Bild: Chiara Cremaschi / CC BY ND

Fühlen

Wie mich mein erster HIV-Test verrückt gemacht hat

07.02.2016, 16:30 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:26

Die Frage "Weißt du's?" quälte mich

Eine junge Krankenschwester begrüßt mich lächelnd. Ihre bedachten Bewegungen strahlen Ruhe und Geborgenheit aus. Trotzdem steigt in mir Angst hoch. Denn ich weiß, das hier wird keine Routine-Untersuchung. Sondern ein Aids-Test.

Ein paar Wochen zuvor.

Es ist 18 Uhr in Hamburg. Ich sitze auf einer abgewetzten Bank in der U2 und starre seit Minuten auf ein Plakat am Fenster. "Weißt du's?" steht dort mit großen Buchstaben. Zwei attraktive nackte Oberkörper sind darauf abgebildet. Doch die Werbung gehört zu einem Thema, bei dem mir die Lust auf Sex vergeht: HIV.

(Bild: dpa / Oliver Berg)

Eine Krankheit, wegen der ich mir bis jetzt keine Sorgen gemacht habe. Viele Male habe ich Poster der deutschen Aids-Hilfe an Barwänden und Bushaltestellen gesehen. Im Kopf habe ich mir die Frage "Weißt du's?" immer so beantwortet: "Nee, weiß ich nicht. Wird aber schon nichts sein". Der nächste Cocktail oder Bus kam, die Gedanken verflogen.

Ich habe seit langem einen Freund. Es ist erst meine zweite Beziehung und selbst als ich Single war, bin ich nicht mit allzu vielen Männern ins Bett gegangen. Trotzdem: Wir waren beide keine Jungfrauen mehr, als wir zusammen kamen, wir hatten beide schon ungeschützten Sex, wir haben beide nie einen HIV-Test gemacht und haben dennoch nach kurzer Zeit nur noch mit Pille verhütet.

Als ich heute zum ersten Mal seit Monaten dieses Plakat wieder sehe, habe ich Pech: Die Gedanken verschwinden nicht. Zu präsent sind die Berichte in Zeitungen und im Fernsehen, dass US-Schauspieler Charlie Sheen HIV-krank ist. Jetzt ist meine Antwort auf die Frage "Weißt du's?" eine andere: "Nein, Mann, ich weiß es nicht." Das macht mir Angst.

Zu Hause angekommen, versuche ich mich zu beruhigen und google HIV und AIDS. Ich lese: Einige Wochen nach der Ansteckung treten häufig diese Symptome auf: Geschwollene Lymphknoten, Gliederschmerzen, Fieber, trockener Husten, Atemnot, Hautausschlag.

Ich frage mich: Hatte ich Fieber, Gliederschmerzen und Husten nicht vor ein paar Wochen? Aber das war doch nur eine Grippe.

Oder?

Auch extreme Müdigkeit kann ein Zeichen für die Ansteckung sein. Mir fällt auf: Ich bin in letzter Zeit oft müde. Ich suche weiter, bis ich irgendwann der festen Überzeugung bin: Ich bin HIV-positiv. Eine von 80.000 Erkrankten in Deutschland.

Den Rest des Abends analysieren wir unser Sexualleben

In der Panik mache ich keinen Unterschied zwischen der Ansteckung mit dem HIV-Virus und der ausgebrochenen Krankheit. In meiner Panik schreibe ich einigen Freundinnen WhatsApp-Nachrichten: "Hast du schon mal einen AIDS-Test gemacht?" Oder: "Verhütest du eigentlich immer? Wegen Aids."

Den Rest des Abends analysieren wir unser Sexleben: "Er ist gar nicht gekommen, da kann eigentlich nichts sein, oder?" Wir scrollen uns durch viele Kommentarseiten auf gutefrage.net. Das beruhigt nicht wirklich. Am Ende sind wir uns einig: Wir sind infiziert und sollten so schnell wie möglich einen Test machen.

Einige Wochen später.

Ich sitze auf einem Stuhl bei CASA blanca, einer Beratungsstelle. Das Zimmer ist sauber und hell eingerichtet, an der Wand hängen Fotos vom Ärzteteam. Es riecht nach Desinfektionsmittel und Raumspray.

Der Termin war schnell gemacht, die nächste Beratungsstelle war bei mir um die Ecke. Niemand hat Geld oder persönliche Daten verlangt. Weder meine Krankenversicherung noch meine Eltern wissen von dem Test.

"Sie brauchen keine Angst haben, das pieckst nur ein bisschen", sagt die Krankenschwester. Ich halte meinen Arm hin und drehe mich weg. Alles scheint professionell, trotzdem rasen meine Gedanken: Ist die Nadel sauber? Kann ich mich hier anstecken?

Von weitem dringt die Stimme der Krankenschwester zu mir: "Verhüten Sie immer mit Kondom? Wie viele Sexualpartner hatten Sie? Haben Sie wechselnde Geschlechtspartner?" Fragen, auf die ich stammelnd antworte. Vor diesem Gespräch hat mich keiner gewarnt.

Im Ernstfall soll man nicht allein sein

Die Zeit zwischen dem Test und dem Ergebnis kommt mir unfassbar lang vor. Acht Tage, in denen ich mir selbst Mut mache.

Wie ein Mantra wiederhole ich in Gedanken die Fakten: HIV-Positive haben inzwischen dank der guten medizinischen Versorgung in Deutschland nahezu die gleiche Lebenserwartung wie nicht Infizierte, wenn sie rechtzeitig und regelmäßig Tabletten schlucken. Sich mit HIV angesteckt zu haben, heißt noch lange nicht, dass die Krankheit ausgebrochen ist.

Endlich klingelt das Telefon: "Frau Herrmann, Ihr Ergebnis ist da."

Ich mache mich auf den Weg, mein Magen fühlt sich flau an. Ich kann verstehen, dass sie mir das Ergebnis nicht am Telefon und auch nicht schriftlich mitteilen wollten. Im Ernstfall soll man nicht allein sein.

Die gleiche Krankenschwester wie beim Test zieht einen Ordner aus dem Regal. Sie blättert die Seiten in Zeitlupe um. Ich denke: "Spuck‘s endlich aus." Endlich klappt sie den Ordner zu, schaut mich an und sagt: "Frau Herrmann, wir haben nichts gefunden."

Alles ist gut.

(Bild: dpa / Bernd Settnik)

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