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Auf Snapchat gibt es Hilfe bei häuslicher Gewalt

20.03.2016, 17:46 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:29

In Indien können sich Teenager an einen Snapchat-Account wenden

Snapchat ist vor allem für alberne Fotofilter wie Hundeschnauzen bekannt, für kurzweilige Tagebucheinträge – und nicht unbedingt für politisch relevante Inhalte. Wozu etwas senden, das ohnehin wieder verschwindet? Ausgerechnet die App mit den Nachrichten und Videos, die nach ein paar Sekunden wieder verschwinden, soll Jugendlichen dabei helfen über ihre Erfahrungen mit häuslicher Gewalt zu sprechen. "lovedoctordotin" heißt der Account, an den sich Teenager in Indien wenden können. So funktioniert der Service:

Im Chat können Betroffene mit geschultem Personal über ihre Ängste sprechen und eine erste Beratung via Snapchat in Anspruch nehmen. Zusätzlich sendet der Account Bilder und Videos an seine Follower, die wie gewöhnlich 24 Stunden sichtbar bleiben. Sie sollen die Opfer häuslicher Gewalt dazu ermutigen, sich an Freunde, Verwandte oder Institutionen zu wenden – um der Situation ein Ende zu setzen.

Wer steckt hinter dem Account?

Am 8. März wurde der Account von einem Inder und zwei Inderinnen gelauncht. Durchschnittlich werden sie bereits täglich von 8 Menschen kontaktiert. 200 Menschen verfolgen die Stories, die auf Snapchat publiziert werden, erzählt Rajshekar Patil der Nachrichtenseite Tech in Asia.

Der Unternehmer lebt in Mumbai und arbeitet eng mit Apples Kreativagentur TBWA/Media Arts Lab zusammen. Bei seinem Projekt hat er Unterstützung von Avani Parekh und Nida Sheriff erhalten. Avani ist Gründerin der Website www.lovedoctor.in und dem WhatsApp-Service LoveDoctor. Nida setzt sich auf Chayn India für Frauenrechte ein.

Alle drei hoffen darauf, dass ihr Snapchat-Account auf das Tabu-Thema aufmerksam macht und jungen Menschen dabei hilft, sich von ihren Peinigern zu emanzipieren. Mehr als 90 Prozent aller Jugendlicher, die in Indien Gewalt innerhalb einer Liebesbeziehung erleben, melden dies nicht den Behörden.

"Snoop on my heart, not my phone"

Gewalt innerhalb einer Liebesbeziehung sei unter indischen Teenagern besonders häufig, erzählen sie. Die Betroffenen seien zu eingeschüchtert, um mit jemandem über diese Ereignisse zu sprechen. Fotos senden oder darüber chatten könnten sie nicht, da ihre Telefone oftmals von den Partnern kontrolliert würden. Nicht selten wüssten sie auch über E-Mail-Passwörter Bescheid.

Hier kommt die Snapchat-Funktion ins Spiel. Das Feature, das Nachrichten nach ein paar Sekunden verschwinden lässt, eignet sich ideal für die Hotline. Gründer Raj ist vom Potential der App begeistert. Bis zu 8 Milliarden Videos sehen Snapchat-User pro Tag.

Immer wieder haben ihm Freunde von schmerzhaften Erfahrungen innerhalb ihrer eigenen Beziehungen erzählt. Raj wollte die technologischen Errungenschaften als Chance begreifen, um selbst etwas zur sozialen Innovation beizutragen.

Wie läuft die Beratung ab?

Teenager können ihre Erfahrungen direkt mit dem “lovedoctordotin”-Account teilen. Avani hört zu, berät und koordiniert die Betreuung. Sie informiert die Jungen und Mädchen darüber, wo die Grenze zwischen Liebe und Besessenheit liegt. So gibt es beispielsweise auf der Website Chayn India einen downloadbaren Guide zu Missbrauch innerhalb Beziehungen und Stalking.

"After moving to India and starting LoveDoctor, I saw that a lot of the violence in relationships was normalized and part of what we consider to be ‘true love,’ like possessiveness, is among major red flags of abuse," so Avani zu Tech in Asia.

“lovedoctordotin” bietet im Grunde eine mitfühlende Beratung für all jene, die Fragen haben. Auch außerhalb Indiens. Die drei Inhaber des Accounts wollen Antworten auf die Sorgen liefern, die Menschen nicht mit ihren Freunden oder Familien teilen möchten. Was die Betroffenen im Endeffekt tun, bleibt selbstverständlich ihnen überlassen. Dennoch: Wenn eine Beziehung nicht "gesund" klingt, zögert "lovedoctordotin" nicht, die Dinge beim Namen zu nennen und auch auf rechtliche Möglichkeiten aufmerksam zu machen.

Wichtig sei vor allem der Datenschutz und die Geheimhaltung der Identität der Betroffenen, sagen sie. Insbesondere für jene, die sich noch in Missbrauchsbeziehungen befinden.

Dienste wie “lovedoctordotin” sind eine weitere niederschwellige Alternative zu staatlichen Institutionen und bieten für Betroffenen eine erste Anlaufstelle. Von zu Hause aus.