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Bild: Flickr/Duncan C

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Die "Just Not Sorry"-App will Frauen das Entschuldigen abgewöhnen

07.01.2016, 11:25 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:25

Auf einem Treffen erfolgreicher Geschäftsfrauen stellte Tami Reiss fest: Alle haben dasselbe Problem. Sie nutzten ständig Wörter, die ihre Autorität untergraben. Das sollte aufhören. Reiss erfand dafür eine App: die "Just Not Sorry"-App. Die einen feiern sie als feministisches Tool, die anderen kritisieren.

Im Interview spricht Tami Reiss über die Kritik, eigene Ausrutscher und starke Frauen, die sich schlecht verkaufen.

Entschuldigen wir uns zu oft?

Menschen haben Angst davor, direkt zu sein. Aber wenn du eine Führungsposition ausfüllen möchtest, dann ist direkte Kommunikation oft sehr viel effektiver. Dabei geht es nicht nur um unnötige Entschuldigungen, sondern auch um Wörter wie "Ich denke", "nur" oder "eigentlich". Wir verwenden sie ständig. Aber sie mindern die Stärke unserer Botschaft.

Ein Beispiel?

Wenn dir jemand etwas schuldet, dann kannst du einfach danach fragen. Du brauchst keine lange Einführung wie "Ich denke" oder "Eigentlich wäre es ja sinnvoll". Und wenn du etwas erklärst, brauchst du danach nicht zu fragen: "Macht das Sinn?" oder "War das verständlich?"

Frauen relativieren ihre Fähigkeiten häufig durch ihre Ausdrucksweise
Tami Reiss

Du hast vor Kurzem die "Just not sorry"-App herausgebracht. Bisher gibt es sie nur auf Englisch. Wie funktioniert sie?

Tippt man die Wörter "Just", "Sorry", "Actually", "I Think", "I’m no expert" und "Does this make sense?" in eine E-Mail, dann unterstreicht die App diese Wörter rot. So, als wären sie falsch geschrieben. Fährt man mit der Maus über die markierten Wörter, erklärt die App mit Zitaten bekannter Frauen, warum das Wort deine Botschaft untergräbt.

Auch Männer entschuldigen sich. Warum richtet sich die App vor allem an Frauen?

Natürlich sollen auch Männer die App benutzen. Auch von ihnen haben wir begeisterte Reaktionen bekommen. Die App richtet sich aber besonders an weibliche Gründer und Führungskräfte, weil wir wissen, dass sie es am meisten brauchen. Unter Frauen ist die Verwendung dieser Wörter verbreitet wie eine Seuche. Sie relativieren ihre Fähigkeiten häufig durch ihre Ausdrucksweise.

(Bild: Cyrus Innovation)

Wer ist Tami Reiss?

Tami Reiss, 33, lebt in New York. Sie ist Chefin des Softwareunternehmens Cyrus Innovation und leitet ein 18-köpfiges Team. Die Firma berät und entwickelt Lösungen in Fragen der agilen Softwareentwicklung. Zuvor war Reiss Produktmanagerin bei Pivotal Labs.

Die "Just Not Sorry"-App ist eine App für Gmail. Bisher ist sie nur für Google Chrome und auf Englisch erhältlich.

Die Idee für die App hattest du bei einem Treffen der "Liga der außergewöhnlichen Frauen", einem exklusiven Kreis erfolgreicher Unternehmerinnen. Wieso gerade dort?

Dort hat sich eine Gruppe starker, intelligenter und talentierter Frauen getroffen. Sie sprachen alle darüber, wie sie versuchen, unnötige "Justs" und "Sorrys" aus ihrem Vokabular zu streichen - in E-Mails wie in Gesprächen. Ihnen ist das Problem bewusst. Ich hatte dort den Einfall für die einfache E-Mail-Erweiterung. Als ich sie einer Freundin erklärte, die neben mir saß, war sie begeistert.

In welchen Situationen hast du dich selbst schon beim Kleinmachen erwischt?

Ich habe in diesem Jahr in verschiedenen Ländern Vorträge darüber gehalten, warum jeder Mensch ein Wissenschaftler sein sollte. Später habe ich mir die Videos angeschaut. Es gibt in jedem Vortrag vier oder fünf Stellen, an denen ich frage: "Macht das Sinn?" Ich habe gar keinen Grund, das zu fragen. Ich stehe vor 200 Menschen, die gekommen sind, um mir zuzuhören. Und ich weiß, dass Sinn macht, was ich sage. Aber in Situationen, in denen ich unsicher bin, kommen diese Wörter einfach aus meinem Mund.

So sieht die App aus:

(Bild: Annika Leister)

In welchen E-Mails hast du die meisten verbotenen Wörter benutzt?

In zwei Situationen: Im Verkauf, beim E-Mail-Verkehr mit potentiellen Kunden zum Beispiel. Und in der Kommunikation mit meinem Team. Im Verkauf haben "nur" und "eigentlich" absolut nichts verloren. Sie schwächen die eigene Verhandlungsposition. Dort streiche ich sie zu 100 Prozent aus meinen E-Mails.

Und im Umgang mit Arbeitskollegen?

Da lasse ich Relativierungen wie "Ich denke" manchmal stehen. Ich manage als Nicht-Technikerin ein Team von Technikern. Und ich will als CEO nicht zu einschüchternd wirken. Mit einem "Ich denke" zeige ich: Das ist meine Meinung. Und ich schätze eure.

Männer glauben seltener als Frauen, sich entschuldigen zu müssen.
Tami Reiss

Gibt es andere Fehler in der geschäftlichen Kommunikation, die du häufig bei Frauen beobachtest?

Anstatt mit dem Wesentlichen zu beginnen, erzählen Frauen oft zu viele Geschichten. Die Hintergrundgeschichte ist natürlich wichtig – aber sie interessiert nur wenige Menschen. Und die fragen nach. Schneller zum Punkt zu kommen, wäre oft besser.

Kannst du dich an Momente aus der Kindheit erinnern, in denen Entschuldigungen und Zurückhaltung honoriert wurden?

An der Wand in meinem Kinderzimmer hing der Spruch: "Es ist sehr viel eindrucksvoller, wenn andere deine Fähigkeiten ohne deine Hilfe entdecken". Ein großer Teil meiner Kindheit war darauf ausgerichtet, dass ich lernte, gemeinschaftlicher zu sein, anderen zuzuhören und ihren Ansichten Platz einzuräumen.

Glaubst du, als Junge wäre das anders gelaufen?

Ich weiß es nicht. Vielleicht sind es Rollenbilder, vielleicht Vorveranlagung. Ich weiß nur: Männer glauben seltener als Frauen, sich entschuldigen zu müssen. Ich hoffe, jemand findet heraus, warum das so ist.

(Bild: Annika Leister)

Schauspielerin Jennifer Lawrence hat kürzlich in einem Essay geschildert, wie sie ihre Meinung in einem Meeting schlicht und direkt äußerte – und von ihrem Arbeitskollegen als beleidigend und aggressiv wahrgenommen wurde.

Leider ist das die Realität. Und das ist sehr, sehr traurig. Eine Studie hat zum Beispiel Leistungsbeurteilungen untersucht und herausgefunden, dass Frauen schneller als aggressiv und zickig eingestuft werden. Es ist eine Verzerrung in unseren Köpfen. Wichtig ist, dass sich immer mehr Menschen dessen bewusst werden. Gleichzeitig müssen wir als Frauen realisieren, dass es nicht produktiv ist, uns dem zu beugen und uns klein zu machen.

Wie reagieren deine E-Mail-Empfänger, seit du die App nutzt?

Das ist sehr schwer zu analysieren. Ich habe aber das Gefühl, dass wir mehr positive Reaktionen bekommen. Vor allem hat die App mein eigenes Bewusstsein geschärft: Ich streiche die Wörter, wenn ich chatte und korrigiere mich, wenn ich spreche.

Die Autorin Jessica Grose kritisierte die App heftig. Sie verweist auf Fallbeispiele der Linguistin Deborah Tannen, in denen die Verwendung einer weicheren Sprache dazu geführt hat, dass Frauen in der Zusammenarbeit ebenso erfolgreich waren wie Männer – oder sogar noch erfolgreicher. Löscht die App vielleicht diese angebliche Geheimwaffe, nicht das Problem der Frauen?

Die App schafft Bewusstsein. Sie löscht die Wörter nicht, sie markiert sie. So können Männer und Frauen selbst entscheiden, ob sie entschuldigend wirken möchten oder die Wörter unabsichtlich verwendet haben und sie lieber entfernen.

Kann das ständige Markieren der Wörter nicht auch dazu führen, dass Nutzer noch unsicherer werden?

Hoffentlich nicht. Aber wir wissen es nicht mit Sicherheit.

(Bild: Annika Leister)

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