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Fühlen

"Eine Asiatin habe ich noch nie geküsst": Wie sich Rassismus auf Tinder anfühlt

31.10.2016, 10:24 · Aktualisiert: 02.11.2016, 14:14

Yellow Fever nervt.

Als meine letzte Beziehung zerbrach, war ich verzweifelt, weil Hoffnungen, Gefühle, blablabla. Irgendwann fühlte es sich wieder okay an, Single zu sein, bloß wollte ich das nicht als Dauerzustand. Ich musste also tun, wovor mir graute: Dating. Online-Dating.

Dating kann eine großartige Sache sein: neue Menschen, Nervenflattern, anregende Gespräche, aufregender Sex. Immer die Augen auf den großen Preis gerichtet, eine langfristige Beziehung. Nur: Der Weg dorthin ist mühsam.

Nieten pflasterten meinen Weg, trotz sorgfältiger Vorauswahl.

War das der gewöhnliche Ausschuss?

Oder hatte ich es schwerer als andere?

Schwerer als die weiße Hetero-Frau?

Gerade als vietnamesischstämmige Deutsche erlebe ich oft, dass sich viele Männer etwas von mir als Asiatin versprechen: eine exotische, sanfte Kindfrau, die im Bett besonders devot und/oder freakig ist. "Man hört so Gerüchte über Asiatinnen im Bett, die sollen der Wahnsinn sein", erklärte mir einer. "I want to be your sex slave", schrieb mir ein anderer. Oder, etwas netter: "Mandelaugen üben auf mich einen besonderen Reiz aus."

Das Phänomen ist im englischsprachigen Raum bekannt als "Yellow Fever" und steht für Menschen (meist Männer), die gesteigertes sexuelles Interesse an asiatischen Menschen (meist Frauen) haben.

Dass das Gelbfieber nicht nur in Amerika grassiert, beweist mir mein eigener Blog jeden Tag: Bis heute bringt mir der Artikel mit dem Titel "Sex mit einer Asiatin" die meisten Klicks. In dem Artikel geht es um die Frage, warum viele Männer über Sex mit einer Asiatin fantasieren.

Die meisten Besucher verlassen nach 20 Sekunden meine Seite – mir ist klar, was sie eigentlich gesucht haben.

Yellow Fever nervt. An sich ist nichts dagegen zu sagen, einen bevorzugten Typ oder Vorlieben zu haben. Aber der Spaß hört für mich auf, wenn es nur um meine Hautfarbe geht. Nicht nur, dass es absolut oberflächlich ist – es ist schlicht rassistisch und beleidigend, Menschen nach ihrer Hautfarbe zu beurteilen und ihnen bestimmte Eigenschaften anzudichten. Egal, ob positiv oder negativ.

YouTuberin Anna Akana drückt es so aus: "Warum kommen die Männer nicht und sagen: 'Ich bin ein rassistisches Arschloch.' Da würdest du wenigstens denken: Oh, das ist ehrlich. Das ist cool."

Bei Männern mit Asiatinnen-Fetisch unterscheide ich zwischen drei Typen:

  1. Da sind die kulturell Interessierten, die Anime oder Hongkong-Kino lieben und versuchen, mit Sprachkenntnissen zu beeindrucken. Meist bleibt es aber bei einem schlechten "ni hao" oder "konnichiwa".
  2. Dann gibt es diejenigen, die mich als Lonely Planet für ihren nächsten Backpacker-Trip benutzen wollen, weil ich mich "in [beliebiges asiatisches Land] bestimmt super auskenne".
  3. Am nervigsten ist jedoch die größte Gruppe: Die wollen einfach den Punkt "mit einer Asiatin ins Bett gehen" möglichst schnell auf ihrer sexuellen To-Do-Liste abhaken.

Es gibt keine Daten, wie verbreitet Gelbfieber in Deutschland ist. Weder die deutschen Hochschulen noch die heimischen Singlebörsen haben sich ausführlich mit ethnischer Zugehörigkeit und Online-Partnersuche beschäftigt.

Lediglich die Online-Dating-Plattform OkCupid verfügt über Zahlen, die stammen allerdings hauptsächlich von amerikanischen Nutzern: Das Portal hat herausgefunden, dass asiatische Frauen von Weißen, Schwarzen, Latinos und Asiaten als attraktiver eingestuft wurden als der mathematische Durchschnitt. Am attraktivsten bewertet wurden jedoch weiße Frauen – von weißen Männern.

(Bild: Tom Thiele)

Nhi Le kennt das Gelbfieber zur Genüge, sie ist 21 Jahre, Studentin und Poetry Slammerin mit vietnamesischen Wurzeln und lebt in Leipzig. Sie sagt: "Gerade meine Nachrichtenanfragen auf Facebook sind voll mit 'Yellow Fever'-Typen, die einfach denken, mich eklig anlabern zu können."

An eine Tinder-Episode erinnert Nhi sich besonders:

"Mein Match hatte es mit einem ‚witzigen Wortspiel’ mit meinem Namen eigentlich gleich verkackt – 'sag nhimals nhi'. Ich bin zwar nett geblieben, aber erstens hatte ich das Wortspiel schon tausendmal an anderen Stellen gehört und zweitens kam in mir gleich die Frage auf, ob er das mit einem 'deutschen' Namen auch machen würde."

Sie löschte das Match.

Und Naomi, die eigentlich anders heißt, ist seit knapp fünf Jahren auf OkCupid, Tinder und Joyclub unterwegs, einer Community für Casual Sex. Sie hat inzwischen eine stattliche Sammlung an Screenshots, voll von Männern mit Asiatinnen-Fetisch auf der Suche nach jemand Exotischem. Was sie besonders nervt? "Wenn sie mich in einer beliebigen asiatischen Sprache anschreiben."

Typische Nachrichten im Slider: "Eine Asiatin habe ich noch nie geküsst"

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Bei all den Dating-Online-Portalen lassen sich Yellow Fever-Typen nicht immer vermeiden – wobei manchmal Selbstbeschreibungen oder Bilder mit starkem Asien-Bezug immerhin darauf hindeuten. Naomi rät ganz praktisch: "Lasst das Feld Ethnizität bei OkCupid lieber frei. Seid skeptisch, wenn ein Typ eine besondere Faszination für Asien oder ein bestimmtes asiatisches Land hat."

Meine Phasen mit Online-Dating jedenfalls dauern immer ein paar Monate, mit Pausen für Kurzzeitbeziehungen dazwischen. Meine letzte Beziehung war mit einem Deutschen ganz ohne Yellow Fever. Er fand einfach mein Profilbild aus dem Wohnzimmer meiner Eltern mit der kitschigen Blumentapete so authentisch.

Und der Nächste? Wird sich zeigen.

Auf dem Blog von Nhi Le findet ihr weitere Texte, Gedanken und Bilder.

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