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Wie Memes unsere Kommunikation verändern

01.08.2016, 17:07 · Aktualisiert: 01.08.2016, 17:07

"One does not simply take over the Internet!"

Der 10. September 2007 sollte das Internet nachhaltig prägen. Ein junger Blogger aus den USA lud an diesem Tag ein YouTube-Video hoch, in dem er Britney Spears verteidigte.

Leave Britney Alone!

Die Sängerin hatte nach ihrem Auftritt bei den MTV Video Music Awards Kritik einstecken müssen: Die Choreografie zum Song "Gimme More" sei amateurhaft, ihr Körper nicht fit genug. Chris Crocker weinte und schrie den Clip hindurch, Britney doch bitte in Ruhe zu lassen – nach all dem, was sie durchmachen musste.

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Das Video wurde innerhalb der ersten 24 Stunden mehr als zwei Millionen Mal angesehen. Es folgten Videos, in denen User Crocker imitierten. Aber auch Remixe, wie dieser hier mit dem Titel "Spongebob".

A meme was born.

Auf "Leave Britney Alone" folgten "Star Wars Kid", "Nyan Cat" und "Gangnam Style" .

Psys Gesellschaftskritik wurde zu einem Phänomen, das weit über die Grenzen Südkoreas hinausreichte. Der Tanz, der an das Reiten eines Pferdes erinnert, fand rund um die Welt Nachahmer. Mit "Romney Style" und "Arab Style" kreierten Nutzer Imitationen des zum damaligen Zeitpunkt (2012) meistgesehensten YouTube-Clips.

Fest steht: Memes verkörpern den Kern des Web 2.0.

Die großen Fragen wurden hingegen bis heute nicht vollständig geklärt: Warum ziehen manche Videos, Fotos und deren Imitationen Millionen von Zuschauern an? Warum fühlen sich Menschen dazu veranlasst, Inhalte nachzuahmen, die andere erzeugt haben? Antworten findest du hier.

1. Wie verändern Memes unsere Kommunikation?

Auf den ersten Blick scheinen Memes triviale und banale Artefakte zu sein, tatsächlich bilden sie gesellschaftliche und kulturelle Diskussionen ab. Was oder wer regt gerade auf? Welches Statement ist der Spruch des Tages? Memes tragen als Teil der Internetkultur dazu bei, gemeinsame Normen und Werte zu schaffen.

Dies passiert vor allem dann, wenn ein Meme in der eigenen Timeline geshared wird. Ganz unterschwellig, mit einem kleinen Bildchen, schwappen so aktuelle politische Nachrichten und Debatten in unsere Feeds. Selbst jene können sich beteiligen, die nicht täglich eine Stunde Zeitungslektüre im Tagesablauf reservieren und über alle Hintergründe und Akteure bestens Bescheid wissen.

Denn sobald ein Meme besonders häufig in den Timelines auftaucht, können sich Nutzer sicher sein: "Ich darf das teilen." Dazu müssen sie ein Gefühl oder Ereignis nicht einmal selbst in Worte fassen. Ein Klick reicht völlig. So tragen Memes auch dazu bei, seine eigene Meinung zu bilden und anderen mitzuteilen.

2. Warum lieben wir Memes so sehr?

Einerseits zeigen User, die ein selbstgemachtes Video oder ein mit Photoshop bearbeitetes Bild hochladen, dass sie digitale Kompetenz besitzen, einzigartig und kreativ sind. Wer ein Meme teilt oder darauf Bezug nimmt, zeigt andererseits auch, welcher Community er sich zugehörig fühlt, Tumblr zum Beispiel.

Wir leben in einer Zeit, in der nahezu jedes große öffentliche Ereignis einen Strom von Memes hervorruft. Dadurch prägen Memes beinahe unbemerkt einige der wichtigsten Ereignisse unserer Zeit. Sie sind für das Verständnis der digitalen Kultur unabdingbar geworden. So findet man auf Seiten wie knowyourmeme oder memecenter eine eigene Putin und Merkel Abteilung.

Im Slider: Die besten Putin-Memes

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Unvergessen bleibt so zum Beispiel Angela Merkels Satz, den sie 2013 bei einer Pressekonferenz zu Prism und der NSA fallen ließ: "Das Internet ist für uns alle Neuland."

Wir sind Teil des Internets.

Wenn wir Memes wie diese bei Facebook posten, verbreiten wir damit eine kulturelle Einheit und drücken zugleich unser Empfinden dazu aus.

Wir als Nutzer möchten etwas in Umlauf bringen, das uns Freude oder Ärger bereitet hat, ohne uns dabei mit einem eigenen politischen Statement angreifbar zu machen.

Teilen, Imitieren, Remixen sind zu bedeutsamen Pfeilern der Partizipationskultur geworden. Ein Bestandteil dessen, was von einem "digital kompetenten" Netzbürger erwartet wird.

3. Wem nützen Memes noch?

Manche Videos werden bereits vorab so strukturiert, dass sie sich leicht nachahmen lassen – eine Chance, in der Aufmerksamkeitsökonomie von YouTube, Facebook oder Twitter erfolgreich zu sein.

Dieses Prinzip ist auch Teil von Kampagnen, die politische Parteien oder Aktivisten führen.

Wenn zahlreiche User eine Botschaft verbreiten, zum Beispiel das Motto der Occupy-Wall-Street-Bewegung "Wir sind die 99 Prozent!", ist es wahrscheinlich, dass auch Massenmedien über dieses Thema berichten.

4. Woher kommt der Begriff "Meme" überhaupt?

Das Wort "Meme" leitet sich vom griechischen Wort mimema ab, das "etwas Nachgeahmtes" bedeutet. Der Begriff wurde 1976 vom Biologen Richard Dawkins geprägt und so abgekürzt, dass er sich auf "Gen" reimt.

Der Forscher definiert Memes als kleine Einheiten des kulturellen Erbes, analog zu Genen, die durch Kopie oder Imitation von Mensch zu Mensch weitergegeben werden. 2014 hat Limor Shifman den Begriff in ihrem Buch "Meme: Kunst, Kultur und Politik im digitalen Zeitalter" weiterentwickelt:

"Ein Internetmem ist eine Gruppe digitaler Einheiten, die gemeinsame Eigenschaften im Inhalt, in der Form und/oder der Haltung aufweisen; die in bewusster Auseinandersetzung mit anderen Memen erzeugt und von vielen Nutzern über das Internet verbreitet, imitiert oder transformiert wurden."

Auf 4chan, Reddit und Tumblr laden und besprechen Nutzer täglich unzählige Memes. Zwei amerikanischen Forschern, Michele Knobel und Colin Lankshear zu Folge, verwenden Internetnutzer das Wort "Mem", um die rasche Aufnahme und Verbreitung einer Idee in Form eines Textes oder Bildes zu beschreiben. Den Rest, so hoffen die Nutzer, erledigt das Internet von selbst.

5. Wie entstehen Memes?

Das lässt sich anhand des Beispiels von "Charlie Bit my Finger" erklären:

  1. Irgendjemand lädt ein Video auf YouTube hoch, in dem ein Baby seinem Bruder in den Finger beißt.
  2. Jemand macht einen Screenshot und ersetzt den großen Bruder im zweiten Schritt durch einen Filmcharakter – in diesem Fall König Leonidas aus "300" (Transformation).
  3. Im dritten Schritt, der Nachahmung, wird die Szene nachgestellt und neu inszeniert (Imitation).

Im Web herrschen zwei Mechanismen zur Neuverpackung vor: Nachahmung und Remix. Bei der Nachahmung wird etwas "noch einmal getan" – ein bestimmter Text wird von anderen Menschen und/oder mit anderen Mitteln neu erschaffen.

Beim Remixen wird ein Bild mit Photoshop bearbeitet oder ein neuer Soundtrack hinzugefügt.

Die Forscherin Limor Shifman kommt zu dem Schluss, dass das memetische Potential von Fotos höher ist, wenn das ursprüngliche Foto bearbeitet wurde. Es verleitet so zu weiteren Bearbeitungen und kreativen Modifikationen.

Im Slider: Variationen von "One does not simply"

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Wer mehr wissen will, dem empfehlen wir das Buch von Limor Shifman "Meme. Kunst, Kultur und Politik im digitalen Zeitalter", erschienen bei Edition Suhrkamp.


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"Hier könnte ein Nazi hängen": Darf ich da lachen?

01.08.2016, 16:53 · Aktualisiert: 01.08.2016, 16:59

Ich habe gelacht. Weil Nazis angeprangert werden. Das freut mich schon mal prinzipiell. Außerdem habe ich gelacht, weil es ein derber Witz war. Derbe Witze mag ich. Für mich steht das neue Wahlplakat von "Die Partei Treptow/Köpenick" für gelungene Satire.

Was so zum Lachen ist? Dieser Spruch: "Hier könnte ein Nazi hängen." Mit diesem Slogan wirbt die Partei "Die Partei" im Wahlkampf um Sitze im Berliner Abgeordnetenhaus. Das Plakat hängt offenbar an Lichtmasten in der Hauptstadt. Am 18. September findet die Wahl statt, seit Sonntag darf plakatiert werden.