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Fühlen

Warum es okay ist, Freitagabend zu Hause zu bleiben

04.03.2016, 16:25 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:28

Sag alles ab!

Montagmorgen

Du schwörst dir, dass dieses Mal alles anders wird. Mal wieder. Du wirst das nächste Wochenende nicht bis elf Uhr schlafen und fernsehen. Du wirst rausgehen und Mensch sein. Menschen sehen! Mit ihnen sprechen und lachen und all das unternehmen, was sich vollwertige Mitglieder der Gesellschaft unter Freizeitgestaltung vorstellen.

Deine Freundin Katharina schreibt dir auf Facebook, weil sie am Freitag gerne feiern möchte. In eine Bar will sie gehen, vorher, und danach in den Club. Du freust dich, ihr habt euch länger nicht gesehen. Und sagst zu. Freitagabend, das kriegt ihr bestimmt hin.

Erwartung kontra Realität

Dein Wochenende ist für Freunde reserviert. Für Eierspeise in der Lieblings-WG, grundloses Umherstreifen auf organisierten Haushaltsauflösungen und Parties, die um vier Uhr morgens anfangen. Am Wochenende, da soll das Leben gefälligst bunt sein und aufregend und bitte auf gar keinen Fall so, wie es die Leistungsgesellschaft für verantwortungsvolle Erwachsene in Zweizimmerwohnungen vorgesehen hat.

Eine nette Idee, an deren Umsetzung nicht nur Berufseinsteiger und Dual-Studierende verzweifeln.

Es gibt eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Sich dem sozialen Druck zu stellen, oder zuhause zu bleiben.

Oft fällt es dir schwer, zu deinen Bedürfnissen zu stehen. Deinem Gegenüber klarzumachen, dass du deinen Feierabend am liebsten im Bett verbringt. Was ist schon schlimm daran, fragst du dich.

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Darf ich vorstellen? Das sind Dienstag, Mittwoch und Donnerstag

Drei volle Tage liegen zwischen der Wochenendutopie und der leidigen Realität - du hast Lebensmitteleinkäufe und andere soziale Verpflichtungen von deiner To-Do-Liste zu streichen. Du schreibst eine Hausarbeit über Peter den Großen, arbeitest die Hälfte des Tages in der Kanzlei, klärst den neuen Mietvertrag und bäckst eine Pannacotta-Tarte für den Geburtstag deiner Mutter.

Freitagabend willst du eigentlich nur das eine: Schlafen.

In einer Parallelwelt möchte die muntere Version deiner selbst die Verabredung mit Katharina einhalten, um deine Freundin nicht zu verletzen. Leider wird dir beim Gedanken an Alkohol und stundenlanges Anstehen in der Clubschlange richtig übel. Zeit zu zweit kann man auch anders verbringen, redest du es schön. Trotz der Gewissheit: Für ausführliche Gespräche fehlt dir schlicht der Elan. Du fragst dich, was mit dir schon wieder nicht normal ist. Wie schafft man es, abzuwägen, was gut für einen ist?

Alles muss, nichts geht

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Wer den ganzen Tag über mit Menschen zu tun hat, fühlt sich abends besonders ausgelaugt, erklärt Horst Heidbrink, er forscht an der Fernuniversität Hagen zu Freundschaften. Wir alle haben nur begrenzte Ressourcen. Während manche hervorragend entspannen können, wenn sie unter Leuten sind, finden andere genau das anstrengend. Auch unter der Woche.

Du musst dir eingestehen, dass du genauso schlapp wie deine kinderlosen Freunde in den Dreißigern geworden bist, die dir bei jedem Besuch erstmal einen Kaffee mit Sojamilch anstelle eines Gin Tonics anbieten. Und findest das ziemlich okay.

Freitag ist dein Endgegner

Nachdem du vergangene Woche alles für andere und zu wenig für dich selbst gegeben hast, schreit dein Körper nach Self-Care. Verabredungen, das schwörst du dir, schließt du künftig keinen Tag früher als nötig.

Forscher Heidbrink rät, aus seinem eigenen Verhalten zu lernen. Wer seine Termine nicht einhält, sollte auch keine Verpflichtungen eingehen, sondern lieber ungefähre Angaben machen: "Ich möchte kommen, kann es aber nicht versprechen" ist eine Variante, die für manche Freundschafts-Paare funktioniert. Für andere bedeutet das auf lange Sicht das Ende.

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Freundschaften sollten im Bezug auf Geben und Nehmen möglichst ausbalanciert sein. Auch in Bezug auf Nähe und Distanz. Wenn jemand von dir viel mehr Nähe und Kontakt haben möchte, als du bereit bist zu geben, kommt eine Beziehung außer Balance.

Du kennst die Theorie, das Dilemma gilt es auszubaden.

Jetzt.

Mit müden Augen in einer Kneipe sitzen und über die aktuellen Krisenherde der Gesellschaft zu philosophieren, ist keine Option. Das weißt du und überlegst, eine Ausrede zu erfinden.

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Wenn du vorgibst, keine Zeit zu haben, kann sich der andere immer noch ausmalen, dass du wichtigere Dinge zu tun hättest: “Die muss noch arbeiten, etwas Sinnvolles tun!” Sozial akzeptierte Ersatztätigkeiten eignen sich dafür besonders gut.

Wer absagt, so Forscher Heidbrink, versetzt sich am besten in die Situation der Freundin oder des Bekannten. “Ich brauche Zeit für mich selber” heißt ja genau genommen: Ich bin lieber alleine als mit dir zusammen. Das interpretieren viele als Abwertung.

Du hast also die Wahl zwischen einem lustlosen Auftritt deinerseits und einer Lüge. Lügen, das möchtest du nicht. Es wäre dir auch nicht recht, würde man dich in letzter Sekunde mit einer überstrapazierten Floskel abspeisen, die das Unausgesprochene nur allzu offensichtlich verdeutlicht.

Mühe sollte man sich geben, rät der Freundschaftsexperte. Und dem anderen genau vermitteln, wieso man absagt. Es geht nicht darum, zu lügen, sondern bei einer Absage nicht unfreundlich zu sein.

Self-Care ist keine Ausrede

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Du entscheidest also, ehrlich zu sein. Statt mit Katharina abzuhängen, wirst du dir die Zehennägel lackieren. Dein Verhalten findest du abstoßend, zu allem Überfluss geht es dir gut dabei.

Du bist eine schlechte, aber immerhin ehrliche Freundin! Wer möchte schon unzuverlässige Freunde haben, die sich nur dann melden, wenn es ihnen passt? Die am Tag selbst absagen, ohne todkrank zu sein. Todkrank sein, ja, das wäre ein plausibler Grund, nicht zu kommen. Oder wenn der eigene Freund ins Krankenhaus muss.

Aber das Bedürfnis “mit sich selbst” zu sein? Viel zu oft hast du das Gefühl, dich wegen deiner eigenen Unlust rechtfertigen zu müssen. Wenig wunderlich, wenn man bedenkt, dass wir in einer Gesellschaft großwerden, in der maximale Bespaßung mit maximalem Exzess gleichgesetzt wird.

Später

Du rufst Katharina an und Katharina ist erleichtert. Deine Freundin war die Hälfte der Woche in London, um einen Auftrag vorzubereiten und hat genauso wenig Bock wie du, heute Abend in einer verrauchten Kneipe über Billigweißwein zu sitzen.

Sie ist dir nicht böse.

Denn wider den gängigen Annahmen langweilen sich die meisten Menschen nicht, wenn sie den Luxus genießen, auch mal einen Abend mit der neuen Staffel Big Bang Theory zu verbringen.

Lass uns Freunde sein

Wie man mit Absagen umgeht, hängt auch vom Grat der Freundschaft ab. Bei engeren Freundschaften weiß man eher, in welcher Situation sich der andere gerade befindet und versucht, Verständnis dafür aufzubringen. Bei lockeren Bekanntschaften sieht das anders aus. Laut Heidbrink ist es beinahe unmöglich, all die losen Verbindungen bis ins späte Erwachsenenalter mitzunehmen. Vorausschauender ist es, in Freundschaften zu investieren, die bestehen und an denen einem viel liegt. Dann macht es auch Sinn, eine Beziehung über unterschiedliche Lebenssituationen hinwegzuretten.

In Zukunft

(Bild: Yağmur Adam / Flickr.com / cc by-sa)

Du beschließt, deine Freunde in Zukunft vorzuwarnen, wenn es mal stressiger wird. Du akzeptierst, dass du nicht immer funktionieren musst. Die wenige freie Zeit darfst du verdammt nochmal so verbringen, wie es dir passt.

Wer seine Freunde nicht vergraulen – und ab und an sogar dabei haben will – setzt auf Spontanität. Trotzdem sollten wir uns viel öfters bewusst machen, dass Self-Care weder Ausrede noch Nebenbeschäftigung ist.

Wir sollten diese Zeit als Erholung von den vielen Anforderungen begreifen, die beruflich und privat an uns gestellt werden. Das Interesse, sich auch mal mit sich selbst zu beschäftigen, ist also absolut legitim. Nur wer seine eigenen Bedürfnisse kennt und nicht ständig versucht, lediglich die der anderen zu befriedigen, kann ein guter Freund sein.

Wer weiß. Vielleicht klappt’s dann wieder mit dem Feiern bei Katharina.

Nächstes Wochenende.

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Beste Freunde für immer