Bild: Alyssa Meister

24.02.2017, 17:49

Und mich euer Unverständnis nervt.
"Und, wohnst du in einer WG?" – "Ja, könnte man so sagen."
"Was meinst du?" – "Mein WG-Partner ist mein Ex. Wir verstehen uns aber noch gut und die Wohnsituation soll kein Dauerzustand sein."
"Wirklich? Das funktioniert? Wie lange seid ihr denn jetzt schon getrennt?" – "6 Monate." "
Krass!" – "Ja."
"Also ich könnte das ja nicht." – "Tja. Wir halt schon."

Ich kann diesen Dialog in und auswendig.

Ich kenne ihn von Partys mit Freunden, vom Frühstück mit meiner Familie und von meinen Arbeitskollegen beim Feierabendbier. Und dieser Dialog geht mir mittlerweile so richtig auf die Nerven. Denn für mich ist das Problem gar nicht, dass ich noch mit meinem Ex zusammenwohne. Wir haben uns gut arrangiert, die Trennung beide gut verarbeitet. Er hat außerdem seit drei Monaten eine neue Freundin.

Mein Problem ist, dass ich mich immer rechtfertigen muss, vor Freunden, Verwandten, vor Typen, die ich kennenlerne.

Aber ich will mich nicht immer erklären müssen für diese Situation, die anscheinend viele so irre finden.

Das ist die WG von Alyssa und ihrem Ex.

Das ist die WG von Alyssa und ihrem Ex. (Bild: Alyssa Meister)


Ja, es ist eine komische Situation, das sehe ich ein. Und ja – für potenzielle neue Partner ist die Situation einschüchternd, das sehe ich auch ein. Aber ist es wirklich so unvorstellbar, dass zwei Menschen, die sich mal geliebt aber irgendwann auseinander gelebt haben, immer noch gut zusammen harmonieren können?

In diesen Diskussionen heißt es dann oft: Wenn Ex-Partner befreundet bleiben, hätten sie sich nie richtig geliebt. Oder es läuft immer noch was zwischen den beiden – oder zumindest könnte potenziell wieder was laufen. Beides ist bei uns nicht der Fall. Echt nicht.

Ich war wirklich verliebt in meinen Ex.

Er auch in mich. Trotzdem ist dieses Knistern, was da mal war, komplett erloschen. Keine Chance, dass da je wieder was laufen könnte. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass wir das beide so sehen.

Party-Reste auf dem WG-Balkon

Party-Reste auf dem WG-Balkon (Bild: Alyssa Meister)

Es ist auch nicht so, als hätten wir uns von heute auf morgen getrennt. Ich denke, der Fakt, dass wir ehrlich miteinander waren, zumindest so ehrlich wie wir es eben sein konnten, hat dabei geholfen, dass wir heute da sind, wo wir nun mal gerade sind. Die Trennung war ein Prozess über Wochen. Von „ich weiß nicht, ob das noch das Richtige ist“, über "ich ändere mich, lass es uns versuchen" und "lass uns über deinen Urlaub eine Beziehungspause machen", haben wir alles durchgemacht.

Wir haben wirklich versucht, die Beziehung aufrecht zu erhalten. Aber, wie ich mittlerweile weiß, funktioniert ein "ich ändere mich" in der Regel nicht. Für mich ging das nicht mehr – ich habe meinen Ex einfach nicht mehr geliebt. Er hat mich damals gefragt, was ich unter Liebe verstehe – ich konnte es ihm nicht richtig beantworten. Es fehlte einfach was.

Dass wir überhaupt noch zusammenwohnen, hat verschiedene Gründe.

Bisher war das einfach die vernünftigste, wenn auch für viele nicht die logischste Lösung. Wir stehen beide am Ende unseres Studiums. Keiner von uns weiß, wo es uns danach hin verschlagen wird. Mal abgesehen von der schlechten Wohnungssituation in Köln, hat auch keiner von uns Lust, innerhalb weniger Monate mehrmals umziehen zu müssen. Die ganzen Kosten, die damit verbunden wären, mal außen vor gelassen.

Ich mag meinen Ex immer noch.

Bis er seine neue Freundin hatte, haben wir uns sogar High-Fives für irgendwelche Dates oder gute Nächte gegeben, wenn wir uns zufällig nachts in der Küche getroffen haben. Was zwischen uns ist, ist mittlerweile eine richtige Freundschaft.

"Das könnte ich nicht."

"Das könnte ich nicht." (Bild: Alyssa Meister)

Dass wir mal zusammen waren? Fast unvorstellbar geworden für mich. Und eigentlich bin ich dann doch wieder fast schon stolz darauf, dass es so läuft, wie es läuft.

Wenn ich dieses allgemeine Unverständnis so betrachte, frage ich mich, warum unsere Gesellschaft in ihren Ansichten so eingeschränkt ist. Was sollen diese Muster, an die sich alle halten sollen? Ist es nicht eigentlich genau das, worum wir uns alle bemühen, Freiheit und Individualität?

Noch einmal: Mein Ex und ich kommen klar und leben zusammen in einer Wohnung.

Warum fühlt ihr euch so angegriffen durch meine Lebenssituation, dass ihr das ständig kommentieren müsst?

Seitdem mein Ex seine neue Freundin hat, hat sich übrigens einiges verändert, was ja auch nicht weiter wundert.

1/8

Wir sind immer noch Freunde und erzählen uns von Dingen, die uns eben so beschäftigen. Er erzählt von seiner neuen Beziehung, ich erzähle von meinen leidigen Online-Dates, aus denen sowieso niemals was wird. Es ist einfach.

"You are so reasonable", hat mal ein Amerikaner zu mir gesagt, dessen Lieblingsfrage "Welchen Körperteil an dir magst du am liebsten? Also ich meinen Bizeps" war und mit dem ich – Gott weiß warum, damals fast geschlafen hätte.

Aber es stimmt, ich bin tatsächlich irgendwie "reasonable". Und ich glaube nicht, dass das so eine schlechte Eigenschaft ist. Eine Trennung muss nicht immer in Streit, Kontraktabbruch und plötzlichen Auszug enden. Wir sind erwachsene Menschen. Wir sind so vernünftig. Deal with it.

Und jetzt du: Wie ist dein Verhältnis zu deinem Ex-Partner?


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