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Fühlen

Warum fürchten wir uns so vor einem Terroranschlag, aber nicht vor einem Fahrradunfall?

18.11.2015, 16:19 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:23

Und: Wie gehe ich mit meiner Angst um? Eine Psychologin gibt Antworten.

Die Anschläge in Paris, das abgesagte Fußballspiel in Hannover - viele Menschen fürchten sich jetzt vor weiteren Attentaten. Dabei ist es viel wahrscheinlicher beim Radfahren zu sterben als durch einen Terroranschlag. Warum haben wir trotzdem Angst?

Wir unterliegen dabei einer sogenannten kognitiven Verzerrung. Bei Ereignissen, die sich besonders stark ins Gedächtnis einprägen, überschätzen wir die Wahrscheinlichkeit, dass sie wieder eintreten. Dabei spielen unsere Emotionen natürlich eine große Rolle. Je mehr mich ein Ereignis emotional berührt, desto besser kann ich mich später daran erinnern. 

Hinzu kommt, dass wir dazu neigen, mehr Empathie für Menschen zu empfinden, die uns gefühlt näher stehen. Da kommt schnell der Gedanke: “Wenn es in Paris passiert ist, könnte es hier auch bald passieren“. Vielleicht war man selbst schon mal in Paris oder kennt jemanden von dort. All das trägt dazu bei, dass dieses Ereignis als persönlich relevant eingeschätzt wird und uns besonders Angst macht.

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Was kann ich gegen diese Angst tun?

Zunächst ist es wichtig, mir selbst zuzugestehen, dass ich Angst habe und verunsichert bin. Das ist eine völlig normale Reaktion im Angesicht dieser Bedrohung. Die Angst sollte aber nicht Überhand nehmen. Deswegen muss ich versuchen, die Angst auszuhalten und mein Leben weiterzuleben. Das heißt: Ich sollte nicht aus der Angst heraus Orte oder Aktivitäten vermeiden.

Natürlich sollte man Hinweise oder Warnungen der Polizei ernst nehmen, aber wenn unser normales Leben zum Erliegen kommt, und wir uns nicht mehr aus der "Schockstarre“ befreien, dann haben die Terroristen ihr Ziel erreicht. Sie wollen unsere Seelen und unsere Kultur zerstören, das sollten wir in keinem Fall zulassen.

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Manche ertappen sich jetzt dabei, wie sie Menschen, die dunklere Haut oder einen längeren Bart haben, genauer anschauen - auch solche Menschen, die sich eigentlich für vorurteilsfrei halten. Verändern uns die Anschläge? 

Jeder Mensch hat grundsätzlich (mehr oder weniger starke) Vorurteile. Unser Gehirn braucht vereinfachte Kategorien, um die Welt zu ordnen und Komplexität zu reduzieren. Wenn ein Mensch oder eine Gruppe mir oder jemand anderem etwas angetan hat, merkt sich mein Gehirn genau die Merkmale, das Aussehen zum Beispiel. Das soll uns in Zukunft vor der Gefahr beschützen. 


Zur Autorin

Kathrin Hoffmann, Jahrgang 1984, ist Diplom-Psychologin, Trainerin für Stressbewältigung und Autogenes Training. Sie macht derzeit eine Ausbildung zur Verhaltenstherapeutin. Wenn sie nicht bei bento Fragen beantwortet, arbeitet sie in einer psychosomatischen Klinik.

Mein inneres Alarmsystem reagiert in der Folge besonders sensibel auf diese bestimmten Attribute. So kann es natürlich passieren, dass wir immer misstrauischer werden. Wenn wir in den Medien immer wieder Fotos von Terroristen sehen, die eine dunkle Haut haben und einen Vollbart, dann prägt sich das ein. Dann kann es passieren, dass unser Gehirn blitzschnell ein mulmiges Gefühl aussendet, das sagt "Vorsicht“, wenn wir einen Menschen sehen, der eine dunkle Haut hat und Vollbart trägt. Obwohl wir rational natürlich wissen, dass sein Aussehen einen Menschen nicht in einen Terroristen verwandelt.

Dagegen hilft, sich diesen Mechanismus immer wieder bewusst zu machen, sich innerlich davon zu distanzieren und wieder eine objektive Haltung einzunehmen. Dabei können innerlich die Fragen helfen: "Ist es wirklich so, wie ich gerade denke? Ist mein Misstrauen wirklich begründet? Welche Beweise gibt es? Könnte es auch ganz anders sein?"

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Manche wollen jetzt gar nicht mehr feiern gehen. Sie fürchten sich bei jedem herrenlosen Koffer, sie bekommen Panik, wenn in der Bahn kurzfristig das Licht ausfällt. Wann sollte man sich Hilfe holen?

Hilfe sollte man sich holen, wenn die Angst das Alltagsleben stark beeinträchtigt, und man darunter leidet. Wenn ich das Gefühl habe, meine Ängste nicht mehr kontrollieren zu können, und ich mich immer mehr zurückziehe, dann kann es wirklich sinnvoll sein, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Die reine Tatsache, dass ich Angst habe, ist erst mal völlig normal und gehört zum Leben dazu. Denn das Leben ist voller Risiken und Gefahren, das ist die Realität - aber kein Grund, sein Leben nicht mehr zu leben.