Fühlen

"Ich habe Panik, keinen Job zu kriegen"

26.10.2015, 09:08 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:21

In unserer Serie "Über-Ich" beantwortet die Psychologin Kathrin Hoffmann eure Fragen.

Lukas, 26, schreibt: 

Ich befinde mich gerade in der Planungsphase meiner Diplomarbeit in Psychologie, habe noch mehr als ein Jahr Zeit und bin total panisch. Natürlich habe ich mich schon bei diversen Beratungsstellen gemeldet, meine Diplomarbeitsbetreuerin habe ich auch schon um ein Beratungsgespräch gebeten.

Das Schlimmste an meiner Situation ist für mich, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll und immer das Gefühl habe, wertvolle Zeit mit Nichtstun zu vergeuden. Dabei entspringt dieses Nichtstun eher der Angst davor, etwas falsch zu machen oder mich zu verzetteln und die Arbeit so nie rechtzeitig fertig zu bekommen und damit letztendlich keinen Job zu kriegen.

Ich habe Angst, mich zu verzetteln.

Das alles ist für mich wahnsinnig beängstigend und auch irgendwie neu, denn bisher waren meine Noten nicht schlecht und einzelne Hausarbeiten haben richtig Spaß gemacht. Neu in der Diplomarbeit ist aber nun der eigenständige Forschungsteil. Der macht mir einfach Angst. In Statisitk bin ich auch eher unterer Durchschnitt. Qualitatives Forschen habe ich ebenfalls noch nie selbst gemacht und daher noch weniger Ahnung.

Eine Psychotherapeutin habe ich bereits gefunden, die mir hilft. Allerdings sind die Tage zwischen den Sitzungen der reinste Horror. Ich möchte das beenden.

Hilfe!

Jeder hat mal Angst und Stress. Jeder fühlt sich mal hilflos, machtlos, überfordert. Wenn Freunde, Eltern oder Geschwister nicht weiterhelfen können, wollen oder sollen – dann melde dich bei uns. Die Psychologin Kathrin Hoffmann beantwortet in der Serie Über-Ich für bento ausgewählte Fragen, die wir anschließend veröffentlichen. Dabei ändern wir selbstverständlich alle Namen von Betroffenen.

Die Psychologin Kathrin Hoffmann antwortet:

Lieber Lukas,

wie du ganz treffend und offen schreibst, ist dein momentaner Zustand von großer Angst geprägt. Du fürchtest dich davor, Fehler zu machen, die Diplomarbeit nicht rechtzeitig fertig zu bekommen und letztendlich gänzlich zu scheitern. Deine Gedanken drehen sich hauptsächlich darum, was du nicht kannst und welche katastrophalen Folgen das für die Zukunft haben könnte. Solche Gedanken lösen zwangsläufig Angst- und Panikgefühle aus.

Zunächst erscheint es mir wichtig, dass du dich mit deinen Gedanken und Überzeugungen auseinandersetzt, um dich ein Stück weit von ihnen zu distanzieren. Folgende Fragen können dir dabei helfen: 

  • Wovor genau fürchte ich mich? 
  • Was wäre das schlimmste, das passieren könnte? 
  • Was würde das für mich bedeuten? 
  • Wie wahrscheinlich ist es, dass genau dies eintritt? 
  • Wie hilfreich sind meine Gedanken, um diese Situation zu meistern? 
  • Welche Einstellung wäre hilfreich? 
  • Was würde ich einem guten Freund raten? 
  • Was kann ich aus dieser Situation lernen? 
  • Wie kann ich diese Situation nutzen, um mich fachlich und persönlich weiterzuentwickeln? 
  • Wie hoch sind meine Ansprüche an mich selbst? 
  • Wie werde ich in ein paar Jahren über diese Situation denken? 

Es geht also zunächst darum, die Situation nicht als Bedrohung, sondern eher als Herausforderung zu bewerten.



Auch deine eigene Einschätzung deiner Bewältigungsmöglichkeiten ist eher negativ („unterer Durchschnitt“). Frage dich also auch: Welche ähnlichen Situationen habe ich bereits erfolgreich gemeistert und was hat mir damals dabei geholfen? Was muss ich mir neu aneignen, worin muss ich noch besser werden? Was brauche ich dafür? Wer könnte mir helfen? Diese Fragen zielen darauf ab, dein Selbstwirksamkeitsgefühl (Das heißt: Dass du die Situation bewältigen kannst) zu stärken.

Bewerte die Situation nicht als Bedrohung – sondern als Herausforderung.

Neben dieser gedanklichen Auseinandersetzung mit deinen Ängsten, ist es wichtig, dass du dich mit Hilfe eines konkreten Plans und einer haltgebenden Struktur aus deiner Handlungsunfähigkeit befreist. Dabei kann dir zum einen die schriftliche Festlegung eines groben Zeitplans helfen wie auch die Formulierung von kleinen, gut zu bewältigenden Etappenzielen. Auch Gespräche oder Arbeitsgruppen mit Kommilitonen können unterstützend sein.

Ich finde es toll, dass du dich bereits aktiv um Beratungsangebote bemühst und therapeutische Hilfe in Anspruch nimmst. Das zeigt, dass du den Willen hast, dich deiner Angst zu stellen. Unterstütze dich aber auch selbst durch ermutigende Gedanken und hilfreiche, planvolle Handlungen! Ich bin überzeugt, dass du diese Herausforderung letztendlich meistern wirst und vielleicht kannst du in zehn Jahren sogar ein bisschen darüber schmunzeln.

Alles Gute für dich, deine Kathrin