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  3. bento-Umfrage: Über Selbstbewusstsein, Mut, Charakter und Unzufriedenheit

Bild: Christoph Hoppenbrock, CC-Lizenz BY-NC-ND

Fühlen

So selbstbewusst sind wir wirklich

28.01.2016, 14:10 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:26

Und die Leute sagen, bleib wie du bist, aber nein, tut mir leid vielleicht reicht mir das nicht", singen Kraftklub in "Wie ich". Sie erzählen davon, dass man manchmal gern anders wäre: "Ohne Schweiß auf den Handflächen jemanden ansprechen, in ganzen Sätzen reden", eben die ein oder andere charakterliche Schwäche ausbügeln zu können.

(Bild: Christoph Hoppenbrock, CC-Lizenz BY-NC-ND)

Was Kraftklub beschreibt, das scheint ein weit verbreitetes Lebensgefühl unter 18- bis 30-Jährigen zu beschreiben: Unsere Umfrage ergab, dass 88 Prozent der 1000 befragten jungen Menschen mit ihrem Charakter unzufrieden sind.

Unter den mickrigen zwölf Prozent, die nichts an sich ändern möchten, sind überproportional viele Naturwissenschaftler, Jungs, und 24- bis 26-Jährige. Im Gegensatz dazu sind Pädagogen, Frauen und Menschen unter 20 besonders unzufrieden mit sich.

Ganz gleich, ob Schüler, Student, Azubi oder Berufstätiger – elend lang ist der Wunschzettel mit den Eigenschaften, die die Generation Y gern an sich aufmotzen würde:

  • 46 Prozent wären gern selbstbewusster.
  • 31 Prozent wären gern mutiger.
  • Rund jeder Vierte wünscht sich, offener, ausgeglichener, willensstärker oder ehrgeiziger zu sein. Ein Bedürfnis nach mehr Ehrgeiz haben besonders viele 18-20-Jährige.

(Bild: Hernán Piñera / cc by-sa)

Eltern hätten wahrscheinlich wie immer leicht reden, wenn sie von diesen Ergebnissen erfahren würden: "Ihr Kinder habt doch alle Möglichkeiten, was soll denn der Hader? Hätten wir mal das alles gekonnt und gedurft, wie ihr jetzt, wir wären zufrieden und immer gut gelaunt gewesen!"

Und das ist das ganz große Missverständnis. Vielleicht eines der größten unserer Generation.

Eine Erklärung liegt vielleicht in der obersten Kapitalismusregel: Unternehmen müssen wachsen, um so zu bleiben, wie sie sind. Unser BIP muss wachsen, damit wir unseren Standard halten. Diese Maxime schwappt hinein in unsere eigene Lebensführung.

(Bild: Hernán Piñera / cc by-sa)

Mehr Möglichkeiten zu haben, kommt uns immer wie eine gute Idee vor. Mehr Freunde, mehr Fähigkeiten, mehr Sachen. Da kommt der Kollege um neun Uhr zur Tür herein, der war schon laufen, hat Müsli mit frischen Früchten gefrühstückt, die Presse gescannt und drei schlaue Tweets mit Foto und Link abgesetzt.

Man selbst hat nach zwei Zigaretten und ein paar Schlucken Kaffee den Bus noch gerade so bekommen. Es scheint, als habe der Kollege von allem mehr als man selbst. Zack – ist man unzufrieden mit sich und einem Teil seines Charakters.

Freunde, bei denen offenbar alles runder läuft als bei einem selbst, sind das eine – hinzu kommen noch die glitzernden Profile in sozialen Netzwerken. Wie schlau und witzig die Postings der anderen immer sind! Und was sie immer für tolle Jobs und Projekte am Laufen haben!

(Bild: Hernán Piñera / cc by-sa)

Deren Tag muss ja fünf Stunden mehr haben als der eigene, sonst könnten die gar nicht so aktiv, unterwegs und überall dabei sein. Da kann man sich hundertmal sagen: "Ja, das ist ja alles nur inszeniert" – man denkt trotzdem, die anderen seien dynamischer, eloquenter, aktiver. Turbokapitalisten. Und man selbst ist mehr so der Bremsbackenkapitalist. Muss immer noch bisschen witziger, spontaner, besser drauf und öfter einsatzbereit sein.

Viele haben Angst, abgehängt zu werden. Und das nur, weil es Milliarden Möglichkeiten gibt, mit der richtigen Selbstoptimierung Großes leisten zu können. Keine Kirche, kein Elternhaus und kein soziales Milieu schränkt uns mehr ein. So war es ja früher. Erst in der Generation Y werden Entscheidungen aus sich heraus getroffen. Weil alles geht. Nur die Grundlage dafür – den eigenen Charakter – kann man nicht einfach so tunen, wie man möchte.

(Bild: Hernán Piñera / cc by-sa)

Das einzige, was aus der Misere hilft: Zu seinen Entscheidungen stehen. Wer sich entschieden hat, eines Abends mit seinen Freunden zu pokern und Fürze anzuzünden, der muss akzeptieren, dass der YouTuber in dieser Zeit vielleicht gerade an seinem nächsten Film arbeitet. Oder das Topmodel an seinem Gang.

Dann hat man sich aber eben anders entschieden. Gegen die Selbstoptimierung. Die Möglichkeit, Model zu werden, fällt damit allerdings vorerst weg. Das hat aber nichts mit fehlendem Ehrgeiz zu tun. Sondern mit der Entscheidung, die man ganz für sich allein getroffen hat.

Kraftklub entscheidet sich am Ende übrigens für den anderen Weg: "Oder ich reiß einfach alles ein – und bau die Scheiße neu."

Die bento-Umfrage

An unserer Studie haben 1000 in Deutschland lebende Menschen im Alter zwischen 18 und 30 Jahren teilgenommen. Die Schwankungsbreite beträgt für die gesamte Stichprobe 1,9 Prozent. Die Online-Befragung wurde von dem Institut für Markt- und Trendforschung EARSandEYES im Auftrag von bento im Mai 2015 durchgeführt.