Fühlen

"Unsere Kinder sollen nicht denken, dass alle Menschen weiß sind"

08.04.2016, 09:52 · Aktualisiert: 13.04.2016, 08:16

Sie ist Deutsch-Türkin, er Pakistaner – wir haben mit ihnen über ihre Liebe gesprochen.

Drei Paare. Fünf Kulturen. Und eine Menge Vorurteile. Wie gleichberechtigt gehen sie in der Beziehung miteinander um – und wie sehen das ihre Eltern? Erleben sie Diskriminierung? Was wissen sie über die Heimat des anderen? Darüber haben wir mit drei jungen Männern und Frauen geredet, schließlich leben und lieben wir heute global: Auf den Auslandsjahr in Costa Rica folgt das Praxissemester in China oder das Praktikum in Kenia.

Im ersten Teil sprechen wir mit Büsra, 26, und Ehsaan, 27. Büsra hat türkische Wurzeln und wurde in Kassel geboren, Ehsaan ist rund 7900 Kilometer weiter in Lahore, Pakistan auf die Welt gekommen. Kennengelernt haben sie sich während des Studiums an der Jacobs University in Bremen, heute leben und arbeiten sie in Hamburg: Sie als Accountmanager bei Twitter und er als Software-Entwickler.

In der Fotostrecke: So haben Büsra und Ehsaan in Pakistan geheiratet

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Ehsaan, was weiß deine Freundin über deine Heimat?

Er: Büsra weiß sogar mehr über Pakistan als ich. Als sie jung war, hat sie Bollywood Filme gesehen. Sie hat mehr pakistanische Freunde als ich.

Sie: Meine Mutter hat immer gelacht, wenn ich Bollywood Filme geguckt habe. Mein Lieblingsfilm war "Veer und Zaara" – eine Liebesgeschichte von einer Pakistanerin und einem Inder. Da habe ich das erste Mal die pakistanische Stadt Lahore gesehen und dann viel darüber gegoogelt. Meine Mutter meinte damals: Irgendwann wirst du mit jemandem aus der Ecke heiraten.

Wie haben eure Eltern reagiert, als es tatsächlich passiert ist?

Sie: Meine Mutter hatte mich sehr unterstützt, als ich gesagt habe, dass ich ihn heiraten will.

Er: Meine Eltern haben nur gefragt, ob ich Büsra heiraten will, und meinten: Super!

Ihr seid in in sehr unterschiedlichen Kulturen groß geworden.

Sie: Ich war noch nie in Pakistan und viele haben gesagt, dass ich sein Land erst einmal auschecken soll. Ein Freund hatte uns zu einer Hochzeit nach Pakistan eingeladen und ich wollte gucken, ob das wirklich so wie in den Medien ist: Krieg, Bomben und Unsicherheit. Mein erster Eindruck als ich in Lahore ankam: Es ist ja gar nicht so heiß hier und es gibt sehr viele Bäume und Blumen überall. Später lernte ich, dass Lahore auch "the City of Gardens" genannt wird. Da habe ich auch seine Familie zum ersten Mal kennengelernt.

Er: Als ich Büsra in Pakistan erlebt habe, war ich mir sicher, dass ich sie heiraten wollte. Sie hat offen mit jedem gesprochen und sie hat sich mit allen gut verstanden.

Wir hatten zunächst Angst wegen unseren Eltern, weil sie nicht dieselbe Sprache sprechen: Meine Eltern können Urdu und Englisch, aber ihre Eltern können nur Türkisch und Deutsch. Aber als unsere Familien sich das erste Mal auf unserer Hochzeit getroffen haben, haben sich alle verstanden. Meine Tanten haben zum Beispiel auf Urdu etwas gefragt und ihre Tante hat auf Türkisch geantwortet.

Sie: Oder meine Tante hat einfach Bilder von ihrem Haus auf ihrem Handy gezeigt. Unsere Hochzeit war in Pakistan, aber wir haben auch zu türkischen Liedern getanzt.

Was macht Kultur für euch aus?

Er: Das gleiche Essen, Serien.

Sie: Bei uns wird zum Beispiel kein Fußball geschaut, sondern Cricket - so wie in Pakistan. Wenn ein Match zwischen Indien und Pakistan ist, steht er dafür nachts um 3 Uhr auf. Und wenn wir kochen, dann kochen wir türkisch und pakistanisch. Turkistani, nennen wir das.

Er: Wir lieben es, gemeinsam zu reisen. Wir versuchen auch aus anderen Ländern zu kochen.

Sie: Ich glaube, wir kreieren gerade eine neue Kultur, eine internationale. Wir verstehen uns sehr gut mit Leuten aus anderen Ländern. Wir wollen flexibel sein, da leben, wo wir wollen.

Er: Unsere Kinder sollen nicht denken, dass alle Menschen weiß sind. Sie sollen vieles von der Welt sehen.

Habt ihr schon Rassismus erlebt?

Sie: Neulich saßen wir in der Bahn. Da kam ein kleines Mädchen mit ihrem Opa. „Nein, das sind Fremde, Opa. Weg hier“, sagte sie. Der Opa war natürlich total schockiert und hat sich entschuldigt.

Als Pakistaner wird man als eher exotisch wahrgenommen, da es keine große pakistanische Community in Deutschland gibt. Vor allem im Job erlebst du viele Vorteile. Wenn du braune Haut hast, aus Südasien kommst und Entwickler bist, dann sagen die Leute manchmal: Oh, der ist ja super smart. Das ist positive Diskriminierung.

Er: Seitdem die Unruhen in Pakistan angefangen haben und es Sicherheitsprobleme gibt, muss ich mich immer dafür rechtfertigen.

Sie: Deswegen versuchen wir auch, die positiven Seiten von Pakistan zu zeigen. Das ist so eine kleine Mission für mich. Ich poste deswegen auch sehr viel von unseren Pakistan-Aufenthalten.

Er: Ich hatte ein sehr gutes Leben in Pakistan. Als ich zum Studieren nach Deutschland kam, haben mich Leute gefragt, wie ich da leben konnte. Und ob das ganze Dorf auf unserer Hochzeit war.

Wie sieht es mit eurer Rollenverteilung aus?

Sie: Wir sehen das als 50-50-Beziehung, das hatten wir von Anfang an klar gemacht. Ich lege viel Wert auf Gleichheit, im Haushalt zum Beispiel

Er: Aber wenn wir bei Büsras Familie sind, dann macht sie da viel mehr. Ihre Mutter sagt zu ihr, dass sie mir Tee bringen soll.

Sie: Oder als ich neulich zu einem Business Meeting ins Ausland gefahren bin, sagte meine Mutter zu Ehsaan: "Oh das ist toll, dass du ihr das erlaubst."

Er: Meine Mutter hat auch studiert und gearbeitet. Deswegen ist das für mich selbstverständlich.

Sie: Bei uns hatte eher der Vater das Sagen. Natürlich hat mich mein Vater gerade in meinem Studium sehr unterstützt, aber seine Entscheidung war immer die letzte.

Ist multikulti die Zukunft?

Sie: Ich glaube schon, dass wir eine ganz neue Generation sind. Unsere Kinder werden ja schon ganz anders aussehen. Ich hoffe, dass es mit unserer Generation bunter wird.

Er: Manchmal braucht man aber auch Leute um einen herum, die gewisse kulturelle Eigenheiten teilen, wie zum Beispiel Insiderjokes.

Sie: Ich frage mich natürlich: Was passiert mit unseren Kindern, welche Sprache werden sie sprechen? Ich habe ein bisschen Angst, dass zum Beispiel die türkische Sprache verloren geht. Auf der anderen Seite entsteht natürlich auch Neues.

Mehr Bilder aus Pakistan und Hamburg von Büsra und Ehsaan findet ihr auf Instagram: @busraqadir und @ehsaanqadir.

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