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Wie ich einmal mit einer Maschine flirtete

25.05.2016, 09:53 · Aktualisiert: 25.05.2016, 12:11

Unser Autor wurde bei Facebook von einer hübschen Frau angeschrieben und versuchte herauszufinden: Ist sie echt?

Lange Haare, dunkle Augen, nettes Lächeln. "Hi wie geht’s", schrieb sie und schickte eine Freundschaftsanfrage. Sie nennt sich Laura und gefiel mir ganz gut. Trotzdem war ich skeptisch; denn als 32-jähriger, männlicher Facebook-Nutzer mit dem Status "Single" erhalte ich fast täglich Freundschaftsanfragen von jungen, auffällig gutaussehenden Frauen.

Meist wurden diese Profile erst vor einigen Tagen angelegt, enthalten nur zwei bis drei Profilfotos, die sehr an Model-Datenbank erinnern. Fake-Profile also, die dann Seiten und Posts liken. Deswegen lässt sich mit solchen Profilen auch viel Geld verdienen: Anbieter verkaufen sie an Facebook-Seitenbetreiber, die sich so größer und wichtiger darstellen als sie wirklich sind. Facebook kämpft natürlich dagegen an: Anti-Spam-Algorithmen identifizieren, wenn Software-Roboter automatisiert Profile erstellen.

War Laura auch so ein Fake?

Auch bei Twitter feuert eine 15.000-Bot-Armee Propaganda-Botschaften zum Konflikt zwischen Ukraine und Russland ins Netz (bento). Und bei der kürzlich gehackten Fremdgeh-Plattform "Ashley Madison" sollen 70.000 Bots Frauen imitiert haben (SPIEGEL ONLINE, Gizmodo). Eine gigantische Gelddruckmaschine: Denn Nutzer mussten für das Versenden von Nachrichten bezahlen. Deswegen wird Ashley Madison sicher nicht die einzige Dating-Plattform sein, die mit Bots arbeitet.

Wenn sich die Fake-Profile bei Facebook ausreichend menschlich verhalten, dann rettet sie das vor der schnellen Löschung. Das geht, indem sie zum Beispiel viele "echte" Freunde gewinnen und mit ihnen Gespräche führen. Versuchte Laura das jetzt auch?

Ihr Profil schien glaubwürdig: Sie hatte mehr als 100 Freunde, ihre Posts reichen schon drei Jahre zurück, ihre Alben zeigen nicht nur die üblichen Model-Datenbank-Fotos.

"Hi, kennen wir uns?", schrieb ich also zurück, es folgten die typischen "Was machst du so?"- und "Wer bist du so?"-Fragen. In ihren Antworten blieb sie immer auffällig vage.

Schreibt ein Mensch das so? Oder flirte ich gerade doch mit einer Software, mit einer Artificial Intelligence? Noch einmal schaue ich mir ihr Profil an. Zwar finde ich viele Posts, doch sind sie bei genauerem Hinschauen auffällig generisch. Unter keinem Post wurde diskutiert. Meist teilte sie ohnehin nur meinungsfreie Spaß-Posts mit Zitaten oder Witzen.

Nun will ich es wissen.

Wahrscheinlich kann die Software einfach mein Profilfoto nicht interpretieren. Oder bin ich verrückt und unterstelle einer netten jungen Dame, nicht echt zu sein, nur weil sie eine höfliche, allgemein übliche Phrase verwendet?

Verständlich. Auch sonst verhält sich Laura eigentlich recht menschlich. Ihre Rechtschreibung ist glaubwürdig schlecht und es gibt eine realistische Verzögerung bei ihren Antworten, die der Nachdenk- und Tippzeit eines normalen Gesprächspartners entspricht. Sie benutzt Emojis, die zum Kontext passen. Sogar die Tipp-Animation im Messenger ist ausreichend lange sichtbar.

Ich komme nicht weiter. Meine Mitbewohner empfehlen mir, die Methoden des Turing-Tests anzuwenden. Er geht auf den Informatiker Alan Turing zurück, er dachte bereits 1950 darüber nach, wie man erkennt, ob eine Maschine denken kann wie ein Mensch. Moralische Fragen können Maschinen schwerer beantworten, müssen sie dafür doch gut und böse bewerten.

Als Laura und ich chatteten, ist gerade bekannt geworden, dass der Flug MH17 tatsächlich von den durch Russland unterstützten Rebellen abgeschossen wurde. Alle Medien berichteten damals darüber.

Danach war sie – oder sollte ich besser sagen "es"? – ziemlich sauer.

Oder schaute sie einfach keine Nachrichten und hat einfach nur fix gegoogelt was MH17 ist? Bin ich zu vorschnell gewesen?

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Mein Mitbewohner fragt, was eigentlich passiert, wenn ein Spam-Roboter auf einen anderen Spam-Roboter trifft. Unterhalten die beiden sich ewig miteinander? Oder gibt es ein System, vielleicht einen Code, wie sie einander erkennen?

Die Antwort kam sofort. Durch Google erfahre ich, dass die Rechnung aus George Orwells Buch "1984" stammt. Sie steht für das Paradox, dass Menschen die offensichtlichen Lügen der Diktatur glauben, obwohl sie wissen, dass es nicht die Wahrheit ist. Ich tippe:

Anhand einer einzelnen Antwort verrät sich der Bot nicht – wohl aber in der Kombination.
Linus Neumann, CCC

Das war es? Hab ich den richtigen Exit-Code erraten? Habe ich der Software bewiesen, dass ich ebenfalls ein Roboter bin? Oder war es nur ein Missverständnis zwischen zwei Menschen, einer paranoid, eine zunehmend genervt?

Ein letzter Versuch: Ich bitte Laura, eine SMS zu schicken oder ein Foto einer aktuellen Tageszeitung. Das ginge ihr alles zu schnell, schreibt sie. Wenige Sekunden später bin ich geblockt. Ich kann ihr nicht mehr schreiben.

Ich zeige Linus Neumann den Chatt, er ist ein Sprecher des Chaos Computer Club. Er sagt: "Anhand einer einzelnen Antwort verrät sich der Bot nicht – wohl aber in der Kombination. Das Gespräch verläuft ohne erkennbaren roten Faden, und die Antworten variieren je nachdem, wie eine Frage gestellt wurde zwischen ‘das sagt mir nichts’ und trivialem Wissen.” Er tippt auf eine Bot-Mensch-Kombination: “Mir drängt sich fast der Eindruck auf, dass der Bot vielleicht ein Fallback auf eine echte Person hat, die – wenn dem Bot die Worte fehlen – einschreiten kann, und so mehrere Bots betreut."

Und jetzt? Bin ich mir wirklich sicher, dass Laura eine Software ist? Zu 90 Prozent. Aber eine Ungewissheit bleibt.

Der Beitrag wurde in ähnlicher Form zuerst auf dem Echtzeit-Blog veröffentlicht. Ein Projekt der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.


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Pegida hetzt gegen Kinderschokolade, Südkorea erfindet Anti-Kater-Eiscreme: die Morgen-News

25.05.2016, 08:11 · Aktualisiert: 25.05.2016, 10:15

Pegida-Ableger hetzt gegen Nationalspieler

Oder auch gegen Schokolade: Die Facebook-Seite "Pegida BW - Bodensee" hat vor einigen Tagen ein Foto hochgeladen, das zwei Packungen Kinderschokolade mit lachenden Kindergesichtern darauf zeigt. Die sind aber dieses Mal nicht blond, und daher in der Augen der Pegidisten "nicht-deutsch". Was die Pegida-Seite nicht wusste oder bewusst verschwieg: In Wahrheit gehören die Kinderfotos zu den Nationalspielern Ilkay Gündogan und Jérôme Boateng – es ist eine Werbeaktion für die anstehende Fußball-EM. (SPIEGEL ONLINE)