Fühlen

Ich trinke keinen Alkohol. Warum habt ihr ein Problem damit?

20.03.2017, 10:04

"Was? Du hast noch nie Alkohol getrunken – also so gar nicht? Nicht mal ein Gläschen?"

Ich höre das immer wieder. Weil ich 29 Jahre alt bin und auf Alkohol verzichte. In diesem Text erkläre ich, wieso – die schriftliche Antwort für alle, die immer wieder dieselben Fragen stellen.

Ich erinnere mich an meine erste Hausparty, ich war 14, und alle meine Freunde waren da. Zu trinken gab es Bier, und das nicht wenig – man wollte gemeinsam anstoßen und feiern. Es war das erste Mal, dass ich ablehnte: "Nee, danke. Ich mag nicht."

Danach war ich zwar noch dabei, aber irgendwie gehörte ich nicht mehr richtig dazu. "Ach komm, Hamzi, jetzt nimm doch auch mal einen Schluck! Oder traust du dich nicht?"

Ich fühlte mich unter Druck gesetzt. Und ich haderte. Sollte ich oder sollte ich nicht?

Auf der einen Seite wollte ich dazugehören, mit meinen Freunden den Abend genießen. Auf der anderen Seite waren da meine Eltern und eines der obersten Gebote meiner muslimischen Erziehung: "Du sollst keinen Alkohol trinken."

Ich habe an diesem Abend keine Flasche Bier angerührt. Doch die Gespräche, in denen Leute ihr Unverständnis darüber äußern, gab und gibt es immer wieder.

Warum muss ich mich überhaupt rechtfertigen? Weil ich auf etwas verzichte, das fast jeder tut? Offenbar ja, denn ich falle auf damit, bin anders.

Rückwirkend betrachtet hat meine Erziehung einen großen Einfluss auf meine Entscheidung gehabt, als Jugendlicher keinen Alkohol zu trinken.

Was denkst du?

Bevor ich ausging, ermahnten mich meine Eltern immer wieder, vernünftig zu bleiben und bloß nicht zu trinken. Alkohol sei etwas Schlechtes, etwas, das wir Muslime nicht konsumieren – das fühlte sich an wie ein Gesetz, gegen das nicht verstoßen werden durfte.

Trinken verboten, das war wie ein Gesetz
Hamzi

Mein Respekt vor dieser Regel war groß, schließlich war sie Teil meines Glaubens. Ich fragte mich oft, was wohl passiert wäre, wenn ich es doch getan hätte, aber ich traute mich einfach nicht.

In meiner Jugend war ich meist der Einzige, der auf Alkohol verzichtete. Ich hatte zwar vereinzelt auch muslimische Freunde, aber auch die tranken – bei ihnen war das zu Hause vielleicht kein Problem oder sie tranken einfach trotzdem.

Fides Velten
Fides Velten
Fides Velten
Fides Velten
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Viele meiner Freunde waren regelmäßig betrunken. Am Wochenende, auf Partys. Ich war immer der, der nüchtern blieb und den anderen am nächsten Tag von ihren Eskapaden berichtete.

Manchmal war das nervig. Oft kam ich mir wie ein Aufpasser vor, der darauf achtete, dass keinem Freund etwas passiert. Das ging weit: Einmal holte ich einem betrunkenen Kumpel das Erbrochene aus dem Mund – aus Angst, er würde ersticken.

Ich war der Einzige, der irgendwann nicht mehr verstand, was die anderen redeten, weil sie sich nicht mehr klar ausdrücken konnten und lallten. Ich war der Einzige, dem es auffiel, wie schlecht die Musik im Club wirklich war.

Doch mit der Zeit gewöhnte ich mich daran. Ich war selbstbewusst, hatte kein Problem damit, dazu zu stehen, dass ich Alkohol ablehne.

Dass ich muslimisch erzogen wurde, löste jedoch zunehmend Gedanken und Zweifel in mir aus. Ich dachte oft über die Frage nach: Wäre mein Leben, die Pubertät anders verlaufen, hätte es die Alkohol-Regel und den stetigen Appell an die Vernunft nicht gegeben?

Hamzi, 29, lebt in Köln

Hamzi, 29, lebt in Köln (Bild: WDR)

Als ich älter wurde, mit 17, entschied ich mich, nicht mehr religiös zu leben.

Ich empfand es nur noch als Zwang, mich an etwas zu halten, das ich zunehmend hinterfragte. Immer hatte ich versucht, es meinen Eltern recht zu machen. Immer wollte ich der gute Sohn sein. Während mein Bruder auch mal betrunken nach Hause kam und dafür Ärger kassierte, rebellierte ich nicht.

Mit dieser Entscheidung änderte sich mein Leben: Ich musste nicht mehr fasten im Ramadan, musste nicht mehr beten, es gab keine Verbote mehr. Und: Ich hätte trinken dürfen.

Meinen Eltern gefiel die Sinneswandlung gar nicht, bis heute kommen sie nicht damit zurecht. Wenn es nach ihnen geht, bedeutet meine Entscheidung, dass Gott nach dem Tod nicht mehr gnädig sein wird mit mir. In ihren Augen lebe ich in einer Schande.

Auch ohne Religion bleibt meine muslimische Erziehung Teil von mir
Hamzi

Ich bleibe dabei – ein religiöses Leben will ich nicht. Doch während ich mich davon verabschiedete, blieb etwas gleich: Ich trinke noch immer keinen Alkohol.

Es ist schwierig zu beschreiben, aber die Tatsache, dass ich nie getrunken habe, ist wie eingemeißelt in mein Gehirn. Alkohol gehörte nie zu mir, und dass er mir immer verboten wurde, hat mich nachhaltig geprägt.

Es ist Teil meiner Persönlichkeit, dem Alkohol fernzubleiben – ich möchte mit dem gesellschaftlichen Druck, bei so vielen Gelegenheiten ein Gläschen zu trinken müssen, nichts zu tun haben.

Es ist Teil meiner Persönlichkeit, nichts zu trinken
Hamzi

Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, die Kontrolle zu verlieren. Und ich weiß nicht, wie es ist, morgens aufzuwachen und die Hälfte des Abends vergessen zu haben. Aber, selbst wenn ich mich manchmal frage, ob ich es wissen will: Ich komme immer wieder zu dem Schluss, dass ich auf Alkohol verzichten will.

Es gibt nach wie vor Situationen, in denen ich gefragt werde, ob ich Lust hätte auf einen Drink. Meine engen Freunde wissen, dass ich nicht trinke, sie haben immer Wasser oder Cola im Kühlschrank, wenn ich zu Besuch komme. Doch es gibt auch immer noch die Partys, auf denen Leute mir Fragen stellen:

Willst du nicht doch mal einen Schluck? Wäre das nicht einfach mal locker?

Ich bin noch immer selbstbewusst, sage klar: Nein. Doch wenn wir das Glas zum Anstoßen heben und sich mein Getränk darin allein schon farblich von den anderen absetzt, bleibt noch immer das alte Gefühl aus der Jugend zurück: "Du bist anders."

Ich kann verstehen, dass viele Menschen durch Alkohol lockerer drauf sind, aus sich rausgehen gehen können. Aber: Wäre es nicht viel schöner, müssten wir alle unsere Stimmung nicht von Trinken oder Nicht-Trinken abhängig machen?

Das würde ich mir wünschen: Dass wir diejenigen, die nicht trinken wollen, nicht als Spielverderber behandeln. Und, dass wir denjenigen, die es trotzdem machen, sagen: Wer meint, mit Alkohol sei im Leben alles viel spaßiger als ohne, sollte sich mal fragen, warum er das so sieht – und wie er sein Leben ohne eigentlich findet.


Grün

Unsere Erde hat gerade den zweitwärmsten Februar überhaupt erlebt

20.03.2017, 08:24

Guten Morgen, Klimawandel!

Die Erderwärmung beschert uns auch in diesem Jahr neue Negativrekorde. Der vergangene Monat war der zweitheißeste Februar seit Beginn der Klimamessung im Jahre 1880. Das haben die Nasa und das Forschungsinstitut NOAA bekannt gegeben.

Demnach lag die Temperatur im Schnitt 1 Grad Celsius über dem Durchschnittswert von 12,1 Grad Celsius. Nur 2016 war der Februar noch wärmer, mit 1,4 Grad Celsius im Schnitt.