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Facebook Messenger soll zur ultimativen Plattform für all deine Bedürfnisse werden

24.03.2016, 15:12 · Aktualisiert: 12.04.2016, 14:29

Du hast einen neuen Freund: den Kommerz.

Wenn Menschen auf ihr Smartphone schauen, dann sind sie mit allergrößter Wahrscheinlichkeit entweder auf Facebook unterwegs oder sie chatten in einem Messenger - allen voran iMessage, WhatsApp oder Facebook Messenger.

Allein Facebook Messenger wird von über 800 Millionen Menschen weltweit genutzt. Verabredungen treffen, alte Schulfreunde anschreiben, Unbekannte anflirten, sich mit Kollegen austauschen - die Gründe, um den Messenger zu nutzen, liegen auf der Hand.

Chatten ist in wenigen Jahren zu einer grundlegenden Kulturtechnik geworden. Was früher SMS und E-Mail war, findet heute vornehmlich im Messenger deiner Wahl statt.

Der große Vorteil dieser Kommunikation besteht darin, dass das Hin und Her im Messenger komplett in einem Stream festgehalten wird. Während E-Mails und SMS immer neue Nachrichten sind, bietet der Messenger alles in einem langen Thread. Immer auffind- und nachvollziehbar.

Neben reinem Text bieten Messenger auch die Möglichkeit, Fotos, Videos, Sprachnachrichten, Dokumente oder Links auszutauschen. Alles in Echzeit, wenn man denn will.

Und während Facebook schon lange nicht mehr ausschließlich genutzt wird, um sich privat auszutauschen, bietet der Messenger für viele genau das: einen echten Rückzugsraum.

Doch damit dürfte bald Schluss sein

WeChat ist in Asien der größte Messenger - und längst viel mehr als das

WeChat ist in Asien der größte Messenger - und längst viel mehr als das

In Asien ist es bereits seit Jahren absoluter Standard, den Messenger für weitaus mehr als nur zum Chatten zu benutzen. Der größte Messenger dort, WeChat, ist bereits für viele Nutzer alles in einem: News-Website, Bank, Pizza-Service, Chat-Room, Taxi-App - um nur einige der gängigen Anwendungsbeispiele zu nennen. Der Umweg über eine weitere App oder Google entfällt.

Genau das will Facebook nun auch: Google und andere Apps möglichst überflüssig machen. Auf der nächsten Entwicklerkonferenz f8, vom 12. bis 13. April, wird Facebook wohl nichts geringeres als die Öffnung des Messengers ankündigen: Andere Unternehmen sollen ihre Dienste direkt im Messenger anbieten können.

Die Idee: Den Messenger zum Werkzeug für alle nur erdenkbaren Akte der (kommerziellen) Kommunikation umbauen.

Egal ob eine Pizza bestellt, ein Flug gebucht oder ein Arzttermin arrangiert werden soll - künftig könnte alles über einen sogenannten Bot innerhalb des Messenger möglich sein.

Der Gedanke dahinter ist simpel: Warum sollte es für alles eine Extra-App geben, wenn man über ein paar kurze Befehle an den Bot einer bestimmten Marke im Messenger direkt alles an einem Ort erledigen könnte?

At Messenger we’re thinking about how we can help you interact with businesses or services to buy items (and then buy more again), order rides, purchase airline tickets, and talk to customer service in truly frictionless and delightful ways.
Facebook-Manager David Marcus zu Wired

Wie Dienstleistungen im Messenger funktionieren könnten

Egal ob ganz simpel mit Text, über eine Visualisierung oder per Sprachbefehl, Dienstleistungen könnten über den Messenger abgewickelt werden. Ein Beispiel:

Die Kreditkarte ist hinterlegt, die Adresse sowieso. Die Bestellung beim Pizza-Bringdienst-Bot dauert keine fünf Sekunden.

Bezahlen via Messenger - eine Sache von Sekunden

Bezahlen via Messenger - eine Sache von Sekunden

Facebook verspricht sich von der Öffnung des Messengers für externe Dienstleistungen eine "aggressive Skalierung" (Wired) wie es im Marketing-Sprech heißt. Bedeutet: Das Potential scheint grenzenlos.

Warum sich die Wirtschaft über die Öffnung des Messengers freuen dürfte

David Marcus war früher der Chef von PayPal, jetzt verantwortet er den Messenger bei Facebook

David Marcus war früher der Chef von PayPal, jetzt verantwortet er den Messenger bei Facebook

Kommerzielle Anbieter scheinen das ähnlich positiv zu sehen. Kein Wunder: Viele Anbieter, die gern ihre Produkte verkaufen möchten, verzeichnen zwar enorme Zugriffe auf ihre Web-Angebote über Mobiltelefone, verkaufen aber nur äußert selten auch darüber. Zu kompliziert ist zumeist der Prozess, ein Produkt wirklich zu kaufen: Aussuchen, auswählen, Konto anlegen, E-Mail bestätigen, Einkauf tätigen, E-Mail zur Bestätigung des Einkaufs erhalten, E-Mail zur Bestätigung der Konto-Registrierung erhalten, Versandbestätigung erhalten…

Durch die Öffnung des Messengers versprechen sich Dienstleister sehr viel schlankere Wege, Dinge an die Kunden zu bringen - und damit einhergehend ein sehr viel größeres Aufkommen von Spontankäufen.

Du bist auf dem Weg nach Hause und überlegst, was du essen willst: Gehst du jetzt einkaufen oder bestellst du kurz im Messenger einmal Pizza für alle? Die fünf Sekunden Zeit, die ein solcher Bestellvorgang dauern würde, könnte dein Konsumverhalten drastisch verändern.

Bereits seit einem Jahr testet Facebook im Messenger mit verschiedenen Partnern diese Form der kommerziellen Kommunikation. Uber ist ein prominenter Partner (newsroom.facebook):

Wer zum Start mit dabei ist

Zum Start der Öffnung des Messengers dürften bereits überraschend viele Großkunden mit an Bord sein. Facebook möchte sich zu diesem Thema nicht äußern. Klar scheint aber, dass die Fluggesellschaft KLM auf jeden Fall dabei ist: Sie experimentiert bereits seit einer Weile mit dem Messenger (digiday).

Spiel von Facebook im Messenger - ein Hinweis darauf, was alles möglich ist

Spiel von Facebook im Messenger - ein Hinweis darauf, was alles möglich ist

Wenn man etwa ein Ticket bucht, bekommt man im Messenger eine Nachricht mit dem Reiseplan, eine Benachrichtigung, wenn es Zeit fürs Boarding ist, Hinweise auf Verspätungen, auf das Gate. Es ist sogar möglich, das gebuchte Ticket direkt im Messenger zu stornieren.

Der Vorteil für die kommerziellen Anbieter liegt dabei nicht nur im entschlackten Bestellprozess. Vielmehr bietet es den Unternehmen einen direkten Zugang zum Kunden. Noch persönlicher als im Messenger geht es kaum, so das Versprechen von Facebook. Und wer eine Weile nichts bestellt hat, könnte ja mal kurz über einen netten Text daran erinnert werden. Nachdem das E-Mailpostfach überläuft hat der Kunde nun eine neue, direkte Verbindung mit dem Unternehmen.

Some people were surprised when I joined Facebook, but it's because I believe that messaging is the next big platform. And it's a once in a generation opportunity to build it.
Facebook-Manager David Marcus gegenüber Wired

Was dieser Schritt für Facebook bedeutet:

Erstens saugen sie noch mehr das Internet ein und arbeiten weiter an einem Parallel-Internet, über das ausschließlich sie die Kontrolle haben und die Spielregeln setzen. Wer im Messenger Dienstleistungen anbieten will, muss sich nach Facebook richten. So einfach ist das. Und viele werden das wollen, so das Kalkül von Facebook.

Zweitens erlangt Facebook noch sehr viel mehr Wissen über seine Nutzer:

  • Wer kauft wo ein?
  • Wer interessiert sich für welche Produkte?
  • Wer fliegt wohin?
  • Mit wem?
  • Wer isst was?
  • Wer bestellt wem Blumen?
  • Wer gibt wie viel Geld aus?
  • Wer hat sich schon lange nichts mehr gegönnt?

Die dadurch gewonnenen Informationen über die Nutzer sind nützlich aus Marketing-Sicht, schwindelerregend aus Datenschutz-Perspektive.

Facebook hortet und nutzt bereits heute ein Wissen über Privatpersonen und gesellschaftliche Trends wie kein zweites Unternehmen auf der Welt. Und mit der Öffnung des Messengers ist Facebook auf dem besten Weg, noch mehr über seine Nutzer zu erfahren.

Facebook weiß, was du willst

Wo noch kein Produkt existiert, sind auch Fragen des Datenschutzes noch nicht diskutiert. Mit Blick auf das Vorgehen von Google aber dürfte es keine Überraschung sein, wenn auch Facebook seinen Nutzern etwa auf der Grundlage des Chat-Verlaufs mit Freunden, bestimmte Dienstleistungen oder Produkte direkt im Messenger anpreist, respektive den User mit den Anbietern in Kontakt bringen könnte.

Werbung soll ebenfalls bald im Messenger eingeführt werden (TechCrunch). Da dürften die personalisierten Empfehlungen nicht so weit hergeholt sein.

Du hast einen neuen Freund: den Kommerz.

Weiterlesen

Wer noch tiefer in das Thema "Conversational Commerce" einsteigen möchte, dem seien folgende Text empfohlen:

  • 2016: The year of the conversational commerce (Medium)
  • Inside Facebook Messenger (Wired)
  • Facebook Messenger Bot Store could be the most important launch since the AppStore (Techcrunch)
  • Spannende Linkliste mit essentiellen Texten zum Thema (Johannes Klingebiel)
  • Empfehlenswert ist auch der Twitter-Account von Kollege Martin Hoffmann:@convjournalism