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28.02.2018, 18:18 · Aktualisiert: 28.02.2018, 19:30

Wir müssen reden.

Wir müssen reden. Über die Rede von Cem Özdemir. Über diesen Wutanfall des Grünen-Politikers gegen die AfD.

Da ist jemand aufgestanden und hat sich Luft gemacht. Da hat jemand auf den Tisch gehauen. Und uns eine Lektion erteilt. Ja, uns allen.

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Wut ist 2018 nicht schick. Wut ist Verlust von Kontrolle und hässlich, ein bisschen dumm, ein bisschen banal. „Wutbürger“ ist kein Kompliment und ein Ausraster nichts, worauf jemand stolz ist. In Zeiten von Yoga, Meditationsapps und Selbstoptimierung ist Wut etwas, das lächerlich und deplatziert wirkt.

Und zum intellektuellen Repertoire gehört sie schon gar nicht, die Wut. Das ist auch verständlich: Einem wütenden Mob Wut entgegenzusetzen, das scheint sinnlos.

Dabei spüren sie doch so viele von uns, diese Wut, wenn wieder jemand aus der AfD Dinge sagt, die wir nie wieder hören wollten.

Wir spüren die Wut, wenn Busse mit Flüchtlingen belagert werden und wenn Menschen andere Menschen verachten für ihre Herkunft oder Religion. Aber wir äußern sie selten laut.

Dabei bin ich wütend.

Ich bin wütend, weil ich nicht glauben kann, dass ein Scheißverein wie die AfD Dinge sagen kann, von denen ich dachte, dass sie nie wieder auch nur in den Köpfen von Menschen stecken sollten. Ich bin wütend, weil ich nicht verstehen kann, wie eine solche Partei Zulauf hat. Ich bin wütend, weil ich große Angst davor habe, wo das alles enden wird.

"Wir müssen reden"

Die wöchentliche Kolumne von Kathrin Weßling. Denn: Wir müssen reden. Über einfach alles. Am meisten aber über die Themen, die gerade aktuell brennen. Das kann ein Shitstorm sein oder eine Liebeserklärung, ein Aufschrei oder ein Kopfschütteln – gesprochen wird über alles, was beschäftigt oder bewegt, nervt oder einfach gerade im Raum steht.

Und ich bin nicht allein mit dieser Wut.

Trotzdem kam es mir manchmal so vor, wenn ich sah, wie ruhig ein ganzes Volk blieb, wenn es um die AfD geht. Wie lange es dauerte, bis sich die ersten trauten, deutlich zu sagen, dass es sich bei dieser Partei um eine handelt, in der Rassismus, Homophobie und Sexismus nicht bloß geduldet werden, sondern Teil des Programms sind. Wie lange wir alle gedacht haben, dass sich das schon von alleine regelt.

Bloß: Wer sollte es regeln, wenn nicht wir alle, gemeinsam?

Ich will nicht in einem Land leben, in dem sich Rassismus, Faschismus und „Das-wird-man-ja-wohl-noch-mal-sagen-dürfen“ zu wiederholen drohen. Und ich glaube fest daran, dass die meisten Menschen in Deutschland das auch nicht wollen, genau so wenig wie die meisten Politiker.

Wir haben lange zugehört und versucht, zu verstehen, was die AfD und ihre Anhänger wollen. Das ist ein Weg, den ich noch immer nicht ausschließe und von dem ich glaube, dass er langfristig vernünftig ist.

Aber kurzfristig ist es ebenso wichtig, die Stimme zu erheben und Rassismus auch Rassismus zu nennen.

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Dabei geht es nicht darum, Wut mit Wut zu bekämpfen, sondern Unmenschlichkeit mit Menschlichkeit zu begegnen.

Es geht darum, zu sagen: Ich möchte nicht, dass ihr einige der wichtigsten Errungenschaften der letzten Jahrzehnte kaputt macht. Ich möchte, dass alle Menschen gleich sind, dass Frauen Frauen heiraten dürfen und dass Flüchtlinge nicht mehr ertrinken. Ich möchte nicht, dass ihr mit eurem Hass alles zerstört, wofür Generationen gekämpft haben.

Ich wünsche mir, dass wir jetzt, genau jetzt alle begreifen, dass es an der Zeit ist, die Stimme zu erheben.

Nicht nur online, nicht nur im Stillen, nicht nur im Freundeskreis.

Ich möchte, dass wir Rassismus weder dulden noch verharmlosen, ich möchte, dass wir alle verstehen, dass eben dieser keine Meinung ist, sondern Unmenschlichkeit und Wahnsinn und dass eine Partei, die menschenfeindlich, inhuman und neofaschistisch ist, keinen Platz mehr hat in unserer Gesellschaft. Ich möchte, dass niemand mehr glauben kann, dass es das ist, was dieses Land will.

Die Zeit für Nachsicht und Ignoranz ist vorbei. Es ist an der Zeit, wütend zu sein und konsequent zu benennen, was die AfD ist und was sie will.

Es ist an der Zeit, wie Cem Özdemir Stellung zu beziehen und sich zu wehren.

Seine Rede ist nicht nur wütend, sie ist auch leidenschaftlich. Sie zeigt, dass da jemand ist, der genau so wenig wie ich akzeptieren will, dass diese Partei und ihre böswilligen Absichten sich durchsetzen kann. Sie zeigt, dass es sich lohnt, die Stimme gegen sie zu erheben und laut zu sein – weil andere uns dann hören. Und merken, dass sie nicht allein sind, mit der Wut.

Worte und Sprache sind das, was wir haben, die mächtigsten Werkzeuge einer zivilisierten Gesellschaft. Es ist Zeit, sie genau dafür einzusetzen.


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