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Fühlen

Nach einem Jahr Tinder hat sie alle Typen durch

01.02.2016, 18:29 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:26

Und das ist ihr Fazit

Vor ziemlich genau einem Jahr habe ich mich bei Tinder angemeldet. Mein Freund hatte sich gerade von mir getrennt und ich hielt das Herunterladen der App für die logische Konsequenz. Was ich mir davon erwartet habe? Selbstbestätigung, Ablenkung, Sex, eine neue Liebe. Was habe ich bekommen? Alles davon und irgendwie auch nichts.

Der Tinderzyklus verläuft in verschiedenen Phasen. Von “Mir doch egal, ich date alles, was mich matched" über “Ach, keinen Bock mehr, ich lösche die App” bis hin zu “Also JETZT könnte wirklich mal ein Guter dabei sein!". Und so habe ich jetzt zwölf Monate oft nach rechts und viel öfter nach links geswiped (Wer es nicht weiß: Bei Tinder kann man Kandidaten per Fingerwisch aussortieren, die ungewünschten nach links und die hübschen nach rechts). Viele verschiedene Typen konnte ich so kennenlernen.

Eine Typologie:

Der Erste

(Bild: giphy)

Wir schrieben ein Weilchen und ich merkte relativ schnell, dass wir überhaupt nicht auf einer Ebene waren. (Traue keinem Typen, der keine Satzzeichen verwendet!) Dennoch war er optisch total mein Fall: groß, dunkle Haare, Bart. Ein Hamburger Hipster eben. Ich wollte mich also trotzdem mit ihm treffen, oder besser: Meine Freundinnen wollten, dass ich ihn treffen wollte.

Vielleicht hatten sie recht. Ich war ja wieder “back in the game”, zurück auf dem Singlemarkt, nach fast fünf Jahren. Irgendwo muss man ja anfangen. Ich fing also mit Kjell an, in einer Bar auf der anderen Seite der Stadt. 45 Minuten Busfahrt und dann war es wie erwartet: unangenehm, peinlich, schweigend. Da half auch der Alkohol nicht. Wir hatten uns einfach nichts zu erzählen. Geknutscht habe ich ihn trotzdem.

Der Prolet

(Bild: giphy)

Sven musste mich ziemlich überreden, mich auf ein Date mit ihm einzulassen. Er war so gar nicht mein Typ, ein Kerl mit Muskeln und keinem Gramm Fett am Körper, nur in sich selbst verliebt. Einer, der so richtig zupacken kann. Das hat er auch getan und wir landeten im Bett.

Doch irgendwie war da keine Anziehungskraft. Es fing schon beim Küssen an, es passte einfach nicht. Das ist einfach manchmal so, dass der eine weniger Zunge gibt, als der andere verlangt oder umgekehrt. Manche Menschen sind kusstechnisch einfach nicht kompatibel. Und dann sollte man es auch sein lassen.

Wir allerdings haben weitergemacht, er zumindest. Denn ohne mein Zutun ist er direkt gekommen. Ich weiß nicht, ob ich das als Kompliment sehen sollte? Jedenfalls gab es also keinen Sex für mich. Dafür ein paar Wochen später völlig aus dem Nichts eine Whats­App­-Nachricht: “Wenn du das nächste mal im Nachthemd vor mir stehst, ziehe ich dir dein Höschen aus und nehme dich von hinten.” Tja. Was sagt man da.

Der Schwule

(Bild: giphy)

Ich bin mir bis heute sicher, dass Immanuel schwul ist. Vielleicht weiß er es nur selbst noch nicht. Vielleicht bin ich aber auch zu oberflächlich, wenn ich es daran festmache, dass er Tango tanzt, auf Einrichtung und Kochen steht, Philosophie studiert und in seiner Gestik und Affektiertheit Guido Maria Kretschmer in nichts nachsteht. Aber er war für mich einfach ein asexueller Mann, obwohl er wirklich sehr sehr hübsch war. Ich wollte es wohl drauf ankommen lassen, denn auch mit Immanuel bin ich im Bett gelandet.

Allerdings regte sich bei ihm in der Hose einfach gar nichts. Nicht mal annähernd. Als ihm das bewusst wurde, hat er mir kurz den Rücken massiert, ist dann aber aufgestanden und musste auf einmal plötzlich los. Ein paar Tage darauf schrieb er mir, er müsse erstmal mit sich selbst ins Reine kommen. Ich wünsche ihm alles Gute!

Der geplante ONS

(Bild: giphy)

Manuel kam in einer der ersten Nachrichten direkt auf den Punkt: Er suche nach unverbindlichem Sex und fände mich attraktiv. Ich habe sowas vorher noch nie gemacht und einfach mal “okay” gesagt. Es war auch okay, aber mehr nicht. Ich glaube nicht, dass geplanter Sex gut ist. Immerhin habe ich das daraus gelernt.

Der, den ich mochte

(Bild: giphy)

Okay ja, ich habe mich über Tinder verknallt. Zumindest habe ich das kurzzeitig gedacht. Vielleicht lag es auch an dem Sommer und der damit einhergehenden Leichtigkeit. Ich fand Max jedenfalls gut. Wir haben uns prima verstanden, haben viel gelacht, gut geredet und hatten klasse Sex. Es lief super, bis er mir offenbarte, dass er noch sehr an seiner Ex­-Freundin hängt. Mist. Ich fühlte mich in meiner Vermutung bestätigt: die Guten bei Tinder tragen einen großen Rucksack mit sich.

Einen Rucksack mit Erinnerungen, Schmerz, Traurigkeit. Genau wie ich. Zwei Rucksäcke sind einer zu viel. Ich hatte gehofft, Max könnte mir meinen Kummer nehmen, aber er war noch zu sehr mit seinem eigenen beschäftigt.

Ich schreibe ihm heute noch manchmal, wenn ich betrunken bin. Und dann schäme und ärgere ich mich. Ich bin froh, ihn kennengelernt zu haben, denn er hat mir gezeigt, dass ich mich wieder für andere Männer als meinen Ex­-Freund interessieren kann.

Der Kiffer

(Bild: giphy)

Bei Florian war ich sehr ehrgeizig, denn laut Tinder-Foto passte er in mein Beuteschema: Designer, Sneakerträger, Skaterboy. Erst ging er nie konkret auf meine Frage nach einem Bier ein und mit seinen Antworten ließ er sich oft tagelang Zeit. Schließlich habe ich ihn zu packen bekommen und mich bei ihm zum Essen eingeladen. Erster Eindruck: Kochen kann er ziemlich gut! Was nicht so gut zusammengepasst hat, waren seine Katze und meine Katzenhaarallergie. Es ging mir lange nicht mehr so schlecht. Mit laufender Nase, roten Flecken und akuter Atemnot haben wir noch eine Serie geschaut.

Eigentlich war es ­abgesehen von meinem körperlichen Leiden auch echt entspannt. Das hat ihn wohl inspiriert, denn plötzlich kam von rechts neben mir die Frage: “Stört es dich, wenn ich mir einen baue?” “Öhm.. also... musst du ja wissen”, meine Antwort. Ich bin sicherlich nicht prüde, aber an einem Sonntagabend beim ersten Date kiffen? Das muss doch nicht sein. Auf meine Nachfrage hin erzählte er mir, dass er das so viermal die Woche mache. Auf einmal war ich froh, dass er kleiner war als ich und eine Katze hatte.

Und nun...

Dieses Date ist nun drei Wochen her. Ich habe in dem Jahr noch mehr Jungs gedatet, aber die sind nicht mal eine interessante Story wert. Darum brauche ich jetzt eine Pause. Ich habe keine Lust mehr, auf die immer gleichen Gespräche und die Anstrengung, ein Match zu finden, das mich anspricht. Ich habe auch keine Lust auf die Hoffnung, die unterschwellig doch immer mitschwinkt. Ich versuche jetzt lieber auf tinderfreiem Wege jemanden kennenzulernen. Wenn das nicht funktioniert, ist die App ja schnell wieder installiert.


Es gibt längst Tinder für so ziemlich alles: