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Was passiert, wenn sich eine Frau den Schädel rasiert

20.12.2015, 11:09 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:24

“Läuft wohl nicht so mit den Typen, was?“

Ich habe meine Haare rasiert. Von schulterlang auf zwölf Millimeter. Ich brauchte einen radikalen Schnitt. Ich will laut sein. Will sagen, was ich denke. Ohne Schuld und Scham. Was ich innerlich nicht durchsetzen konnte, übertrage ich nun auf mein Äußeres. Es hilft: Meine Augen wirken größer, lebendiger, ich schaue mein Gegenüber direkt an, die schiefe Nase fällt kaum auf.

Und ich? Ich fühle mich großartig.

(Bild: Vitor Mainho)

Anno 2015 in Deutschland. Frauen wählen ihre Beziehungspartner. Sie haben Sex mit wem sie wollen, und wann sie wollen. Sie leben in Städten, die sie lieben oder hassen: Es ist immer ihre Entscheidung. Manchmal tragen sie blauen Lippenstift, manchmal pinkfarbene Leggings. Unbeobachtet? Nein. Es gibt sie noch, die gesellschaftliche Reglementierung. Im Netz, auf der Straße, in unseren Köpfen.

Ich betrachte mich im Spiegel, ich habe keine Haare mehr. Das sieht nicht nur gut aus, das fühlt sich auch gut an. Weil sich so schön darüber streichen lässt. Und weil ich mich unabhängig machen will von den Reaktionen der anderen. Das ist zumindest mein Plan.

Laura mit langen Haaren

Laura mit langen Haaren

Ich will nicht mehr jedem gefallen, will nicht mehr den Schönheitsidealen entsprechen. Nie habe ich mich weiblicher gefühlt: Mein Körper wird jetzt betont; ich kann mein Gesicht nicht mehr verstecken. Kann kein Haar mehr drehen und zwirbeln, um Druck abzulassen. Der Ärger fliesst dahin, wo er hingehört: nach außen. Ich war mutig und bin es noch. Mit meinem Buzzcut fühle ich mich wie Kunstwerk und Provokation zugleich.

"Sag mal, bist du krank?“ Das ist die erste Nachricht, die ich auf Facebook erhalte, nachdem ich mein Profilbild geändert habe. "Du siehst aus, als hättest du 'ne Chemo hinter dir.“ Ein langjähriger Freund schreibt: “Läuft wohl nicht so mit den Typen, was?“

Nachrichten dieser Art häufen sich, das Thema bewegt den heimischen Freundeskreis. Mein Aussehen ist jetzt Staatsräson – oder besser: Dorfräson. Lechtingen ist ein Ort mit 5000 Einwohnern. Hier leben drei Farbige und zwei Lesben, die im vergangenen Jahr zum Heiraten nach Berlin gefahren sind.

Muss ich mit meinen Haaren jetzt auch in eine größere Stadt fliehen? Ist das die Lösung? Ob wir die Haare abrasieren, Frauen lieben oder Kinder von drei verschiedenen Männern haben: Trägt nicht jeder ein kleines Berlin in sich? Muss er es nicht nur finden?

Ich werde auf der Straße mit einer KZ-Insassin verglichen. Ich werde gefragt, ob ich überhaupt noch "gefickt werde bei dem Aussehen.“ Eine ältere Frau fragt mich, warum ich mich über Krebskranke lustig mache.

Es schmerzt. Natürlich schmerzt es. Ich glaube an ein Frauenbild, das von innerer Stärke bestimmt wird – nicht von Äußerlichkeiten. Ich glaube, dass niemand das Recht hat mir vorzuschreiben, wie ich auf die Straße gehe. Ich stehe für meine Ideale ein. Das gibt Gegenwind.

Mich lässt das Thema nicht los. Ich schlafe schlecht, alles wegen einer Frisur. Wieso ist mein Kopf zum Schauplatz einer politischen Diskussion geworden? Was stört meine Umwelt daran, dass sie mir ihren Hass und Neid gegen den rasierten Schädel donnert?

Nie hätte ich gedacht, dass ein Buzzcut die an jeder Ecke propagierte Toleranz erschüttert. Vielleicht fühlen sich die Menschen in diesem Land zu Jener verdammt. Vielleicht lassen sie deswegen ihren Unmut an Frauen aus, die sich wie Männer kleiden. An einer Frisur, die nicht dem Ideal entspricht. Weil sie es so gelernt haben, weil sie nicht anders können. Vielleicht auch, weil es sie verunsichert.

Es hat zwei Minuten gedauert, meine Haare abzurasieren. Denkmuster zu durchbrechen, dauert länger.

Meine Mutter sagt, ich sehe aus wie ein Model. Meine beste Freundin schreibt: "Krasser Shit.“ Mein Ex fragt: "Was machst du am Samstag?“

Seit ich Buzzcut trage, schaue ich geradeaus, wenn ich durch den Supermarkt gehe. Nicht mehr auf den hässlichen PVC-Boden. Wo früher Haare waren, ist Platz für ein neues Ich. Widerstand ist nur mein Antrieb.