08.12.2017, 18:36 · Aktualisiert: 09.12.2017, 09:49

Hier erzählt er, warum das nicht immer leicht war

Herr Libanon. Diese zwei Worte haben in Raphael das Gefühl geweckt, anders zu sein. Herr Libanon. Der Direktor seiner Grundschule nannte ihn so, im Musikunterricht. Raphael weiß nicht mehr, wann genau das war, dritte oder vierte Klasse. Vor allem weiß er nicht, warum der Lehrer das machte. Er weiß nur, dass danach dieser Gedanke in seinem Kopf war: Bin ich anders als meine Klassenkameraden, meine Freunde, meine Eltern?

Gehöre ich nicht dazu?

Raphael Oehring, 19, wurde im Libanon geboren, in der Nähe von Beirut. Als er acht Wochen alt war, haben ihn seine deutschen Eltern adoptiert. Seine Mutter kommt aus Niederbayern, sein Vater aus Schwaben; aufgewachsen ist Raphael in Aachen.

"Ich wusste immer, dass ich adoptiert bin", sagt Raphael, "meine Eltern haben mich so erzogen." Es gab nicht den einen Moment, wo sie sich auf die Couch setzten und darüber redeten. Genauso wenig gab es den einen Moment, wo Raphael auffiel, dass er vielleicht etwas dunklere Haare hat als seine Eltern oder dunklere Haut. Erstens war der Unterschied früher gar nicht so groß, und zweitens nahm er sich nicht als anders aussehend wahr.

Bis zu dem Moment im Musikunterricht.

Ich wusste immer, dass ich adoptiert bin

"’Herr Libanon’ hat die Auseinandersetzung mit dem Thema Adoption erst ausgelöst", sagt Raphael heute. Er begann, sich Fragen zu stellen: Sehe ich anders aus? Wenn ja, was heißt das? Wie will ich damit umgehen? Muss ich jedem auf die Nase binden, dass ich adoptiert bin? Muss ich mich dafür schämen?

Und noch etwas begann: die Fragen und dummen Kommentare der anderen.

Sie brachten Raphael plötzlich mit Afghanistan in Verbindung, stimmten Lieder an von panzerfahrenden Kindern.

Raphael als Kind

Raphael als Kind

Raphael sagt, dass er als Kind nie im Mittelpunkt stehen wollte. Er erinnert sich, dass ihm der Spruch des Direktors unglaublich peinlich war, dass ihm das Blut in den Kopf schoss, dass er bis zum Ende der Stunde nur auf die Uhr starrte.

Ist es gut für ein Kind, in einem völlig anderen Kulturkreis aufzuwachsen? Hat es in einem reicheren Land automatisch "ein besseres Leben"? Oder wäre es besser, wenn es dort bleibt, wo es geboren wurde, wo alle anderen genauso aussehen? Solche Fragen werden im Zusammenhang mit internationalen Adoptionen immer wieder gestellt.

Wenn man Raphael mit diesen Vorbehalten konfrontiert, sagt er, für ihn sei das eher eine Frage, wie die eigene Gesellschaft mit anders aussehenden Menschen umgehe. "Man sollte aus Angst vor Rassismus oder Diskriminierung Kindern nicht die Chance nehmen, in einem besseren Umfeld aufzuwachsen."

Er sagt auch, dass man sich mit acht Wochen noch keinem Land oder Kulturkreis zugehörig fühlen könne. Und dass er nie das Gefühl gehabt habe, anders zu sein; die einzigen Verweise auf seine Adoption waren für ihn äußerlich.

Ob er mit seinen Eltern über ’Herr Libanon’ redete, weiß Raphael nicht mehr. Er sagt aber, dass er solche Dinge meist mit sich ausgemacht habe; das sei noch heute so. Wenn ihn seine Mitschüler danach auf seine Herkunft ansprachen, antwortete er einfach nicht. "In der Grundschule habe ich das komplett ignoriert."

Auf dem Gymnasium änderte sich das.

"Damals war schon offensichtlich, dass ich nicht deutsch sein kann – also ethnisch deutsch", sagt Raphael. Seine Haut und seine Haare waren dunkler geworden. Also suchte er nach einer Erklärung – und begann, auf die Frage, woher er komme, mit "Spanien" zu antworten. "Darunter konnten sich die Leute mehr vorstellen. Außerdem war es die Zeit, als Spanien sehr gut im Fußball war."

Es fühlte sich ein bisschen an, wie wenn man zum ersten Mal ein Mädchen nach einem Date fragt.

Als Raphael zum ersten Mal bewusst jemandem erzählte, dass er im Libanon geboren und adoptiert wurde, war er schon zwölf alt – und der jemand war sein bester Freund. Raphael erinnert sich, dass er aufgeregt war damals: "Es fühlte sich ein bisschen an, wie wenn man zum ersten Mal ein Mädchen nach einem Date fragt."

Die beiden waren nach der Schule in der Stadt, und irgendwann sprach Raphael es einfach aus. "Da ist mir aufgefallen, dass es überhaupt kein Problem ist, dass sich nichts verändert", sagt er heute. "Später habe ich dann gemerkt, dass es nicht nur kein Problem ist, sondern sogar bereichernd."

Als Raphael älter wurde und sein "arabisches Aussehen immer markanter", so nennt er es selbst, kam es immer wieder vor, dass Mitglieder der arabisch-türkischen Community in Deutschland ihn als einen der ihren wahrnahmen – und positiv diskriminierten: Da war der Dönerverkäufer, der ihm einen Döner schenkte und ihm arabische Kosenamen gab. Oder der Friseur, der für seinen Haarschnitt nur acht Euro verlangte – obwohl er viel länger auf dem Stuhl gesessen hatte als der Kunde vor ihm.

Auslandsadoptionen

Laut Statistischem Bundesamt wurden im vergangenen Jahr 257 ausländische Kinder und Jugendliche im Zusammenhang mit einer Adoption nach Deutschland geholt. Die Zahlen sind seit Jahren rückläufig. 

Das liegt daran, dass immer mehr Staaten dem Haager Adoptionsübereinkommen beitreten. Das verpflichtet sie dazu, elternlose Kinder zunächst im eigenen Land zu vermitteln. Nur wenn das nicht klappt, ist eine internationale Adoption zulässig. 

Das alles kann Zufall sein. Aber für Raphael veränderten diese Momente etwas.

"Aussehen spielt eine Rolle im Umgang von Menschen miteinander. Und anders auszusehen als die Mehrheit ist nichts, was man ändern kann. Aber ich habe gelernt, dass das nicht nur Nachteile hat, sondern dass daraus auch etwas Positives entstehen kann."

Meine deutsche Identität geht nicht verloren, weil ich anders aussehe

Raphael sagt, er habe nie ein Identitätsproblem gehabt.

Für ihn sei immer klar gewesen, dass er Deutscher ist. Daran änderte sich auch mit dieser Erkenntnis nichts: "Meine deutsche Identität geht nicht verloren, weil ich anders aussehe – aber dadurch bekomme ich noch etwas dazu."

Raphael sagt, er habe erlebt, wie es ist, Ausländer in Deutschland zu sein, ständig nach der Herkunft gefragt, auch mal blöd angemacht zu werden – aber eben auch, Teil einer Gemeinschaft zu sein. Das alles sehe er als Bereicherung.

Ich bin in der einzigartigen Position, dass ich sowohl Deutscher als auch Araber bin und diese beiden Gruppen zusammenführen kann.

Als Raphael 14 Jahre alt war, zog die Familie für vier Jahre nach Jordanien, wo sein Vater für eine deutsche Stiftung arbeitete. Raphael lernte Arabisch, setzte sich mit der Kultur auseinander. Als er Motivationsschreiben für Unis verfasste, betonte er seine besondere Geschichte.

Jetzt studiert er im dritten Semester Politologie in Glasgow. Dort ist er im Vorstand von Amnesty International, hält Vorträge über religiöse Verfolgung im Nahen Osten.

Raphael möchte interkulturellen Dialog fördern, und da könnten ihm seine Erfahrungen helfen, glaubt er. Er glaubt sogar, dass aus seiner Geschichte eine Verantwortung entstehe – eine Verantwortung, die in der aktuellen Flüchtlingssituation besonders groß ist: "Ich bin in der einzigartigen Position, dass ich sowohl Deutscher als auch Araber bin und diese beiden Gruppen zusammenführen kann."

Anderssein, das hat Raphael gelernt, ist etwas, das man nicht verstecken, sondern stolz vor sich hertragen sollte.


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