Bild: Brunelda Cloete

04.05.2018, 10:38 · Aktualisiert: 07.05.2018, 11:41

Auf einer Grillparty ungezwungen abdancen ist manchmal gar nicht so einfach.

Brunelda, 21, mag an Deutschland, dass das Essen weniger ölig ist als in ihrer Heimat Namibia. Dass die Menschen pünktlicher sind – und es nicht so heiß ist. Sie zog im August 2017 in die Nähe von Hannover und macht dort ein Freiwilliges Soziales Jahr beim Sportverein TSV Burgdorf.

"Deutschland ist für mich zu 80 Prozent ein perfektes Land“, sagt sie. Sie fühle sich "superwohl" bei ihrer Gastfamilie in Burgdorf, in der Schule, in der sie fünfmal pro Woche Deutsch lernt. Und in ihrem Fußballverein, in dem die ehemalige Nachwuchsnationalspielerin als Stürmerin spielt.

Was geht, Deutschland?

Wer in Deutschland neu ankommt, kann sich über vieles wundern: Hunde an Leinen, Blutwurst, Schützenfest. Wir Deutschen haben Gewohnheiten, die wir selbst nicht außergewöhnlich finden – andere aber schon. Wir wollen wissen, was den "Neuen" hier auffällt. Und wir wollen selber herausfinden, was hinter den deutschen Eigenheiten steckt. Wir lassen Fragen stellen – und machen uns auf die Suche nach Antworten. Also, was geht, Deutschland?

Bruneldas Heimatland Namibia war bis 1915 deutsche Kolonie, noch heute kann man dort Schwarzwälder Kirschtorte essen, eine deutsche Zeitung lesen oder nach deutschem Reinheitsgebot gebrautes Bier trinken. Die deutsche Kultur war Brunelda also nicht unbekannt, als sie hierher kam.

Über eine Sache wunderte sie sich kurz nach ihrer Ankunft trotzdem: "An meinem ersten Abend hier besuchte ich eine Grillparty", erzählt sie. "Alle schwiegen und schauten auf ihre Handys, niemand tanzte. Die Deutschen bewegen sich einfach nicht", sagt Brunelda. "In Namibia würden wir tanzen. Wir hätten Spaß, würden reden, essen, Witze machen. In Deutschland denken die Leute zu viel darüber nach, was ihr Gegenüber wohl dazu sagen würde", sagt sie.

Ihr Eindruck sei, dass viele Angst davor hätten, vor anderen Menschen Fehler zu machen und nicht perfekt zu sein. Brunelda erlebt diese Atmosphäre immer wieder, wenn sie Freunde oder Bekannte besucht. Sie fragt sich auch jetzt, nach einem halben Jahr in Burgdorf noch: "Warum seid ihr Deutschen eigentlich so verschlossen?"

Das haben wir Claudia Jarzebowski, 42, Juniorprofessorin am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin, und Matthias Schulze, 29, Doktorand der Ethnologie und Historiker an der Universität Tübingen, gefragt.

Dass in Namibia die Menschen offener im Umgang miteinander sind als in Deutschland, ist für Jarzebowski leicht zu erklären. Die Antwort liegt mehr als tausend Jahre zurück: Einsamkeit sei im Mittelalter als Bedrohung wahrgenommen worden, erklärt sie. Wer allein war, der sei dem Bösen ausgeliefert gewesen. So habe sich früh ein gesellschaftliches Grundbedürfnis für ein geselliges Miteinander entwickelt. "In der frühen Neuzeit waren Beziehungen das wichtigste Kapital", sagt sie. Das sei in Deutschland so gewesen, ähnlich in Namibia.

Während in Namibia das Miteinander eine zentrale Rolle behielt, zog die bürgerliche Gesellschaft des 19. Jahrhunderts in Deutschland eine stärkere Grenze zwischen privatem und öffentlichem Leben. Weil sich Arbeit und Leben auch räumlich immer weiter voneinander entfernten: Früher waren die Werkstatt, der Kuhstall oder der Marktplatz nur wenige Meter vom Schlafplatz und der heimischen Küche entfernt. Heute fahren die Menschen häufig viele Kilometer von der Wohnung ins Büro. "Die Menschen schufen sich mit der Zeit private Räume, die nur der Familie und engen Vertrauten vorbehalten waren", sagt Jarzebowski.

Wer sich aus diesen privaten Räumen heraus – etwa zu einer Grillparty – bewege, werde aus der Komfortzone herauskatapultiert, werde unsicher. Wer in den eigenen vier Wänden vielleicht locker zur Musik tanzen würde, traue sich das auf einer Party mit Unbekannten nicht. Man sei es nicht gewohnt, dass viele dabei zusehen.

In Namibia ist das anders: Egal ob im Arbeitsleben, bei Treffen mit Bekannten oder Fremden haben die Menschen weniger Berührungsängste. Sie denken weniger darüber nach, wie der andere sie findet. Das Wichtigste war hier schon immer: das Zusammensein.

Die Menschen schufen sich private Räume, die nur der Familie und engen Vertrauten vorbehalten waren.
Claudia Jarzebowski

Trendforscher haben für die Verschlossenheit der Menschen in der westlichen Welt den Begriff "Cocooning" (englisch: sich verpuppen, einspinnen) geprägt: Er beschreibt das Einspinnen in eine Umgebung, die einem zunehmend vertraut ist, Komfort bietet und überschaubar bleibt. Es sei genau dieser gesponnene Kokon, der uns von der Außenwelt abgrenzt und vielen ausländischen Besuchern als "verschlossen", "kalt" oder "distanziert" auffalle, sagt Schulze von der Uni Tübingen.

Diese Komfortzone möchten viele Deutsche auch auf einer Grillparty nicht verlassen, sie gibt Sicherheit. "Man könnte sich blamieren, beim Smalltalk das falsche Thema anschneiden oder als oberflächlich rüberkommen", sagt Schulze. "Also wägen viele ab: Den Anfang machen oder lieber noch etwas warten und die nächsten Schritte der anderen beobachten?"

Expertin Jarzebowski ist optimistisch, dass sich Bruneldas Grillparty-Problem in 30 bis 40 Jahren erledigt haben könnte:

Länder wie Deutschland würden in Zukunft globaler, interaktiver und weniger verschlossen.

Sie glichen sich den "hochinteraktiven Kulturen" wie der afrikanischen an. Der Grund ist simpel: "Länder, die ihre Beziehungen nutzen und sich nicht abschließen, sind auf lange Sicht erfolgreicher", sagt die Expertin. "Ich hoffe, Ängstlichkeit ist dann eine Ausnahme in der deutschen Gesellschaft. Genauso wie die Verschlossenheit."


Gerechtigkeit

Nach Belästigungsvorwürfen: Der Literaturnobelpreis wird 2018 nicht vergeben

04.05.2018, 09:59 · Aktualisiert: 04.05.2018, 12:17

Dahinter steckt ein großer Skandal.

Der Literaturnobelpreis wird in diesem Jahr nicht vergeben – das teilte die Schwedische Akademie am Freitag mit. Man habe sich dazu entschieden, den Preis erst im nächsten Jahr zu vergeben und den diesjährigen Preisträger gemeinsam mit dem Preisträger des kommenden Jahres zu ehren.