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Fühlen

Lukas war Sportler. Heute muss er jeden Tag kiffen – weil er die Schmerzen nicht ertragen kann

06.10.2017, 11:45 · Aktualisiert: 06.10.2017, 15:06

Von 27.000 Euro hätte sich Lukas* vielleicht einen Neuwagen oder einen Laptop gekauft. Vielleicht hätte er das Geld in eine größere Wohnung investiert, oder es als Rücklage angelegt. Stattdessen hat Lukas in den vergangenen fünf Jahren 27.000 Euro für Cannabis ausgegeben, 450 Euro jeden Monat.

Lukas war Profi-Sportler, Turner, seit er acht Jahre alt war, hat er trainiert. Heute ist er 23 Jahre alt – und kifft jeden Tag.

Es ist Sonntagmorgen, Spätsommer. Die Leute frühstücken nicht mehr auf ihren Balkonen, aber die Fenster sind noch auf Kipp. Lukas sitzt am Küchentisch seiner 35-Quadratmeter-Wohnung in Halle und leckt ein Long Paper mit der Zunge ab, vor ihm steht ein Tasse Kaffee, schwarz. Er baut den Joint, seine Fingerbewegungen sind geübt, gekonnt greift er in die kleine Plastiktüte, verteilt das Gras auf dem Blättchen, rollt es mit beiden Händen. Der Zigarettenrauch wabert wie weißer Nebel durch die Küche. Es klingelt.

Sein Dealer steht vor der Tür. Einmal im Monat kommt er vorbei. 450 Euro für 60 Gramm Cannabis, dazu ein bisschen Smalltalk und ein gemeinsamer Joint.

Vor fünf Jahren noch wusste Lukas nicht einmal, wo man Gras überhaupt kaufen kann.

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Da plagten ihn noch jeden Tag Bauchkrämpfe, alle halbe Stunde bekam er Durchfall, oft hatte er Blut im Stuhl. Hinter ihm lagen Jahre voller Krankenhausaufenthalte, Arztbesuche und neuer Medikamente, die alle doch nichts daran änderten, dass er sich oft schlapp und schlecht fühlte. Dass er oft krank war.

Lukas ist auf den ersten Blick so fit wie kaum jemand. Mit acht Jahren beginnt er mit Bodenturnen, sammelt Medaille um Medaille. Allein 60 Stück hat er bis heute aufbewahrt, sie liegen alle auf seinem Kleiderschrank. Der Junge gilt als Talent, wird mehrfach NRW-Meister und deutscher Vizemeister am Boden in seiner Altersklasse. Mit 16 turnt er in der 3.Bundesliga, mit Anfang 20 bereits in der 2. Bundesliga.

Er raucht nicht, trinkt keinen Alkohol und achtet auf seine Ernährung.

Mit 14 wird er das erste Mal wegen Gelbsucht ins Krankenhaus eingeliefert. Lukas klagt über Durchfall, geht mit Bauchkrämpfe in den Unterricht. Es dauert lange, bis er eine Diagnose hat:

Colitis ulcerosa, eine chronisch-entzündliche Darmerkrankung.

Lukas turnt zwar weiter, aber er nimmt ab, wird schwächer. Er bekommt immer neue Medikamente verschrieben, die sein Leid nicht verbessern, sondern neue Nebenwirkungen hervorrufen. Die Cortison-Präparate machen ihn depressiv, seine Haut fühlt sich an wie Papier, sein Immunsystem wird schwächer. Auch seine Gefäße entzünden sich, der durchtrainierte Athlet muss irgendwann Stützstrümpfe tragen. Als er sich eine Gürtelrose einfängt, entschließt sich Lukas die Medikamente selbstständig abzusetzen. 400 Pillen und Tropfen schluckt er da schon im Monat.

Die Monate vergehen, Lukas leidet, turnt, leidet weiter. Seine Welt ist das Turnen, sechs Mal die Woche trainiert er in der Sporthalle, manchmal zwei Mal am Tag. Neben seinem Biologie-Studium verdient er sich als Fitnesstrainer mit seiner Leidenschaft sogar ein wenig Geld dazu.

An einem Nachmittag im Schwimmbad, Lukas ist 18 Jahre alt, überredet ihn ein Kumpel zum Kiffen. Sie sind breit, lachen, genießen den Sommerabend. Und stellen irgendwann fest: Lukas musste seit Stunden nicht auf Toilette.

Lukas beginnt zu recherchieren. Liest sich in die Thematik ein und erfährt, dass sich THC, die psychoaktive Substanz in der Hanf-Pflanze, in bestimmten Fällen positiv auf den Krankheitsverlauf auswirken kann.

Wo soll er das Zeug herkriegen? Lukas hat keine Ahnung, schließlich hilft ihm ein Freund. Und dann beginnt Lukas, regelmäßig zu kiffen.

Die Gesetzeslage in Deutschland

In Deutschland sind Besitz, Verkauf, Anbau und alles, was man noch mit Cannabis tun könnte, strafbar – bis auf den Konsum. Der fällt strafrechtlich unter "Selbstschädigung". Seit Anfang 2017 ist der Verkauf zu medizinischen Zwecken legal. 2019 sollen die ersten offiziell angebauten deutschen Blüten geerntet werden. (bento) Doch für Patienten ist es bisher noch schwierig, überhaupt an die Rezepte zu kommen: Viele Ärzte wollen die Droge nicht verschreiben, Anträge bei den Krankenkassen werden häufig abgelehnt.

Erst für 150 Euro im Monat, einige Monate später sind es bereits 600. Lukas fühlt sich freier. Durch das Gras kann er sein, was er sein will: Der Sportler mit den muskulösen Oberarmen und dem Sixpack – nicht der Kranke, von Schmerzen gebeutelte, der Missmutige.

Die Ärzte sagen: Wenn das Gras hilft, ist es gesünder als die vielen Medikamente. Die Eltern machen sich Sorgen. Lukas versucht, nicht aufzufallen. Einmal wird er beim Kiffen mit einem Freund von Polizisten in Zivil erwischt, aber mit einem Schreiben an die Eltern wieder laufen gelassen.

Das professionelle Turnen aber muss er irgendwann aufgeben. Zu groß sind die Schmerzen, zu sehr hat ihn die jahrelange Medikamenteneinnahme gezeichnet, zu viel Zeit geht für Nebenjobs drauf, die macht, um das Gras zu finanzieren. Und: THC steht auf der Dopingliste der weltweiten Anti-Doping-Agentur WADA.

Lukas konsumiert das Cannabis immer als Joint, nie in Tabletten oder als Tropfen, wie bei Medikamenten üblicher. So könne er die Wirkung am besten einschätzen, sagt er. Alle 2-4 Stunden raucht er, je nachdem, wie lange er wach ist. Seinen Tag muss er gut durchplanen: Mindestens zwei Stunden, bevor er das Haus verlässt, aufstehen. Flugreisen kann er wegen der Sicherheitskontrollen nicht antreten, auch lange Termine sind beinahe unmöglich.

Mittlerweile studiert Lukas Biologie in Halle. Schon in der Schule zählte das zu seinen Lieblingsfächern. Wenn die Noten reichen, will er Neurowissenschaftler werden, das Gehirn untersuchen – auch die Auswirkungen von Cannabis. Aber weil er Geld für die Drogen braucht, arbeitet er nebenher als Fitnesstrainer. Sein Studium leidet darunter.

Immer öfter verbringt er Zeit mit Freunden, die auch kiffen.

Er merkt, wie er fauler wird. Alles dreht sich ums Konsumieren.

Dass viele denken, weil er kiffe, hänge er den ganzen Tag zuhause ab und schaue Fernsehen, stört Lukas.

Eigentlich ist er ein ambitionierter Student, hat Zukunftspläne, in der Familie und ein guter Job vorkommen. Trotzdem merkt er, dass ihn die Krankheit immer noch bremst.

Auch wenn er sich anfangs viel freier fühlte, wird er vom Kiffen nun fauler und antriebsloser. Irgendwie kommt er nicht vom Fleck, zwischen Jobben für die Drogen, dem strengen Alltagsplan. Lukas vermisst das professionelle Turnen.

Und er hat Angst. Angst, abzurutschen, seinen Antrieb ganz zu verlieren, nicht mehr zu dem Teil von sich zurück zu finden, der er sein will: Der Sportler, der gute Schüler, der Student. Weil das Kiffen so viel Raum in seinem Leben einnimmt, dass es droht, alles andere zu verdrängen.

Was seinen Alltag erheblich einfach machen würde: die Legalisierung von Cannabis, auch außerhalb des medizinischen Gebrauchs.

Welche Parteien wollen Cannabis legalisieren?

Dabei müsste es für ihn doch ein Leichtes sein, sich auf auf legalem Wege Cannabis zu organisieren, oder? Nicht wirklich, sagt Lukas. Denn dazu müsste er mit einem Arzt alle Medikamente durchgehen, um zu zeigen, dass nichts Anderes helfe. "Das ist immer noch sehr kompliziert, dass es wirklich hilft, ist für viele Ärzte nicht bewiesen“, sagt Lukas. Er habe seinem Arzt einmal den Vorschlag gemacht, der habe abgewunken. So genau kenne er sich nicht aus, vielleicht könne Lukas sich in einer "modernen Praxis“ erkundigen.

Deshalb verfolgt er die Debatte um die Legalisierung von Cannabis gespannt. "Ich lese die Tagespresse und in Foren“, sagt Lukas. Er wünscht sich, dass Deutschland offener wird. Und er will nicht einfach als Kiffer abgestempelt werden.

Ich erzähle so gut wie niemandem davon, weil ich sofort im falschen Licht dastehe
Lukas

Wenn Cannabis legal wäre, so meint Lukas, könnte das anders sein. Und: "Ich würde mir wünschen, dass auch die Mediziner offener werden.“ Von einem Arzt beraten zu werden, fühle sich immer besser an, als sich selbst zu therapieren.

In der Sporthalle, in der Lukas heute nur noch zum Spaß trainiert, hängen die Ringe müde von der Decke, ein verstaubter Barren steht in der Ecke. Durch das Fenster der Turnhalle fällt die Sonne auf die blauen Turnmatten, die Staubkörnchen tanzen im Licht.

Lukas schwingt sich am Reck hinauf. Lässt sich aus der Kerze wieder hinuntersausen.

Sein Herz schlägt schnell, die Adern treten an den Oberarmen hervor. Lukas turnt Figur nach Figur am Reck. Fast wie eine Droge fühlt sich das an.

*Lukas möchte anonym bleiben. Sein richtiger Name ist der Redaktion bekannt.


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