Bild: Annika Eliane Krause

Fühlen

Für immer. Oder? Von Paaren, die sich seit der Schule lieben

16.01.2017, 11:21 · Aktualisiert: 16.01.2017, 12:14

Sechs Menschen erzählen von einer Beziehung, die schon ewig hält

Die erste große Liebe schien unbesiegbar, stark und niemals endend. Nichts war intensiver als der erste Augenkontakt, das erste Date, der erste Kuss, der erste Sex. Im von Endorphinen benebelten Teenie-Hirn wurde die Hochzeit geplant, gemeinsame Kinder, das Haus am See. Alles war Drama. Als der erste Liebeskummer folgte, ging die Welt unter, schmerzhaft – und ebenso intensiv.

Bis die nächste Liebe kam.

Doch was, wenn die erste Liebe bleibt? Wenn es diesen einen Menschen gibt, mit dem man zusammen erwachsen wurde?

Wir haben Paare gefragt, bei denen das so war. Paare, die schon ewig zusammen sind – seit ihrer Jugend.

Nils und Anette, beide 25, sind seit achteinhalb Jahren zusammen.

Nils und Anette bei ihrer Abifeier im Jahr 2010.

Nils und Anette bei ihrer Abifeier im Jahr 2010. (Bild: privat)

Nils: Anette und ich kennen uns seit der Schule, unsere Freundeskreise haben sich damals überschnitten. Anfangs war alles ganz unschuldig, wir sind manchmal einfach hinter der Gruppe hergelaufen und haben gequatscht. Als ich Anette nach ihrer Nummer gefragt habe, war das krass für mich. Wir hatten noch keine Handys, also musste ich diesen unangenehmen Moment durchleben, mich am Festnetztelefon erst der Mutter vorzustellen, bevor ich mit Anette sprechen konnte. Unser erstes richtiges Date war dann im Kino, wir waren in "Keinohrhasen".

Anette: Nach dem Kino hat mir Nils seine Liebe gestanden. Wir haben uns einen kleinen Kuss gegeben, aber ich war mir nicht sicher. Letztendlich sind wir dann zwei Monate später, nach den Sommerferien, zusammengekommen.

Nils: Bis zum Abi lief auch alles ziemlich gut, danach wurde es schwieriger. Ich habe Zivi gemacht und Anette hat studiert. Dadurch änderte sich unser Leben und wir hatten unsere erste Krise. Wir hatten nicht mehr so viel Zeit füreinander wie in der Schule, haben uns nicht mehr jeden Tag gesehen. Die Selbstverständlichkeit war futsch, wir mussten uns neu sortieren.

Anette: Wir hätten uns gewünscht, nach dem Abi in der gleichen Stadt zu bleiben. Doch das klappte nicht. Bis heute führen wir eine Fernbeziehung und haben noch nie zusammen gewohnt.

Und du? Wie sieht es mit der Liebe bei dir aus?

Nils: Wir telefonieren täglich. Es kommt nur selten vor, dass wir uns einen ganzen Monat nicht sehen. In den Semesterferien bin ich häufig mehrere Wochen bei Anette.

Ich freue mich darauf, wenn wir endlich zusammen ziehen. Ich habe in Bayreuth meinen Bachelor gemacht, zwischenzeitlich in Korea studiert und bin nun für meinen Master in Medienwissenschaften zurück in Bonn. Anette studiert Sport in Darmstadt. Wir haben eigene Freundeskreise aufgebaut und individuelle Hobbys. Anette ist super aktiv und sportlich, ich bin auf Poetry Slams unterwegs.

Man trifft andere, die man attraktiv findet
Anette

Anette: Jeder hat sein eigenes Leben, aber der andere ist ein jeweils fester Bestandteil davon. Nils kennt meine Freunde und wenn er mich besuchen kommt, freuen sie sich.

Nils: Das Anstrengende an einer Fernbeziehung ist, sich wirklich Zeit für den anderen zu nehmen – auch, wenn man gerade viel zu tun hat.

Anette: Es gibt auch Situationen, in denen ich an der Beziehung zweifle. Es stimmt nicht, dass man achteinhalb Jahre nur Augen für seinen Freund hat. Man trifft ständig interessante Menschen, die einen inspirieren, oder die man sogar attraktiv findet. Doch die Beziehung hat immer einen größeren Wert.

Manchmal sind es Kleinigkeiten, die besonders nerven. Nils schraubt zum Beispiel den Deckel von Marmelade und Plastikflaschen nicht richtig zu, da könnte ich ausrasten.

Wir reden und diskutieren sehr viel. Wenn wir nicht offen miteinander sprechen würden, hätten wir uns schon längst getrennt. Das Geheimnis ist, nicht direkt aufzugeben und Arbeit in die Beziehung zu investieren.

Nils: Wir haben alle Phasen der Pubertät zusammen durchgemacht. Aber wir haben uns nie ausgebremst, jeder konnte sich ausleben.

Frido und Leo, beide 26, sind seit siebeneinhalb Jahren ein Paar. Anne und Alex, beide 26, sind seit neuneinhalb Jahren zusammen. Die Vier sind auch untereinander befreundet und kennen sich seit dem Gymnasium.

Alex, Leo, Anne und Frido in Holland am Meer.

Alex, Leo, Anne und Frido in Holland am Meer. (Bild: privat)

Anne: Ich bin in der elften Klasse auf die Schule der anderen gewechselt. Im Sportunterricht wurden mir dann Frido und Alex vorgestellt. Alex trug ein Argentinien-Trikot, mit meiner Glückszahl auf dem Rücken: Neun.

Alex: Als ich gemerkt habe, dass ich in Anne verknallt bin, habe ich einen Videoabend mit unseren Freunden organisiert.

Anne: Wir saßen nebeneinander und plötzlich haben sich unsere Hände berührt. Ich habe mich gewundert, dass er seine nicht wegzieht. Es hat 30 Minuten gedauert, bis wir richtig Händchen gehalten haben.

Alex: Bei "Ice Age 2" haben wir uns dann das erste Mal geküsst.

Anne und Alex bei ihrer standesamtlichen Hochzeit Ende 2016.

Anne und Alex bei ihrer standesamtlichen Hochzeit Ende 2016. (Bild: privat)

Anne: Eigentlich war zu dem Zeitpunkt eine andere Freundin in Alex verknallt. Deshalb habe ich sie am nächsten Tag gefragt, ob es für sie okay wäre, wenn ich mit Alex zusammenkomme. Sie hat uns ihr Einverständnis gegeben, seitdem sind wir ein Paar.

Leo: Ich kenne Frido noch als kleinen Jungen. Früher wusste ich nie, ob er ein Junge oder Mädchen ist. Seit der elften Klasse waren wir im gemeinsamen Freundeskreis. Irgendwann habe ich gedacht, dass ich ihn eigentlich ganz nett finde. An Karneval haben wir uns das erste Mal geküsst. Frido war Bauarbeiter, ich ein grüner Alien mit Glitzerumhang. Wir waren ziemlich betrunken. Nach dem Karnevalsumzug lagen wir den ganzen Nachmittag bei einem Kumpel im Bett und haben geknutscht.

Frido und Leo am Grand Canyon bei ihrem Road Trip durch die USA.

Frido und Leo am Grand Canyon bei ihrem Road Trip durch die USA. (Bild: privat)

Frido: So ging das dann für eineinhalb Jahre. Wir hatten was, dann war Streit, dann hatten wir wieder was. Ich wollte mich noch nicht so festlegen.

Leo: Irgendwann war mir das zu blöd und ich habe Frido gesagt, dass er sich entscheiden muss.

Frido: Ich weiß nicht, warum ich so viel Angst vor einer festen Beziehung hatte. Vielleicht war es mir einfach zu früh. Als mir aber klar wurde, dass ich Leo verliere könnte, wusste ich plötzlich, dass ich sie wirklich will.

Leo: Dann hat Frido richtig losgelegt und mich sogar zur Begrüßung immer geküsst. Gutes Zeichen. Als ich bei ihm war, hatte er Rosenblätter auf dem Bett verteilt und Kerzen angezündet. Das war schon süß. Und: Endlich kam die große Frage, ob ich seine Freundin sein will. Ich wollte!

Frido war Bauarbeiter, ich ein grüner Alien
Leo

Frido: Wir haben beide ein Studium in Aachen angefangen und sind nach drei Monaten Beziehung zusammen gezogen.

Leo: Wir kannten uns ja schon lange. Deshalb haben wir uns gesagt, wenn das jetzt nicht klappt, dann soll es wohl nicht sein. Aber es hat funktioniert, von Anfang an.

Anne: Auch Alex und ich haben ein Studium in Aachen angefangen und sind zusammen gezogen. Wir waren also wieder alle zu viert in einer Stadt. Nach drei Wochen in der gemeinsamen Wohnung habe ich kurz Panik bekommen. Da habe ich gedacht: "Ist es das gewesen? Verpasse ich nicht total viel?" Die Zweifel vergingen aber schnell.

Leo: Anne und Frido studieren Maschinenbau und sind gemeinsam für ein Praxissemester in die USA gegangen. Alex und ich waren in der Zeit mitten im Bachelor-Stress in Aachen. Das war schon etwas frustrierend. Besonders die Zeitverschiebung war nervig: Wenn Frido und ich geskyped haben, war ich meistens müde und wollte schlafen gehen.

Frido: Ich habe Gänsehaut bekommen, als mich Leo endlich besuchen kam. Wir sind zusammen gereist, es war wirklich schön. Zurück in Deutschland hatten wir dann eine kleine Krise, wir haben uns viel gestritten. In Amerika hatte ich so viel erlebt, zurück in Aachen fiel ich in ein Alltagsloch.

Leo: Das war ein Wendepunkt in unserer Beziehung, da wurde uns klar: Wir müssen mehr unternehmen. Jetzt machen wir einfach mehr aus unserer Zeit, jeder für sich und auch gemeinsam.

Verpasse ich nicht total viel?
Anne

Frido: Wir haben uns einen VW-Bus gekauft, genau wie Anne und Alex. Bei unserem ersten gemeinsam Trip zu viert sind wir spontan für einen Tag nach Holland ans Meer gefahren. Das Wetter war ziemlich schlecht, wir haben uns in eine kleine Holzhütte gesetzt und Bier getrunken.

Alex: Wir haben einfach immer eine gute Zeit zu viert. Egal ob im Urlaub, bei meinen Eltern im Garten am Lagerfeuer oder beim Gin Tonic trinken in Aachen. Es ist etwas besonderes, dass mein bester Freund mit der besten Freundin meiner Freundin zusammen ist.

Anne: Ich finde, wenn wir zu viert sind, sind wir nicht zwei Pärchen, sondern vier Freunde. Wenn eine der Beziehungen zerbrochen wäre, wäre das wohl auch für die anderen schwer geworden.

Leo: Letztes Jahr im Frühjahr haben wir Alex' und Annes Dachterrasse in ihrer neuen Wohnung eingeweiht. Wir haben die Couch nach oben getragen und uns unter eine Decke gekuschelt. Da haben uns Anne und Alex gefragt, ob wir ihre Trauzeugen werden wollen.


Gerechtigkeit

Die acht Reichsten der Welt haben angeblich so viel wie die ärmste Hälfte der Menschheit

16.01.2017, 10:16 · Aktualisiert: 16.01.2017, 11:05

Die Studie hat nur einen Haken.

Acht Männer gegen 3,6 Milliarden Menschen – das ist die Rechnung der britischen Entwicklungshilfe-Organisation Oxfam. Sie sagt: Die acht reichsten Menschen der Welt besaßen 2016 so viel Geld wie die ärmere Hälfte der Menschheit. Das steht im neuen Ungleichheitsbericht der Organisation. Anlass ist der Weltwirtschaftsgipfel in Davos. (SPIEGEL ONLINE)