Fühlen

Luisa hat abgetrieben: "Es war die einsamste Entscheidung, die ich treffen musste"

05.12.2017, 10:24 · Aktualisiert: 06.12.2017, 22:14

Scheiße, scheiße, scheiße. Luisa* zittert. Sie hat gerade in ein Töpfchen gepinkelt, den Schwangerschaftstest hineingesteckt. Der Urin klettert den Teststreifen immer weiter nach oben, er saugt sich voll, nach 30 Sekunden hält er im positiven Bereich an. Luisa ist schwanger. Scheiße. Scheiße. Scheiße.

Wenn sie an diesen Montag im November zurückdenkt, fangen ihre Hände wieder an zu zittern. Wie vor einem Jahr. 29 ist sie damals, hat gerade das Biologie-Studium beendet und ist frisch verliebt. Tobias kennt sie seit einem Dreivierteljahr. Er sitzt in der Küche und wartet, Luisa geht zu ihm, die beiden nehmen sich in den Arm.

Ohne dass sie etwas sagt, weiß er Bescheid.

Luisa weint nicht, Luisa zweifelt nicht, Luisa ruft bei ihrem Gynäkologen an, macht einen Termin noch für den gleichen Tag. "Mir war sofort klar, ich will es nicht haben", erinnert sich Luisa heute. "Kind" will sie nicht sagen. "Zellhaufen" trifft es für sie besser. "Mehr war das nicht."

Mehr als 98.700 Frauen haben im vergangenen Jahr in Deutschland abgetrieben, Luisa ist eine von ihnen. (Statistisches Bundesamt)

Wie trifft man so eine wichtige Entscheidung? Wer begleitet eine Frau auf diesem Weg dahin? Darüber diskutiert Deutschland wieder vermehrt, seit ein Gericht die Frauenärztin Kristina Hänel verurteilte. Sie hatte auf ihrer Webseite über Schwangerschaftsabbrüche informiert. Der Paragraf 219a verbietet genau das. (bento)

Es geht um die Frage: Ist das noch Information oder schon Werbung? Und wie gut werden Frauen in Deutschland über Abtreibungen aufgeklärt und in dieser Zeit begleitet?

Wer Luisa zuhört, der lernt, wie einsam dieser Weg bis jetzt ist.

Als Luisa zu ihrem Gynäkologen geht, ist die Schwangerschaft noch ganz frisch. Luisa hat täglich ihre Temperatur gemessen und so ihren Zyklus kontrolliert, doch irgendwas muss schief gegangen sein. Vielleicht war es Fieber.

Tobias und Luisa hatten Sex. An einem falschen Tag – zumindest für sie.

Der Arzt kann auf dem Ultraschall noch nichts erkennen. "Sie merken wirklich schon etwas?", fragt er. Luisa fühlt sich nicht ernst genommen. Sie hat Verstopfung, ihre Brüste schmerzen, ihr ist übel, der Test war positiv, für sie ist da kein Zweifel. "Ich will abtreiben", sagt sie ihm. Der Arzt ignoriert ihre Wünsche: "Überlegen Sie sich das noch einmal in Ruhe."

So sieht derzeit die Gesetzeslage in Deutschland aus:

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In zehn Tagen soll sie wiederkommen, dann könne er erneut einen Ultraschall machen, sicherstellen, dass es sich nicht um eine Eileiterschwangerschaft handelt. Er gibt ihr eine Überweisung zum Beratungstermin und den Hinweis, sie könne trotzdem schon einmal Folsäure nehmen, falls sie es doch behalten wolle.

Luisa nimmt keine Folsäure, sie geht nach Hause, trinkt eine halbe Flasche Wein, raucht weiter ihre Zigaretten.

Sie hätten das mit einem Kind schon irgendwie hinbekommen, da ist sie sich sicher. Tobias hätte zu ihr gehalten, das Geld hätte schon irgendwie gereicht. Trotzdem: Ein Leben zu dritt, das konnten sie sich einfach noch nicht vorstellen. Arbeiten, Karriere machen, Reisen – ohne auf jemanden Rücksicht nehmen zu müssen. "Es war eine bewusste Entscheidung zum Alleinsein", sagt Luisa.

Wann darf ein Schwangerschaftsabbruch vorgenommen werden?

Wer nicht aus medizinischen Gründen eine Schwangerschaft abbrechen muss, muss zuvor eine gesetzlich vorgeschriebene Schwangerschaftskonfliktberatung wahrnehmen. Außerdem müssen verschiedene Bedingungen erfüllt werden:

  • Seit der Befruchtung dürfen nicht mehr als zwölf Wochen vergangen sein.
  • Es muss eine Beratungsbescheinigung ausgestellt werden. 
  • Der Abbruch erfolgt frühestens am vierten Tag nach Abschluss der Beratung.
  • Der Abbruch wird von einer Ärztin oder einem Arzt durchgeführt.

Drei Tage später gehen sie und Tobias zu dem Beratungstermin bei Pro Familia. "Wie immer in schwierigen Situationen bin ich einfach wahnsinnig organisiert und ruhig", sagt sie. Sofort beginnt Luisa der Frau gegenüber Gründe zu nennen, warum sie nicht schwanger sein will. Die Beraterin unterbricht sie: "Sie müssen das nicht tun. Sie können mir das alles erzählen, aber Sie müssen es nicht." Luisa zuckt zurück.

"Zum ersten Mal habe ich verstanden, dass ich keine Hexe bin, keine grausame Frau, keine Kindsmörderin", sagt Luisa. Die Frau erklärt ihr den Unterschied zwischen einem medikamentösen Abbruch und einer OP. Dann gehen Tobias und Luisa mit einer Bescheinigung nach Hause, fühlen sich frei. Sie dürfen zu zweit bleiben.

Es wird der einzig gute Moment in dieser Zeit bleiben.

Beim nächsten Termin bestätigt der Frauenarzt ihre Schwangerschaft. Luisa hat auf dem Untersuchungsstuhl Platz genommen, der Arzt kreist mit dem Ultraschallgerät in ihrem Unterleib. Zuvor hatte sie ihn extra darum geben, ihr nicht die Aufnahme zu zeigen. Er tut es trotzdem. Ein Foto wie ein Schlag ins Gesicht.

Luisa bricht die Behandlung ab. Sie will nur schnell noch einmal den Kontakt zur Abtreibungsklinik, dann verlässt sie die Praxis. "Ich wollte nicht sehen, was da ist. Auch wenn es nur Apfelkern große Zellen waren", sagt Luisa. Keine Bindung aufbauen. In dieser Zeit berührt Luisa nicht einmal ihren Bauch, auch in den Spiegel kann sie kaum blicken.

Diesen Bogen musste Luisa vor dem Abbruch ausfüllen.

Diesen Bogen musste Luisa vor dem Abbruch ausfüllen. (Bild: bento)

Luisa fühlt sich allein. Ihre Eltern wissen nichts von ihrem Vorhaben, sie wissen generell nicht viel aus Luisas Leben. Auch ihr Arzt versteht Luisa nicht. Sie hat gerade nur ihre zwei Freundinnen, denen sie sich öffnet – und klar, da ist Tobias. Trotzdem sagt Luisa: "Es ist die einsamste Entscheidung, die du treffen musst." Egal, was Tobias gewollt hätte – sie habe am Ende ganz allein über sich und die gemeinsame Zukunft entscheiden müssen.

Wenn Luisa von den kommenden Tagen erzählt, fängt ihre Stimme wieder an zu zittern, sie kramt nach den Zigaretten. Gerade in der Zeit, in der sie medizinische Unterstützung am dringendsten benötigt hätte, bekommt sie sie nicht. Die Praxis, die der Arzt ihr genannt hat, hat keinen Termin für sie. Erst kurz vor der zwölften Schwangerschaftswoche, es ist Luisa zu spät.

Sie fängt an, im Internet nach weiteren Praxen zu suchen. Sie hätte sich das lieber erspart.

Aber sie hat zu viele Fragen – und niemanden, der ihr antwortet. Die "Informationsdefizitsituation", wie Luisa es nennt, treibt sie in Foren. Foren, in denen Frauen als Mörderinnen beschimpft werden. Foren, in denen Horrorszenarien von Abtreibungen geschildert werden. Foren, in denen Bilder von abgetriebenen Föten nach der zwölften Woche gezeigt werden. Luisa sieht das Bild noch genau vor sich, zeigt wie groß der kleine Mensch mit Armen und Beinen schon auf dem Foto war.

Sie schüttelt den Kopf, das Bild soll aus ihren Gedanken verschwinden.

Luisa sucht weiter und stößt schließlich auf eine österreichische Homepage, die Ärzte in Berlin empfiehlt. Für Luisa beginnt jetzt ein Telefonmarathon. Bestimmt bei einem Dutzend Ärzten ruft sie an, eine Woche lang. Bei einigen lehnt man ab, bei anderen vertröstet man sie, so schnell sind keine Termine zu bekommen. Sie weint, lässt sich von Tobias trösten. Auch er fühlt sich hilflos in dieser Zeit, sagt Luisa.

Er hätte ihr so gern geholfen, aber wie?

Dann meldet sich die erste Praxis doch noch zurück. Luisa darf eher zu einem Termin kommen.

Es ist ein Freitag, sie wird den Tag nie vergessen. Luisa sitzt im Wartezimmer. Es riecht hier nach Erleichterung, aber auch nach Angst. Gerade hat sie das Infoblatt über die Risiken unterschreiben.

Jetzt wartet sie darauf, die Tabletten zu schlucken – unter ärztlicher Aufsicht. Es kann zu starken Blutungen kommen, im schlimmsten Fall muss ihre Gebärmutter entfernt werden. Das kommt selten vor. Trotzdem kann Luisa gerade nur daran denken. Eine Freundin ist in diesem Moment an ihrer Seite, sie sprechen über den Job, den nächsten Urlaub.

Zehn weitere Tage blutet Luisa, dann ist der "Zellhaufen" aus ihrem Körper.

Doch die Erleichterung kommt nicht. Stattdessen ist da nur noch Schwere in ihrem Leben. In den kommenden Wochen stellt Luisa alles in Frage: Ihren Beruf, ihre Freunde, Tobias. Sie will die Tage am liebsten nur im Bett verbringen. Was ist mit ihr los? Wieder recherchiert Luisa im Internet und findet heraus: Wie auch nach einer Geburt können bei Abtreibungen Depressionen auftreten. Niemand hatte sie darauf vorbereitet.

Heute fragt sich Luisa, wie andere Frauen mit einem Schwangerschaftsabbruch umgehen. Was tun Frauen, die sich die Behandlung für mehrere hundert Euro nicht leisten können? Die den Hass in Foren nicht verkraften? Die an der Suche nach dem richtigen Arzt, der richtigen Klinik verzweifeln? Wie kann es sein, dass eine österreichische Webseite besser über deutsche Ärzte informiert als eine landeseigene? Wie geht es denen, die keine Unterstützung von Freunden und dem Partner bekommen? Die Gedanken machen sie wütend.

Heute fühlt sich das Leben mit Tobias und ihr – zu zweit – gut an. "Ich bin heute noch gelassener, denn ich kann viel besser auf mich selbst hören und weiß, dass ich die Kraft habe, schwierige Entscheidungen durchzusetzen."

Luisa bereut nichts.

Wenn sie und Tobias heute Paare mit jungen Kindern sehen, sehen sie auch sich. Ja, sie wollen Kinder.

Nicht jetzt. Irgendwann.

*Luisa heißt eigentlich anders und hat auch nicht Biologie studiert, für diesen Text möchte sie aber lieber anonym bleiben.


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