bekennervideo:

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Oft ist es eben nicht „nur eine Phase“. Die Jugendlichen suchen auch keine "Aufmerksamkeit". Sie brauchen ganz klar Hilfe – und ich bin der Meinung, dass wir jede Form von Hilferufen ernst nehmen sollten.

Ich finde es sehr schade, dass suizidgefährdete Jugendliche das Gefühl haben, sich niemandem anvertrauen zu können. Viele denken, dass niemand sie versteht und dass sie ganz allein sind.



Caroline

Bei uns zuhause ist die Situation unerträglich. Streit steht auf der Tagesordnung. Mir ist das alles zu viel. Ich bin kein großer Familienmensch, zu meinem leiblichen Vater habe ich eher selten Kontakt. 

Ich lebe momentan bei meiner Mom. Jedoch ist auch das Verhältnis zu ihr eher mäßig, da ich ihren neuen Mann, also meinen Stiefvater, nicht ausstehen kann. Er lebt seit meinem vierten Lebensjahr bei uns. 

Am Anfang war noch alles ok. Aber seit drei Jahren geht es bei uns drunter und drüber, weil er angefangen hat, Drogen zu nehmen. Er hat seinen Job verloren, sucht sich aber auch keinen neuen. Damit wir über die Runden kommen, muss meine Mom länger arbeiter. 

Er sitzt stattdessen nur am Handy. Macht nichts. Und ich muss mich um den Haushalt kümmern.

Ich habe zwei Geschwister, die sind mein ein und alles.

Ich bin gern für sie da, kümmere mich um sie, wenn meine Mom erst später nach Hause kommt.

Marie

Manchmal belastet es mich, was ich zu lesen bekomme. Mir begegnen immer wieder Schicksale, die mich sehr berühren und die im Gedächtnis bleiben. Beispielsweise gab es einmal einen Fall, bei dem sich eine Klientin erst wegen ihres selbstverletzenden Verhaltens bei uns gemeldet hatte. 

Erst schrieb sie, dass sie Probleme in der Schule habe und mit ihren Klassenkameraden nicht zurecht komme. Nach monatelangem Mailkontakt hat sie den Mut gefasst, mir zu sagen, dass sie von ihrem Onkel seit Jahren sexuell belästigt wird und sich nicht traut, es irgendjemandem zu erzählen. 

Ich kannte nicht einmal ihren richtigen Namen und doch schrieb sie mir: "Danke, du bist die erste Person, der ich das erzählen konnte."

Das Gute ist, dass ich mit sowas auch nicht allein bin. Ich kann mich jederzeit mit den hauptamtlichen Projektleitern austauschen und mir Ratschläge holen. Wenn einem Peer-Berater ein Fall zu nahe geht, kann er ihn abgeben – das ist mir allerdings noch nicht passiert. 

Ich kann ganz gut auf meine Ressourcen achten. Zum Ausgleich mache ich Sport, lese ein gutes Buch oder gehe Kaffee trinken mit einer Freundin, je nachdem, wie ich mich gerade fühle. Außerdem tausche ich mich im Team viel aus. Wir passen gegenseitig auf uns auf. 

Caroline

In meinem näheren Umfeld habe ich niemanden, mit dem ich über meine Suizidgedanken sprechen könnte. In meiner Familie kursieren heftige Vorurteile zu dem Thema.

Wenn es um psychische Erkrankungen geht, fallen stets abfällige Bemerkungen wie "Klapse" oder "Psycho". Die nehmen das nicht ernst und sagen: "Es gibt Menschen, denen geht es viel schlechter." 

Außerdem heißt es in unserer Familie: Wer seine Probleme nicht bewältigen kann, ist schwach. Und alles, was dem Bild der perfekten Familie nicht entspricht, wird totgeschwiegen. 

Dieser Künstler zeichnet psychische Erkrankungen als Häuser: 

Federico Babina
Federico Babina
Federico Babina
Federico Babina
Federico Babina
Federico Babina
Federico Babina
Federico Babina
Federico Babina
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Ich war einmal kurz davor, mit meiner Mom über meine Probleme zu sprechen. Im letzten Moment habe ich mich allerdings dagegen entschieden. Ich hatte das Gefühl, dass ich in kürzester Zeit Thema Nummer eins in der kompletten Verwandtschaft werden würde. Stattdessen habe ich mir jetzt Hilfe im Internet geholt. 

Auf das Angebot von [U25] bin ich gestoßen, als ich Begriffe wie "Suizid" gegoogelt habe. Momentan tut es mir total gut, mit dem Peer-Berater zu schreiben. Wir schicken uns Mails hin und her, das ist das Konzept.

In der Regel bekomme ich die Antwort des Beraters innerhalb von wenigen Tagen, maximal eine Woche später. Meinen echten Namen kennt dort keiner. Ich kann in der Anonymität über alles schreiben, was mir am Herzen liegt. Ich kann direkt über die Suizidgedanken und das Selbstverletzen reden, über meine Vergangenheit, die aktuelle Situation oder was meine Pläne sind.

Marie 

Jeder von uns kann helfen. Am besten, man geht auf die Person zu und fragt, wie es ihr geht und ob sie jemanden zum Reden braucht. Wenn man schon länger den Verdacht hat, dass es ihm oder ihr nicht gut geht, kann man durchaus direkt fragen: "Hast du manchmal Suizidgedanken?" 

Dadurch wird diesem Thema ein Raum geschaffen und es ist für die Betroffenen wesentlich einfacher, ehrlich darauf zu antworten, als das Thema von selbst anzusprechen.

In jedem Fall sollte man auf die Jugendlichen eingehen, anstatt sie zu belächeln. Dabei geht es nicht darum, aus eigener Kraft zu helfen. Für solche Fälle gibt es professionelle Ansprechpartner – Sozialarbeiter in Schulen, anonyme Beratungsstellen, Psychotherapeuten und Psychiater. 

Es braucht sich niemand dafür zu schämen, diese Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Es wird der betroffenen Person um einiges leichter fallen, diese Angebote anzunehmen, wenn sie vom privaten Umfeld darin unterstützt wird. 


Caroline

Es gibt übrigens auch Tage, an denen ich denke: "Das wäre schon ziemlich blöd, jetzt tot zu sein.“ Gerade dann, wenn das Wetter schön ist, ich mit Freunden Zeit verbringe oder Sport mache. Da bin ich super drauf und vergesse für einen Augenblick meine Krise. Aber dieses positive Gefühl hält leider nicht ewig an.

Das virtuelle Hilfsangebot hat mir Hoffnung gegeben. Es gibt da draußen einen, der mir zuhört, der mich ernst nimmt. Das tut unheimlich gut! Ich denke, wenn ich im Internet mit jemandem reden kann, dann klappt das vielleicht auch irgendwann im "realen Leben“.


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