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Eine Actioncam macht noch kein aufregendes Leben

18.07.2017, 10:50 · Aktualisiert: 18.07.2017, 13:25

Isabel aus Kanada wirkte eigentlich ganz nett. Ich hatte die 21-Jährige mit den blauen Augen vor wenigen Minuten am Strand kennen gelernt, wir wollten beide auf dieselbe Schnorcheltour. Wir unterhielten uns darüber, ob wir Rochen oder sogar Riesenschildkröten sehen würden – aber Isabel schien in unserem Gespräch nicht ganz bei der Sache. Sie schaute sich ständig suchend um. 

Als ich sie danach fragte, erklärte sie aufgeregt: "Wir müssen uns mit jemanden anfreunden, der eine GoPro hat, damit wir coole Bilder von uns beim Schnorcheln bekommen!" Spätestens da war mir klar, dass zurzeit etwas ganz schön schief läuft.

Es ist noch nicht allzu lange her, da wurden Kameras, Smartphones und alles, was ein Display hatte, von Wasser mindestens so panisch ferngehalten wie von Salzsäure. Der Dokumentationswahn hörte dann auf, wenn es nass, actionreich oder gefährlich wurde. Tauchen, Klippenspringen, Skiabfahrten, Paragliding – alles Momente, die man nicht festhalten konnte, weil sie zu riskant für die heiligen iPhones waren. 

Seit es Action-Kameras wie die GoPro gibt, ist das vorbei. Es gibt keine Momente mehr, die wir nicht mehr festhalten können. 

Die GoPros haben die letzten undokumentierbaren Lücken des Alltages geschlossen.

Du willst auch raus in die Welt? Wie wäre es mit einem Städtetrip:

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Damit bringen sie uns einen Schritt weiter in Richtung des Lebensgefühls: Ich fotografiere, also bin ich. Und was ich nicht fotografiert habe – das war vielleicht gar nicht echt. Und alle, die nicht filmen oder sich wenigstens fotografieren lassen, haben das Gefühl, sie machen irgendwas falsch.

Das ständige Fotografieren, Filmen, Uploaden, Sharen und Liken hat eine seltsame Wahrnehmung erzeugt: Wenn ich es nicht dokumentiert habe, dann habe ich es nicht genossen. Und auch umgekehrt: Ich genieße es nicht, wenn ich nicht dokumentiere.

Der Griff zur Kamera, ob GoPro oder iPhone, passiert fast unterbewusst. Erst hunderte Male bei anderen gesehen, dann irgendwann kopiert und selbst übernommen.

Genieß ich es – film ich es.

Diese Denke nervt. Müssen wir uns wirklich eine Kamera auf den Kopf oder um den Körper schnallen, bevor wir in einen Bergsee springen? Wir wollen zwanghaft alles festhalten – und verlieren das Vertrauen in unser eigenes Gefühl, in unsere eigene Erinnerung.

Das Herzkopfen und die Euphorie bei dem Tauchgang, als plötzlich der Walhai auftauchte, werden nicht vergessen sein, nur weil der Walhai nicht eine Stunde später im Repeat-Modus wieder und wieder über das GoPro-Display schwimmt.

Vielleicht wäre die Erinnerung ohne die GoPro sogar intensiver. 

Weil wir wissen, dass wir diesen Moment nur ein einziges Mal erleben werden und ihn mit allen Sinnen aufsaugen müssen, um ihn zu behalten.

Vielleicht hätten die Hersteller auf die Verpackung der GoPro eine Warnung schreiben sollen: "Achtung! Ihr Leben wird automatisch nicht actionreich, wenn Sie es mit einer Action-Cam filmen." Dieser Irrtum scheint unter den GoPro-Käufern weit verbreitet.

 Wie sonst ist es zu erklären, dass mir in den unspektakulärsten Momenten ständig Leute mit einer GoPro auf dem Kopf begegnen? Wer sind diese Leute, die mit einer GoPro auf der Stirn jede Pool-Planscherei, jeden Sonntagsspaziergang und jede Belanglosigkeit festhalten?

(Bild: Andy Lee / Unsplash)

Sind das alles professionelle Reiseblogger? Oder Film-Studenten, die gerade ein neues Low-Budget-Projekt aus der Ich-Perspektive aufzeichnen? Oder doch Mitarbeiter der DB-Sicherheit, die sich ihre Bodycams versehentlich auf den Kopf geschnallt und ihre Warnwesten vergessen haben? 

Ziemlich unwahrscheinlich. Ich glaube, die Action-Cam-Besitzer, die überall ihr GoPro-Zyklopenauge draufhalten sind einfach Digital-Opfer, die Angst haben, ihr Leben nicht mehr zu spüren, wenn sie es nicht konservieren.

Neulich stand ein junger Mann neben mir, der seine laufende GoPro auf die Brust geschnallt hatte. Wir waren in einer halbvollen, verschnarchten U-Bahn an einem Mittwochnachmittag. Es passierte absolut nichts. Ich hätte ihn Isabel vorstellen sollen.

Und, wie durchschnittlich ist dein Urlaub?   


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