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Fühlen

Anja, 28: "Ich interessiere mich für Sex. Nur selbst möchte ich keinen haben"

08.03.2016, 10:10 · Aktualisiert: 01.08.2016, 10:49

Anja ist asexuell. So bezeichnet man Personen, die keinen Sex möchten oder brauchen. Dabei ist Asexualität genauso facettenreich wie Sexualität. Man kann sich zu gleichgeschlechtlichen Menschen hingezogen fühlen, man kann bisexuell sein, man kann aber auch gar keine sexuelle Lust empfinden. Wie sich das anfühlt, erzählt die 28-jährige Anja:

"Schon als Teenager habe ich gemerkt, dass ich anders bin. Ich hab mich einfach nicht so für Jungs und Sex interessiert wie meine Klassenkameraden. Zwischendurch war ich der Meinung, lesbisch zu sein und hatte sogar eine feste Freundin.
Aber immer, wenn es intimer wurde, wollte ich einfach nur weg. Auch später, wenn ich mit Freundinnen aus dem Studium über Sex geredet habe, waren da Riesenunterschiede zwischen ihnen und mir. Ich dachte nie, 'der Typ ist heiß' oder 'den würde ich gerne mit ins Bett nehmen."

Laut der Asexuellen-Community Aven gibt es zwei Fragen, über die man Asexualität definieren kann:

1. Fühle ich mich von anderen Menschen sexuell angezogen?

Die meisten Asexuellen können diese Frage verneinen. Sie fühlen sich weder von Frauen, noch von Männern angezogen. Allerdings gibt es viele Asexuelle, die sich emotional zu anderen hingezogen fühlen und auch feste Bindungen eingehen – aber kein Bedürfnis nach sexueller Nähe haben.

Was ist Aven?

Aven ist die weltgrößte Gemeinschaft von Asexuellen und steht für "Asexual Visiblity and Education Network". Das Ziel der Organisation ist es, die öffentliche Akzeptanz sowie die Sichtbarkeit von Asexualität zu steigern. Außerdem dient die Seite Asexuellen und deren Angehörigen als Informationsquelle und Austauschplattform. Den deutschen Ableger von Aven gibt es seit 2005.

Andere Asexuelle empfinden gar keine emotionale Anziehung und wollen auch keine partnerschaftliche Beziehung eingehen. Diese Menschen legen in der Regel großen Wert auf Freundschaften. Für sie treten Freundschaften an die Stelle von körperlicher Liebe.

Anja ist freiberufliche Illustratorin und Studentin in Nordrhein-Westfalen

Anja ist freiberufliche Illustratorin und Studentin in Nordrhein-Westfalen (Bild: Anja)

2. Fühle ich körperliche, sexuelle Erregung?

Wie Asexuelle Erregung empfinden, kann sehr unterschiedlich sein. Manche sind sexuell erregt, das heißt sie fühlen eine biologische Erregung, haben aber nicht den Drang, diesen Sexualtrieb mit einem Partner oder alleine auszuleben.

Andere gehen dieser biologischen Erregung nach und masturbieren, wollen aber keinen Sex mit einem anderen Menschen. Wieder andere haben wenig bis gar keine Libido. Asexuelle haben nicht das Gefühl, dass ihnen etwas fehlt. Asexualität ist ein Teil ihrer Identität. So ist es bei Anja:

"Seit einem Jahr weiß ich, dass ich asexuell bin. Ich bin zufällig im Internet auf einen Artikel über Asexualität gestoßen und dachte, der Text könnte über mich sein. Sexuell gesehen, interessieren mich weder Frauen noch Männer. Ich habe auch keine Libido, also keinen Sexualtrieb, und fühle mich sexuell gar nicht zu anderen Menschen hingezogen. Trotzdem habe ich, wie die meisten, ein Bedürfnis nach Nähe und Beziehungen.

Seit zehn Jahren habe ich einen festen Freund. Nur leider versteht er mich gar nicht. Er glaubt mir nicht, dass ich asexuell bin – und ist der Meinung, ich sei einfach frigide. Aber das stimmt nicht. Ich interessiere mich für Sex. Nur selbst möchte ich keinen haben."
Entscheidend ist, wie man sich selbst einordnet.
Vivian Jückstock, Psychologin und Sexualtherapeutin

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Asexuelle sollten selbst darüber entscheiden, ob sie sich so bezeichnen wollen, sagt Vivian Jückstock, Sexualtherapeutin und Psychologin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Auch nach der Aven-Definition ist jeder asexuell, der sich so fühlt, egal ob man nur gerade keinen Sex haben möchte oder niemals.

Jückstock betont, wie wichtig es sei, für die eigenen Bedürfnisse offen zu bleiben: "Sexualität ist nichts Starres. Sie kann sich im Laufe des Lebens verändern." Es sei möglich, dass jemand, der sich heute als asexuell bezeichnet, in zehn Jahren seine Sexualität neu entdecke.

Ist Asexualität angeboren?

Es kann sein, dass jemand eine körperliche oder psychische Störung hat und deshalb keinen Sex möchte, sagt Sexualtherapeutin Vivian Jückstock. Wenn diese Person damit aber zufrieden ist, muss sie auch nicht behandelt werden. "Hierbei ist der Leidensdruck der Personen ausschlaggebend."

(Bild: Pixabay)

Wie sexuelles Verlangen entsteht, ist ein vielschichtiger Prozess, bei dem viele Faktoren eine Rolle spielen: Auf der einen Seite spielen die biologische Grundlage wie Hormone eine Rolle, auf der anderen Seite die Psyche mit unseren Vorerfahrungen. Aber auch die Gesellschaft und deren Umgang mit Sexualität prägen sexuelles Verlangen.

"Körperlich ist bei mir alles in Ordnung. Ich bin erregbar, wie jeder andere auch. Der einzige Unterschied ist, dass ich Sex weder brauche, noch besonders Spaß daran habe. Auch meine Freunde haben erstmal komisch reagiert.
Vor allem, weil viele gar nicht wissen, was Asexualität ist. Eine Freundin meinte, ich könne gar nicht asexuell sein, weil ich viel zu sexy sei. Da hab ich ihr geantwortet, dass sie doch auch nicht einem Homosexuellen sagen könne, er könne nicht schwul sein, weil er nicht danach aussehe."

Unsere Gesellschaft geht in großen Teilen sehr offen mit Sexualität um – mit wem, wie oft und vor allem wie – das alles sind keine Tabus mehr. Dies könne, laut Vivan Jückstock, zu einem gewissen Leistungsdruck führen: "Viele denken, dass jeder sexuelle Kontakt mit einem multiplen Orgasmus enden muss."

Wie viele Asexuelle gibt es?

Im Jahr 2006 erschien die erste Studie über Asexualität beim Menschen: Anthony Bogaert, Psychologe und Sexualitätsforscher von der kanadischen Brock-Universität, errechnete anhand einer 1994 in England durchgeführten allgemeinen Befragung zu sexuellen Gewohnheiten die ungefähre Ausbreitung von Asexualität und kam zu dem Ergebnis: Mehr als ein Prozent der 18.000 Befragten haben sich "noch nie von irgendjemandem sexuell angezogen gefühlt". Vivian Jückstock warnt hingegen, diese Zahlen auf die gesamte Gesellschaft zu beziehen: "Asexualität ist sehr vielschichtig und die meisten Studien berücksichtigen das nicht." Wie viele Asexuelle es insgesamt gibt, kann also niemand sicher sagen.

Trotzdem haben die Menschen nicht mehr Sex als früher, bei Jugendlichen geht sexuelle Aktivität eher zurück. Auch Asexualität sieht Jückstock nicht als Gegenbewegung zu unserer sexualisierten Gesellschaft, sondern als logische Konsequenz: "Da wir heutzutage offen über Sex reden, ist es auch möglich zu sagen: Nein danke, ich möchte keinen Sex." Anja hat es so gelöst:

"Früher hatte ich regelmäßig mit meinem Freund Sex. Wir hatten dafür sogar feste Termine in der Woche, weil es spontan einfach nie passiert ist. Seitdem ich weiß, dass ich asexuell bin, schlafen mein Freund und ich wesentlich seltener miteinander. Aber wenn ich merke, er hätte mal wieder Lust, dann tue ich ihm den Gefallen. Es ekelt mich schließlich nicht an. Ich könnte aber sehr gut ohne Sex leben.

Wie es mit meiner Beziehung weiter gehen soll, weiß ich noch nicht. Er kann sich nicht ändern und ich mich auch nicht. Das ist wirklich frustrierend. Aber zumindest weiß ich jetzt, wer ich bin. Am Anfang war ich traurig darüber, aber jetzt fühlt es sich gut an, der ganzen Sache einen Namen geben zu können."

Es ist also schwer zu sagen, warum jemand keine Lust auf Sex hat. Allerdings kann eine plötzlich auftretende, starke Veränderung im sexuellen Verlangen ein Anzeichen für ein Problem sein. "Wenn jemand in einer früheren Beziehung gerne Sex hatte und mit dem neuen Partner auf einmal keine Lust mehr hat, könnte eine Störung vorliegen", sagt Jückstock.

"Asexualität ist noch sehr neu und verwirrend für mich. Früher dachte ich zum Beispiel, eine Beziehung sei durch Sex definiert. Jetzt muss ich erstmal herausfinden, wie sich meine Gefühle für meinen Freund von meinen Gefühlen für andere enge Freunde unterscheiden."

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