Bild: Pixabay / Hangya David

Fühlen

Eva hat panische Angst vor ihrem Briefkasten. Wie geht sie damit um?

16.12.2015, 10:32 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:23

"Ich kann meine Kinder versorgen und einen Haushalt führen, aber nicht den Briefkasten öffnen"

Ich weiß, dass viele sich nicht freuen, wenn sie zum Briefkasten gehen. Die Zeiten von lustigen Postkarten oder intimen Briefen sind vorbei, seit es soziale Netzwerke gibt. Der Briefkasten wird für offizielle Post genutzt. Rechnungen, Amtskram - Dinge, mit denen man sich ungern beschäftigt. So war es lange auch bei mir. Kein Grund zur Begeisterung, aber auch nichts, das mir den Alltag zerschmetterte.

Ich war sicher: Ich hatte versagt.

Dann kam bei mir vieles zusammen. Erst die Trennung vom Vater meiner Kinder nach jahrelanger Beziehung. Wir hatten noch mit einer Therapeutin versucht, die Familie zu retten. Es klappte nicht. Mein Ex-Mann hielt sich nicht an Absprachen, zahlte keinen Unterhalt, zog zwar aus, meldete sich aber nicht um. Ich hätte dringend Unterstützung bei den Betreuungskosten im Kindergarten gebraucht, konnte sie aber nicht beantragen, denn offiziell lebten wir noch in einer Ehegemeinschaft.

Ich wurde arbeitslos. Dann erhielt ich eine Eigenbedarfsklage. Mein Vermieter wollte unsere Wohnung für sich nutzen, und wir sollten ausziehen.

Vorsichtig ausgedrückt: Es gab viel zu regeln.

Das versuchte ich auch. Ich musste zum Arbeitsamt, zum Jugendamt, zum Wohnungsamt, zur Schuldnerberatung, zum Jobcenter, zu Anwälten für Mietrecht, für Familienrecht und für Arbeitsrecht.

Es hat mich drei Jahre gekostet, alles zu regeln. In dieser Zeit war jeglicher Postverkehr mit dem unsichtbaren Stempel "gescheitert” versehen. Ich war sicher: Ich hatte versagt.

Das erste Jahr habe ich das tapfer ertragen. Dann ging nichts mehr. Ich fühlte mich schlapp und müde, konnte meine Gedanken nicht fokussieren. Dafür schlief ich immer mehr.

Ich öffnete den Briefkasten nicht mehr. Ich beschloss gar nicht, ihn zu ignorieren. Er war und ist für mich schlicht nicht existent.

Sobald “Post” in meinem Gehirn aufpoppt, schiebt sich sofort ein anderer Gedanke darüber. Mein Gehirn hat selbstständig entschieden, sich dieser Belastung nicht weiter auszusetzen. Ich kann darüber schreiben, reden, sogar Witze darüber machen und es erklären. Es ändert nichts an der Tatsache, dass “Post” und “Briefkasten” ein für mich dramatisches Thema bleiben.

(Bild: pixabay.com / Anhangsgebilde)

Ich habe mir Hilfe geholt, denn ich weiß: Post muss geöffnet werden. Meine Neurologin empfahl mir, betreutes Wohnen zu beantragen. Das hat mich gerettet.

Ich verband “betreutes Wohnen” damals mit Menschen, die ihren Alltag nicht mehr bewältigen können. Ja, das traf bei mir zu, nur anders, als ich mir eben Menschen vorstellte, die ihren Alltag nicht mehr bewältigen können. Schließlich konnte ich problemlos meine Kinder betreuen und den Haushalt bewältigen. Ich brauchte nur Hilfe bei Amtsgängen und, nun ja, der Post.

Seit fast fünf Jahren kommt nun also meine wunderbare Betreuerin zu mir und öffnet mit mir den Briefkasten. Während sie bei mir sitzt, bearbeite ich meine Post selbstständig. Ich telefoniere, und sie sitzt einfach nur dabei oder begleitet mich bei Amtsgängen.

Bei der Arbeit öffne ich Briefe zuverlässig und beantworte sie fristgerecht.

Inzwischen habe ich eine neue Wohnung, einen Unterhaltstitel, der regelt, wie viel Geld mein Ex Mann für die Kinder zahlen muss, und einen neuen Lebensgefährten. Einen neuen Job als Geschäftsführungs-Assistenz in einem Ingenieurbüro habe ich auch. Hier bin ich unter anderem für die Terminplanung und den Schriftverkehr zuständig. Bei der Arbeit öffne ich Briefe zuverlässig und beantworte sie fristgerecht.

Der Briefkasten ist zu Hause allerdings nach wie vor nicht existent. Wenn meine Betreuerin nicht kommt, vergesse ich ihn. Wir arbeiten gerade daran, dass sie mich nur noch telefonisch oder per Mail betreut. Ich muss dann berichten, was in der Post war. Obwohl das heute keineswegs mehr beängstigend sein müsste - denn ich bekomme nur noch “normale” Post - bin ich nach wie vor aufgelöst, wenn ich weiß, dass der Moment des Briefkastenöffnens näher rückt.

Ich öffne ihn zweimal in der Woche. Vorher verfalle ich in Depressionen.

Ich öffne ihn zweimal in der Woche. Vorher verfalle ich in Depressionen. Wenn sich kein anderes Thema vor das Wort “Briefkasten” schiebt, werde ich schlapp und müde. Mir fällt es dann schwer, mich aufzuraffen, und ich fühle mich wie angebunden. Ich schlafe viel und kann mich nicht konzentrieren. Aber bei jedem Depressiven ist es anders. Ich kann nicht sagen, wie oft ich mich dafür rechtfertigen muss, dass ich in einer solchen Phase nicht nur heule, wie es das Klischee besagt.

Meine Familie findet das lustig, und meine Freunde haben es nie wirklich begriffen. Obwohl ich ihnen davon erzählt habe, verstanden sie nicht, warum sie mir keine Post schicken sollten.

Ich zucke auch heute noch zusammen, wenn mir jemand berichtet, dass er mir ein Päckchen geschickt hat. Dann denke ich: Wer soll das aus dem Kasten holen? Da gibt es doch Fristen!

Mit einer Freundin hatte ich sogar schlimmen Streit. Sie hatte mir ein Päkchen zum Geburtstag geschickt und war wütend, weil ich nicht voller Begeisterung zum Briefkasten lief, um es herauszuholen und zu öffnen. Das war sehr unangenehm für mich.

Mein Lebensgefährte fand meine Angst anfangs auch lustig. Auf andere Menschen wirke ich überhaupt nicht inkompetent, sondern sehr selbstbewusst. Vielleicht nehmen sie auch deshalb meine Angst nicht ernst.

Es fühlt sich schizophren an, einerseits kompetent und alltagstauglich zu leben und sich andererseits dabei zu beobachten, einer Dysfunktion zu erliegen, der man selber nicht beikommt. Ich hoffe, mein Gehirn begreift eines Tages, dass der Kasten keine Gefahr mehr ist. Ich fühle mich ein wenig bescheuert mit diesem Defizit. Wie eine Fünjährige, die sich unter der Decke versteckt.

Eva heißt eigentlich anders. Sie ist Anfang 30 und gelernte Bürokauffrau und Fachwirtin für Online- Marketing.