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Was das erste deutsche Dschihad-Magazin Terroristen beibringen will

03.03.2016, 16:55 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:28

"Kybernetiq" ist genauso absurd wie gefährlich.

Der Feind liest mit. Bleibe wachsam und unterschätze ihn nicht." Dazu US-Soldaten, die auf Bildschirme starren. Die Messlatte liegt also gleich zur ersten Ausgabe hoch: CIA, NSA, Pentagon – sie alle sind hinter dir her. Die Warnung stammt aus "Kybernetiq", einem neuen Webmagazin, das sich auf Online-Sicherheit für Dschihadisten spezialisiert. Die erste Ausgabe kursiert seit einigen Wochen im Netz, der Verfassungsschutz hat es bereits im Blick.

Dass Dschihadisten im Netz hochprofessionell gestaltete Magazine vertreiben, ist nicht neu. Was aber "Kybernetiq" einzigartig und für den Verfassungsschutz interessant macht: Es ist das erste deutschsprachige Dschihad-Magazin.

Fotostrecke: Was im Magazin steht

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Die Ausgabe orientiert sich in ihrer Aufmachung an den "Branchengrößen": Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) vertreibt seit einigen Jahren das mehrsprachige "Dabiq", das Netzwerk al-Qaida veröffentlicht auf Englisch das Magazin "Inspire". Beide Magazine werden in unregelmäßigen Abständen als PDF-Download im Netz angeboten, sind umfangreich bebildert und bieten Texte mit einer Mischung aus Kriegspropaganda und Koran-Zitaten neben Bomben-Bauanleitungen.

"Kybernetig" sieht optisch ähnlich aus. Auf dem Cover wird eine Patronenhülse neben einem USB-Stick hochgehalten (Thema: "Werde zum Albtraum der Geheimdienste"), im Heft stehen Infoboxen und sprachliche holprige Sicherheitshinweise ("Unbedachtes Klicken [...] kann dazu fördern deine Identität zu enttarnen!") neben islamischen Sprüchen. Am Ende wartet ein "islamischer Sci-Fi Roman" als Fortsetzungsgeschichte.

Moderne Technik für rückständige Islamisten

Dschihadisten träumen von einem Kampf aller Muslime gegen die restliche, in ihren Augen "ungläubige", Welt. Die meisten Muslime lehnen diese radikale Sicht auf den Islam ab und leben in Frieden. Sie gehören zu den häufigsten Opfern islamistischen Terrors.

Doch auch wenn Dschihadisten mit ihrer Sicht auf die Welt ziemlich gestrig sind, zum Erreichen ihrer Ziele greifen sie gerne auf moderne technische Mittel zurück. Die Macher von "Kybernetiq" geben das selbst zu: "Wir Muslime finden uns in der Rolle der Rückständigen wieder, während dazu geneigt wird, die Fortschritte der Ungläubigen zu verteufeln." Das Magazin soll daher den Umgang mit Technik vertraut machen.

Titelbild von "Kybernetiq"

Titelbild von "Kybernetiq"

Lieber SexyBunny94 statt AbuUsamah007

Ein paar Kostproben:

  • "Sucht euch neutrale Nicknames aus oder benutzt reale Namen von Ungläubigen." Der Nickname SexyBunny94 sei zum Beispiel unauffälliger als AbuUsamah007.
  • "Ein Smartphone ist nichts anderes als eine Wanze, welche man freiwillig mit sich trägt." Das Heft empfiehlt daher Verschlüsselungsdienste für E-Mails wie GnuPG.

Der Verfassungsschutz hat das Magazin im Blick. Es sei "handwerklich sehr ordentlich", sagte eine Sprecherin. "Erstmal sind hier die gängigen Verschlüsselungstricks an einer Stelle auf Deutsch gebündelt." Durch die professionelle Aufmachung "könne das konspirative Verhalten deutscher Salafisten zunehmen".

Wer genau dahinter steckt – und vor allem wie viele – könne man beim Verfassungsschutz aber noch nicht beurteilen. Dazu müsse man auch abwarten, ob regelmäßig neue Ausgaben erscheinen, so die Sprecherin.

Sichtbar wird im Heft nur ein Autor, der sich iMujahid nennt. Von ihm stammt die Titelgeschichte, die insgesamt acht von 15 Heftseiten einnimmt. Unter dem Vorwort posiert ein junger Mann mit Sturmhaube im Totenkopf-Design. "Kybernetiq" könnte also weniger eine Plattform deutscher Islamisten als vielmehr das Ergebnis eines einzigen Dschihad-Nerds sein. Auf jeden Fall kennen sich der/die Redakteur/e sowohl mit Cyber Security wie mit islamischer Theologie gut aus.

Ist "Kybernetig" gefährlich?

Nicht direkt. "Kybernetiq" ist weniger radikal als andere Dschihad-Magazine, ruft nicht zu Gewalttaten auf und zeigt auch keine blutigen Bilder. Hauptziel ist nicht Propaganda, sondern Verschleierung. Aber gerade das Fehlen der radikalen Bilder macht das Heft dennoch gefährlich: Staatsfeinde und Salafisten können sich mit den Tipps wie kleine Spione fühlen. Dschihadisten können die Tipps nutzen, um sich unerkannt in den IS-Territorien zu bewegen. Der Hass wird hier zum "Katz- und Mausspiel". Die mordende Praxis, die hinter der islamistischen Ideologie steckt, ist in dem Tech-Magazin kaum sichtbar.

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