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Wie die App Jodel Deutschlands Unis erobert

01.10.2015, 05:44 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:20

Jodel ist aktuell der Hype an deutschen Unis. Wir haben die Macher getroffen.

Manchmal brainstormen die Macher von Jodel abends noch schnell beim Zähneputzen. Alessio, Alex, Niklas und Tim arbeiten nämlich nicht nur im selben Start-up, sie wohnen auch zusammen. Ihre Unterkunft nennen sie die "Alpen-WG" – passend zum Namen ihrer App. Wie in einer Jungs-WG geht es auch im Office in Berlin Prenzlauer Berg zu. Neun Personen arbeiten da mittlerweile. Zur Begrüßung gibt es einen Handschlag mit Umarmung. An den Füßen trägt das komplette Team Adiletten. Die Socken bleiben natürlich an.

Wie in einer WG: Den Pflanzen im Jodel-Office geht es nicht so gut

Wie in einer WG: Den Pflanzen im Jodel-Office geht es nicht so gut (Bild: bento)

Jodel verbreitet sich derzeit rasant an den Unis. Studenten tauschen sich auf dem Campus über die App aus. Sie posten Sprüche und Fotos. Den Content sehen dann alle Leute, die sich im Umkreis von maximal zehn Kilometern befinden. Häufig wird Jodel deshalb mit einer Klowand verglichen, auf die man was draufschmiert, während man gerade auf dem Klo sitzt. Das haben sich die Macher selber eingebrockt. Sie selbst haben den Slogan anfangs erfunden, um mehr Aufmerksamkeit von Redaktionen zu bekommen. Mittlerweile bereuen sie das.

Was besonders ist an Jodel: Die Nutzer posten vollständig anonym. Man hat also einen Haufen Leute, die sich alle ungefähr am selben Ort befinden, aber nicht wissen, wer da eigentlich gerade schreibt. Besonders gute Posts können upgevotet werden, auch eine Kommentarfunktion gibt es. Und wer besonders aktiv ist, kann Karma sammeln. Das war’s.

So sieht die App Jodel aus

So sieht die App Jodel aus (Bild: Screenshot Jodel)

Die Macher halten die App ganz bewusst sehr einfach. Und das kommt an: Über 600.000 Mal wurde Jodel bereits runtergeladen. Vor allem in Deutschland und Schweden gibt es viele Nutzer.

Und der Erfolg kommt nicht von ungefähr: In den USA sind anonyme Messenger schon länger beliebt. Bestes Beispiel: Yik Yak. In weniger als zwei Jahren hat die App den US-Markt überrollt. Mehrere Millionen junge Leute an über tausend Universitäten schreiben dort mittlerweile regelmäßig über Yik Yak.

Alessio Avellan Borgmeyer, CEO von Jodel

Alessio Avellan Borgmeyer, CEO von Jodel (Bild: bento)

Alessio muss sich häufig anhören, dass Jodel nur eine Kopie des großen US-Bruders sei. Er widerspricht dem. Denn er ist selbst schon seit August 2013 im Markt der anonymen Messenger unterwegs. Damals noch mit der App tellM. In der sollten Freunde miteinander schreiben können – also wie in einer WhatsApp-Gruppe, nur anonym. In Gesprächen mit Nutzern fand Alessio heraus, dass der Ansatz falsch war: "Die Leute haben gesagt, dass es ihnen eigentlich egal ist, ob die Nachrichten von Freunden oder Fremden kommen. Ihnen ist wichtiger, dass viel passiert." 

tellM zündete nicht. Alessios drei Mitgründer stiegen aus. Das war im Sommer 2014. Es war eine schwere Zeit für Alessio. Er hatte Selbstzweifel: "Bin ich jetzt der Blöde, der dran festhält und nicht loslassen kann, oder ist da wirklich noch eine Chance?" Alessio entschied sich dazu, allein weiterzumachen.

Denn an den Ansatz des anonymen Messengers glaubte der 24-Jährige noch immer. Gemeinsam mit seinem neuen Team bastelte er tellM zu einer neuen App mit neuen Funktionen um: Jodel. Die wichtigste Veränderung war der Fokus aufs Lokale. "Das hat sich ganz natürlich aus unseren Erfahrungen mit tellM entwickelt", sagt Alessio. "Wenn Leute Jodel als Kopie von Yik Yak ansehen, ist es mir aber auch egal."

Jodel vs. Yik Yak: Das Prinzip ist gleich, aber Jodel ist bunter

Jodel vs. Yik Yak: Das Prinzip ist gleich, aber Jodel ist bunter (Bild: Jodel / Yik Yak)

Wie viele von den 600.000, die sich seine App runtergeladen haben, regelmäßig bei Jodel aktiv sind, verrät Alessio nicht. Was er aber sagen kann: Besonders in Göttingen, Passau und Mannheim ist die App verbreitet. Und in Aachen, wo Alessio im Oktober 2014 seine App launchte.

Zuvor hatte er dort mehrere Jahre an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule (RWTH) Wirtschaftsingenieurwesen studiert. Alessio weiß also, wovon er redet, wenn er Aachen "eine Pimmelstadt" nennt. Zwei Drittel der RWTH-Studenten sind Männer. In einzelnen Fakultäten geht das Verhältnis noch weiter auseinander: Im "Maschinenwesen" kommen auf 10.596 Studenten 1.481 Studentinnen.

Dementsprechend fällt auch der Humor der Aachener Jodel-Community aus. Untenrum-Witze treffen auf Lloret-de-Mar-Humor. Das hier ist der bisher beliebteste Jodel im Umkreis der Aachener RWTH:

Sexismus ist auf dem männerdominierten Campus in Aachen offenbar akzeptiert. Alessio sagt es weniger hart: "In Aachen ist das Thema Frauenmangel immer sehr präsent."

Noch schlimmer war ein Vorfall an der Uni Göttingen im vergangenen Juli. Dort wurde eine Dozentin über die App sexuell belästigt. "Wer es schafft, die flachzulegen, bekommt den Bachelor geschenkt", jodelte ein Unbekannter. Und das war nur einer von mehreren Fällen. Die Universität stellte Anzeige gegen unbekannt. Das bestätigt Uni-Pressesprecher Romas Bielke. Rausgekommen sei dabei bisher noch nichts. Was besser geholfen hat: Die Rechtsabteilung der Uni kontaktierte die Betreiber von Jodel direkt. "Die waren sehr kooperativ und schlossen die entsprechenden Nutzer aus. Seitdem hat es unseres Wissens nach keine Vorfälle mehr gegeben.", sagt Bielke. "Wollen wir hoffen, dass das so bleibt."

Das hoffen auch Alessio und seine Mitarbeiter. In ihren zehn Jodel-Geboten, die jeder Neu-Jodler akzeptieren muss, positionieren sie sich strikt gegen beleidigende, anstößige oder belästigende Beiträge. Wenn jemand dagegen verstößt, bekämpfen sie die Mobbing-Inhalte mit eigenen Moderatoren – und mithilfe der Community. Ab einer gewissen Anzahl an Downvotes verschwindet ein Post aus dem Feed. Zusätzlich kann jeder Nutzer Jodel melden und von den Moderatoren prüfen lassen. "Wir achten sehr stark darauf, dass die Anonymität nicht als Deckmantel für Beleidigungen missbraucht wird", sagt Alessio.

Und meistens klappt das auch. Jodel ist keine Hass-App. Die Nutzer sind kein Hassmob, der sich den ganzen Tag gegenseitig beleidigt. Im Gegenteil: Fast alle Jodel sind sehr harmlos. Immer wieder sind auch wirklich lustige Sprüche unter den Posts.

Die Anonymität der Nutzer ist also nicht nur gefährlich. Sie sorgt auch dafür, dass Jodel nicht so arg langweilig ist, wie Facebook, Instagram und Co. es oft sind. Jodel ist frei von gephotoshoppten Reisebildern. Und es sind weniger Selbstdarsteller unterwegs. Denn auf die Größe der Followerschaft kommt es nicht an: "Bei 'Jodel' hat jeder die gleiche Crowd und die gleiche Chance, Aufmerksamkeit auf seinen Content zu bekommen", sagt Alessio.

Man schreibt einfach das, was man gerade denkt – ohne Angst haben zu müssen, dass der Chef mitliest. Das ist manchmal unlustig. Manchmal genial. Meistens irgendwo dazwischen. Manche nutzen die App sogar für die Partnersuche und Partyverabredungen. Ein Jodler hat die App zum News-Dienst umfunktioniert und einen Jodelservice etabliert. Jeden Morgen um 9 Uhr postet er das Wetter, eine Mensaempfehlung und wie voll die Bib gerade ist. 

In diesem Herbst soll Jodel den Norden Deutschlands erobern. Da ist sie noch nicht so verbreitet. "Tschuuuiii" – Alessio imitiert eine Rakete, als er erklärt, wie es so weitergehen soll. "Es kann jeden Tag sein, dass unser Unternehmen plötzlich vor dem Abgrund steht. Aber es kann eben auch sein, dass wir so – Tschuuuiii – durch die Decke rasen!" Dabei streckt er seine Arme nach oben. Ein wenig so wie es Usain Bolt macht, wenn er mal wieder am schnellsten gerannt ist.

(Bild: bento)

An der Wand des Großraumbüros hängt ein Plakat mit den Namen aller Mitarbeiter des Start-ups. Daneben eine zweite Spalte. In der steht, was die Person machen muss, wenn die Marke von einer Million Downloads geknackt ist. Alessio bekommt dann eine neue Frisur: einen Prollo-Vokuhila im New-Kids-Style. Bei Jodel würde es dafür sicherlich viele Upvotes geben.

Am Ende ein paar Zeilen zu Yik Yak

Auf dem Logo von Yik Yak glotzt ein Yak – ein wild lebendes Rind, das auch Grunzochse genannt wird. Das passt. 

Am 6. November 2013 ging der anonyme Messenger in den App Store. Schon wenige Monate nach dem Launch waren mehr als 100.000 Downloads erreicht. Mittlerweile sind es weitaus mehr. Allein die Zahl der regelmäßig aktiven Nutzer liegt bei mehreren Millionen. So viele waren es laut dem Wirtschaftsportal Business Insider zumindest im März 2015. 

Die App der Gründer Tyler Droll und Brooks Buffington verselbstständigte sich – teilweise auf eine sehr unschöne und widerliche Weise. Viele Nutzer missbrauchen die Anonymität, um Leute in ihrem Umkreis zu mobben. Ein Beispiel: Der Fall von Elizabeth Long. Die hatte gerade einen Suizidversuch hinter sich, als sich Yik Yak an ihrer Schule verbreitete. Sie musste in der App unter anderem folgendes lesen: „Elizabeth Long needs to stop bitching about how she almost killed herself and go ahead and do it.“ Das sagte sie dem Business Insider.

Bei Jodel läuft bisher dagegen alles einigermaßen friedlich ab. Und gerade arbeiten die Macher an einer neuen Technologie, um solche Vorfälle noch effektiver verhindern zu können.