Fühlen

Kirmes im Kopf: Wie es ist, als Erwachsener mit ADHS zu leben

13.10.2016, 16:40 · Aktualisiert: 13.10.2016, 17:33

Fast jeder kennt diesen einen Menschen, der immer ziemlich chaotisch wirkt, oft unaufmerksam, vergesslich, ziemlich aufgedreht oder nervtötend verträumt. Aber was, wenn man selber dieser eine ist? Über ein Leben mit ADHS.

Wenn ich Menschen erzähle, dass ich ADHS habe, passieren zwei Dinge: Sie fragen, was das sein soll. Oder sie sagen: Ach so, na ja, das merkt man ja eh sofort. Die zweite Reaktion ist mir lieber.

Weil ich dann nicht erläutern muss, wie es ist, eine Krankheit zu haben, die so viele Gesichter hat, dass sie schwer zu erklären ist – und am Ende doch fast immer gleich dargestellt wird: der Zappelphilipp, der kleine Junge, der sich nicht benehmen kann.

Der Schwede Erik Rosenlund macht genau diesen Fehler in seinem Kurzfilm "Falling Letters" nicht. Er produzierte das Video schon Anfang des Jahres für das schwedische Fernsehen (Facebook), es wird aber jetzt wieder geteilt. Auch wenn der Film großartig ist, zeigt er – wie so oft: einen kleinen Jungen. Keinen erwachsenen Mann, keine alte Frau.

Wie also soll ich erklären, dass alles ganz anders ist, dass ADHS keine Jungenkrankheit ist, kein Kinderkram, der schon mit ein bisschen Sport wieder weggeht? Vielleicht ja so:

I´m on fire

In meinem Kopf ist eine Starkstromleitung: Ich bin immer "on", immer getrieben. Ich denke nicht linear, nicht einen Gedanken, ich denke auf 40 Ebenen gleichzeitig, Kirmes im Kopf, und im Körper, der nicht ruhig wird, egal, wie sehr ich ihn auslaste.

Ich rede zu schnell, ich sage zu oft impulsartig, was ich denke. Ich vergesse Dinge und Menschen. Ich habe kein Zeitgefühl, für mich ist immer "jetzt gerade" und "immer", ich verliere ziemlich häufig Bücher, Geld, die Fassung.

Ich bin das, was man eine "Chaotin" nennt. Aber nicht auf die niedliche Art, sondern auf die, die für andere sehr anstrengend sein kann. Für mich selbst ist es nicht anstrengend. Es ist die Hölle.

Selbsthass, Selbsthass, Selbsthass

Die meisten Erwachsenen, bei denen ADHS nicht schon in der Kindheit behandelt wurde, leiden wie ich extrem lange und ohne zu wissen, was mit ihnen los ist. Am meisten jedoch leiden wir nicht unter uns selbst, sondern darunter, "anders" zu sein.

Nicht selten werden wir für dumm, faul oder egozentrisch gehalten. Ständiges Zuspätkommen? Respektlosigkeit. Unkonzentriertheit? Faulheit. Und die Sache mit der Anspannung? Einfach mal Yoga machen und sich nicht so anstellen, Mäuschen.

Ich saß schließlich mit 31 völlig ausgebrannt und verzweifelt bei einer Diagnostikerin, die unablässig den Kopf schüttelte, weil doch eigentlich alles klar war. Ich bin eine typische ADHSlerin – und eben doch nicht.

Denn bei Frauen wird die Erkrankung oft noch später (oder gar nicht) diagnostiziert – weil Mädchen früh lernen, die so krankheitstypische Impulsivität und Unruhe nach innen zu richten.

Das Resultat? Selbsthass, Selbsthass, Selbsthass. Aber nicht nur Frauen beginnen irgendwann, sich selber zu verachten. Ich kenne keinen ADHSler, der nicht irgendwann Depressionen, Panikattacken oder Zwänge, Essstörungen oder Süchte entwickelt hat. Denn keiner von uns will so sein. Wir alle haben einen qualvollen Weg des Selbsthasses hinter uns und Tausende Versuche, doch irgendwie besser zu funktionieren.

Mein Leben ist jetzt nicht einfacher – aber leichter

Es gibt seit meiner Diagnose keinen Tag, der einfacher gewesen wäre, als ohne dieses Wissen. Ich verzweifle noch immer an Zeitmanagement und Schlaflosigkeit (fast alle ADHSler leider unter massiven Schlafstörungen), am Chaos in meinem Kopf, an der Wut auf mich selbst, wenn ich mich stundenlang für eine bekloppte Idee begeistern kann, aber Monate brauche, um ein Formular auszufüllen.

Woran ich mittlerweile seltener verzweifle: an den Schuldgefühlen.

Entschuldigung, dass ich die E-Mail vergessen habe.
Entschuldigung, dass ich zu spät bin.
Entschuldigung, dass ich anrufe und vergessen habe, was ich sagen wollte.
Tut mir leid, dass ich so anstrengend bin.
Tut mir auch leid, dass ich dich belaste.
Tut mir leid, wie ich bin.
Sorry, sorry, sorry.

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Ich habe mich millionenfach für mich selbst entschuldigt. Weil ich gelernt habe, dass ich irgendwie "komisch" bin und "falsch" und dass ich nicht so sein sollte, weil das nicht okay für die anderen ist. Aber ich höre langsam damit auf. Und das ist gut so, denn:

Ich bin die eine Person, die jeder kennt, die Chaoskönigin.

Aber ich bin auch die eine, die sich begeistern kann wie sonst kaum jemand.

Ich bin die, die mutig ist und wild und frei und stark und stolz. In der Lage, hochkonzentriert zu arbeiten, wenn mir sinnvoll erscheint, was ich tue.

Mit mir wird man wohl niemals entspannt zwei Tage im Bett bleiben oder sich genüsslich langweilen. Aber das ist – Entschuldigung – zum Glück ja nicht mehr mein Problem.

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