Tech

Mehr Bildung = weniger Social Media. Jedenfalls in Deutschland

26.11.2015, 20:11 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:23

Worum geht es?

Um eine Grafik, die von der Organisation for Economic Co-operation and Development (OECD) auf Twitter veröffentlicht wurde. Sie zeigt: Menschen mit höherem Bildungsstand nutzen in Deutschland seltener Social Media. In den anderen untersuchten Ländern ist meist das genaue Gegenteil der Fall.

Die Daten stammen von Eurostat und wurden bereits im Jahr 2014 erhoben. "Gebildet" sind für die Forscher alle mit einem Fachhochschul- oder Universitätsstudium. "Ungebildet" ist man ohne Schulabschluss sowie mit Haupt- oder Realschulabschluss. Diese Einteilung ist in der Forschung völlig üblich.

Demnach nutzen in Deutschland 42 aller Gebildeten Social Media, 58 verzichten lieber. Von allen Ungebildeten nutzen 51 Prozent Social Media. In Deutschland ist der Unterschied am deutlichsten. Zwar ist auch in Dänemark und der Schweiz die Tendenz ähnlich. Aber dort nutzen "gebildete" und "ungebildete" Menschen praktisch genauso häufig soziale Medien.

In allen anderen untersuchten Ländern ist der Trend umgekehrt.

Was bedeutet das?

Über die Gründe geben die Zahlen keine Auskunft. Gut möglich, dass es in höheren Bildungsschichten eine weit verbreitete Internet-Angst gibt. Oder die Angebote der klassischen Medien sind so vielfältig, dass viele keine alternative Informationsquelle für nötig halten. In Ländern mit zensierter oder drangsalierter Presse finden sich viele Informationen erst im Internet. Aber das sind eben nur Spekulationen.

Aus den Zahlen einen Rückzug der gebildeten Deutschen aus den sozialen Netzwerken zu lesen, wäre wohl übertrieben. Der Unterschied zu Ländern wie der Türkei ist dennoch sehr deutlich.

  • Eine Momentaufnahme sind die Ergebnisse auch nicht. Schon 2011 und 2013 zeichnete sich in Deutschland der gleiche Trend ab, auch damals stachen die Zahlen für Deutschland heraus.
  • Auffällig ist der Unterschied zwischen den Ländern im Süden Europas und den Ländern, die eher nördlich liegen. In der Türkei, Griechenland und Portugal ist der Unterschied zwischen "Gebildeten" und "Ungebildeten" am größten. In vielen nordischen Ländern ist er eher gering.
  • Wichtigstes Ergebnis aber: Die deutschen Daten sind so ungewöhnlich, weil unter den studierten Deutschen so wenige Social-Media-Nutzer sind. 42 Prozent sind das geringste Ergebnis aller untersuchten Länder. Der Anteil der Social-Media-Nutzer unter den ungebildeten Deutschen liegt im internationalen Vergleich im Mittelfeld.

Wie sieht es in den USA aus?

Die generelle Tendenz ist kein europäisches Phänomen. Auch in den USA gilt: Gebildete Menschen nutzen eher Social Media als Ungebildete, das zeigen Daten des Pew Research Centers von 2015: 54 Prozent der Highschool-Absolventen nutzen Social Media, unter den College-Absolventen sind es 76 Prozent.

Umso rätselhafter erscheint die Zurückhaltung der gebildeten Deutschen.

Was bedeutet das für den Online-Diskurs?

Wer sich aufgrund dieses Trends nun Sorgen um den politischen Online-Diskurs macht, sollte sich einen anderen Teil der Untersuchung anschauen: Eurostat hat 2013 auch untersucht, wer politische oder gesellschaftlich relevante Dinge auf Blogs oder in sozialen Netzwerken verbreitet. Auch hier sticht Deutschland heraus.

  • 11 Prozent der Deutschen mit niedriger Bildung,
  • 10 Prozent der Deutschen mit mittlerer Bildung,
  • 12 Prozent der Deutschen mit hoher Bildung

posten politische oder gesellschaftlich relevante Dinge. Der Anteil in den drei Gruppen ist also fast gleich. 

Nur in Dänemark und Norwegen ist das auch nur annähernd ähnlich. Im Rest der Länder ist ein klarer Trend erkennbar: Je höher der Bildungsgrad, desto eher posten die Leute politische oder gesellschaftlich relevante Dinge.

In den Niederlanden posten beispielsweise 6 Prozent der Menschen mit niedrigem Bildungsgrad solche Dinge, aber 42 Prozent der Studierten.