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Fühlen

Heimweh tut weh. Wir erklären, warum das gut ist

03.02.2016, 10:59 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:26

Früher galt Heimweh als ernstzunehmende Krankheit.
Es gibt keine Filmszene, die das aktuelle Lebensgefühl junger Expats in Berlin besser auf den Punkt bringt als die Anfangssequenz von Sebastian Schippers Victoria: Eine junge Spanierin feiert in einem vernebelten Kellerclub das Klischee von der Freiheit und Wildheit der kosmopolitischen Metropole. Doch zwischen all den anderen Feiernden ist sie allein. Und zwar so allein, dass sie den schlecht gelaunten Barkeeper auf einen Drink einlädt und schließlich mit vier wildfremden Jungs durch die Stadt zieht, um endlich einmal Anschluss zu haben.

So sehr sich die Geschichte im Verlauf des Films auch von der allnächtlichen Realität des Berliner Partylebens entfernt, so realistisch ist doch die Ausgangssituation seiner Protagonistin. Denn wer neu in eine fremde Stadt oder ein fremdes Land kommt, der erlebt nicht nur die positiven Seiten der räumlichen Veränderung, sondern hat mitunter auch enorm mit den neuen Lebensumständen zu kämpfen.

(Bild: Tobias Steinhoff / cc by-sa)

So schreibt zum Beispiel auch die südafrikanische Psychologin und Wahlberlinerin Carly Abramovitz in ihrem Blog über die Schattenseiten des neuen Lebens in der Fremde. Über den Kulturschock und den kalten deutschen Winter, über zwischenmenschliche Probleme – und über das Heimweh.

Ein Schweizer Arzt erwähnte das Phänomen Heimweh schon Ende des 17. Jahrhunderts in seiner Doktorarbeit, damals trug es den eindrucksvollen Namen morbus helveticus. Tatsächlich galt die Sehnsucht nach der Heimat bis ins 18. Jahrhundert als ernstzunehmende Krankheit, die von Schwermut und Depression bis zu Wahnsinn und Gewaltverbrechen führen konnte.

Für die einfachen Schweizer Bergbewohner bedeutete damals allerdings schon ein Umzug ins tiefer gelegene Tal einen gewaltigen Kulturschock, während die Luftveränderung ihrer körperlichen Gesundheit zu schaffen machte.

(Bild: Kisa in early July / cc by)

Heute ist es für uns völlig normal, für einen Studienplatz von zu Hause auszuziehen, für einen neuen Job die Stadt zu wechseln oder mit einem Auslandspraktikum unseren Lebenslauf aufzubessern.

Wir sind immer mobil, immer flexibel, schauen immer nach vorne und niemals zurück. Für Heimweh bleibt kein Platz, zumindest für keines, das wir uns gerne eingestehen würden. In Anbetracht dessen, dass wir im Gegensatz zu Millionen von Vertriebenen aus freien Stücken entscheiden können, wohin wir gehen wollen, und außerdem jederzeit wieder zurückkehren können, wirkt die Situation von morbus helveticus gebeutelten Expats und Austauschstudenten wie ein Luxusproblem.

Doch in Wirklichkeit ist kaum jemand vor Heimweh gefeit. Man kann sich auch am Karibikstrand nach seiner Parterrewohnung ohne Sonnenlicht sehnen oder sich Tränen überströmt in einem Coffeeshop in Williamsburg in sein altes Jugendzimmer zurückwünschen.

(Bild: kokorowashinjin / cc by)

Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass neue Eindrücke und gerade Auslandsaufenthalte die Kreativität fördern. Genauso erwiesen ist es allerdings auch, dass sich das unbelehrbare Gewohnheitstier Mensch an einem fremden Ort nach seiner vertrauten Umgebung sehnt.

Heimweh ist ein wichtiges Gefühl. Und die eigene Komfortzone zu verlassen, das ist eine Herausforderung, die auch heute noch eine Menge Mut erfordert, auch wenn Mobilität für uns selbstverständlich geworden ist.

Es ist nicht leicht, alles hinter sich zu lassen und noch einmal komplett von vorne anzufangen – denn die Angst vor dem Unbekannten kann plötzlich viel stärker sein als die Abenteuerlust und die Sehnsucht nach dem, was wir zurückgelassen haben. Ganz egal, wie sehr wir einen Tapetenwechsel herbeigesehnt haben, sobald es ernst wird, wünschen wir uns oft die langweilige Routine zurück, der wir ursprünglich entkommen wollten.

(Bild: kokorowashinjin / cc by)

Wenn wir neu in eine fremde Stadt kommen, fangen wir häufig schlagartig an, unser Zuhause zu vermissen und alles, was wir damit verbinden: unsere Familie, unsere Freunde, unser Lieblingscafé oder sogar die nervigen Nachbarn von nebenan.

Es gibt Wege, das Heimweh zu intensivieren und Wege, es zu mindern:

  • Intensiviert wird die Sehnsucht zum Beispiel dadurch, sich nur auf die negativen Seiten der neuen Situation zu fokussieren anstatt auf die Gründe, warum man überhaupt wegziehen wollte.
  • Oder dadurch, jedes Wochenende nach Hause zu fahren, nur um sich am Sonntagabend so sterbenselend zu fühlen wie ein wehrpflichtiger Soldat, der wieder zurück in die Kaserne muss.
  • Genauso schlecht kann es sein, jeden Tag mit den Eltern zu skypen oder sämtliche daheimgebliebenen Freunde auf Facebook zu stalken, nur um zu sehen, was man verpasst.

Hilfe!

Jeder hat mal Angst und Stress. Jeder fühlt sich mal hilflos, machtlos, überfordert. Wenn Freunde, Eltern oder Geschwister nicht weiterhelfen können, wollen oder sollen – dann melde dich bei uns. Die Psychologin Kathrin Hoffmann beantwortet für bento ausgewählte Fragen, die wir anschließend veröffentlichen. Dabei ändern wir selbstverständlich alle Namen von Betroffenen.

Heimweh legt sich, genauso wie Liebeskummer, nicht dadurch, dass man immer nur an den Ort oder die Menschen denkt, die man zurückgelassen hat, sondern dadurch, dass man sich ablenkt und auf das Neue konzentriert.

Bis der Abschiedsschmerz langsam nachlässt und irgendwann dem schlechten Gewissen Platz macht, das uns ereilt, wenn wir unsere alten Freunde nur noch einmal im Monat anrufen, weil inzwischen andere Menschen in unserem Alltag wichtiger geworden sind.

(Bild: ClickFlashPhotos / Nicki Varkevisser / cc by)

Heimweh ist vor allem deswegen eine wichtige Erfahrung, weil wir dadurch lernen, dass man schwierige Phasen manchmal durchstehen muss, wenn man sich eine positive Veränderung wünscht.

Sich in der Fremde etwas Neues aufzubauen, das kann extrem mühsam und langwierig sein, dafür steht am Ende des Prozesses aber mit etwas Glück ein neues Zuhause. Und vielleicht auch die Einsicht, wie sehr uns unsere Herkunft beeinflusst, egal wie kosmopolitisch wir gerne sein wollen.

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